Garry Disher: Zuflucht, Aus dem Englischen von Peter Torberg. Unionsverlag, Zürich 2026, 336 Seiten, €24,00, 978-3-293-00624-9
„Der Tag hatte also seine Höhepunkte. Doch zu jedem Zeitpunkt hatte Grace Blicke in ihrem Rücken gespürt. Niemand beobachtete sie, es handelte sich nur um ihre übliche Über- Aufmerksamkeit, und doch gab es da draußen Augen, die sie aus großer Entfernung ins Visier nahmen.“
Grace Latimore ist eine geschickte Meisterdiebin, die sich auf Kunstdiebstähle spezialisiert hat. Aufgewachsen ist sie mit Adam, ihrem Ziehbruder, in einer lieblosen Pflegefamilie. Beiden haben sich gegenseitig beschützt bis Grace in die Hände eines korrupten Polizisten geraten ist, für den sie arbeiten musste. Adam fühlte sich verraten. Aber auch Adam kann nicht mehr auf eigene Rechnung stehlen, denn die umtriebige, wie empathielose Melodie Pithouse hat seine Schulden aufgekauft und er muss nun nach ihrer Pfeife tanzen. Als Privatdetektivin nimmt sie Aufträge an und gibt diese an Adam weiter oder sie versucht Leuten in schwierigen Situationen, wo die Polizei bereits aufgegeben hat, angeblich zu helfen. Letztendlich ist diese Betrugsmasche finanziell sehr einträglich, aber schäbig. Sogar Adam hat Zweifel und Mitleid.
Garry Disher umkreist in seinem Roman Kleinkriminelle, die mit Betrügereien Geld verdienen, aber auch auf Rache sinnen. Der australische Erfolgsautor führt unterschiedliche Handlungsstränge zusammen und stellt so Verbindungen zwischen seinen Figuren her. Da sind Adam und Grace, die sich nach Jahren auf einer Briefmarkenausstellung beinahe begegnet wären. Zwar hatte sich Grace für ihren Auftritt wie immer kostümiert, doch Adam hat sie erkannt. Grace flieht und versucht ein geregeltes Leben in Battendorf, in den Adelaide Hills, wo sie bei der schüchternen, menschenscheuen Erin Mandel einen Job als Antiquitätenverkäuferin und Einkäuferin bekommt. Die sehr unterschiedlichen Frauen freunden sich langsam an und beginnen, einander zu vertrauen. Ein Gefühl, auf das sich Grace nie so recht einlassen konnte.
Und da ist Brodie Hendren, ein mieser Online-Händler, der per Zufall seine Ex-Frau Karen in einer Fernsehsendung im Hintergrund erkennt. Insbesondere die Frauen fürchten sich vor ihren Ex-Partnern und hassen es, dass neuerdings überall Kameras nicht zu ihrem Schutz installiert sind. Adam begibt sich nun auf die Suche nach Grace und Hendren startet ebenfalls bewaffnet einen Rachefeldzug und sucht Karen, die heute Erin Mandel heißt. Überlegt Grace kurzzeitig, ob sie ihr Nomadenleben aufgeben sollte und an einem Ort bleiben könnte, spürt sie Adam bereits im Rücken. Ein letzter großer Hauseinbruch soll ihr den nötigen finanziellen Puffer einbringen. Doch ausgerechnet bei diesem Coup kommt sie dem alten Polizisten Desmond Liddington zu Hilfe, der sich gegen zwei Typen mitten in der Nacht wehren muss. In einem Wirrwarr der Zufälligkeiten haben die Frauen Glück und entkommen kurzzeitig ihren Peinigern.
Ohne Beschreibungen von Gewaltszenen versteht es Garry Disher von ambivalenten, lebensechten Figuren zu erzählen, die sich auf ihre Weise durchs Leben kämpfen und für die die Lesenden im Laufe der Lektüre möglicherweise sogar Sympathie empfinden. Immer mit dem Rücken an der Wand und bei aller Vorsicht läuft jedoch nichts, so wie erhofft. Allerdings werden die richtig miesen, gefühllosen Soziopathen getötet oder körperlich außer Gefecht gesetzt.
Etwas Gerechtigkeit für Menschen, die nicht geschützt werden oder mit dem Gesetz nichts anfangen können und ihre eigenen Regeln aufstellen.