Lina Muzur (Hg.): Frauenprobleme . 33 Neue Nachrichten, Hanser Berlin bei Carl Hanser Verlag, München 2026, 221 Seiten, €22,00, 978-3-446-28587-3
„Ich bin ziemlich lost mit Mitte vierzig, in der Mitte des Lebens, in der ich gerade in eine neue Person reinwachse, aber gar nicht sagen kann, wer die so ist. Und mich gerade neu definiere, auch beruflich, weil ich einfach merke, dass das Alte nicht mehr valide sein kann. Ich kann nicht mehr weitermachen, wie ich all die Jahre war.“
Sie sitzen auf Spielplätzen, am Abend am Küchentisch oder irgendwo in Istanbul, Frauen zwischen Ende dreißig und Mitte fünfzig und formulieren ihre Sprachnachrichten ( maximal 15 Minuten ) ins Smartphone. Gefragt wurden sie von der Herausgeberin Lina Muzur, aktuell Verlagsleiterin von Hanser Berlin, nach Frauenproblemen. Das erinnert natürlich an Maxie Wanders in der DDR veröffentlichtes, extrem erfolgreiches Buch „Guten Morgen, du Schöne“.
Franka, Jacky oder Lena, nicht immer sind die Namen ihre richtigen, nutzen die Gelegenheit um in ihren mal kürzeren, mal längeren Gedankenströmen über sich und ihr Leben zu erzählen, um herauszufinden, wo sie stehen, was sie bewegt, was sie ärgert, wo sie hinwollen. Als persönliche Angaben werden Alter, Anzahl der Kinder und Wohnort angegeben. Doch nie erfährt man etwas Genaueres über den Beruf, mal fallen nur Stichworte wie, einen Film gedreht, im Verlag gearbeitet oder als Journalistin oder Literaturwissenschaftlerin, ein Buch geschrieben. Und so stellt sich schnell die Vermutung ein, dass diese Frauen aus dem Umfeld der Herausgeberin eher in künstlerischen Bereichen tätig sind. Ebenfalls erfahren wir, dass gerade in diesem Berufsfeld die prekäre Bezahlung und die Freiberuflichkeit Probleme mit sich bringen. Viele Frauen leben allein mit ihren Kindern, haben mehr oder weniger Unterstützung und hadern mit der sogenannten Care – Arbeit und ihrer mentalen Belastung, die sich oft in Erschöpfungszuständen, aber auch Wutanfällen zeigt. Alle Frauen sind berufstätig, auch Vollzeit mit Kindern. Sie kümmern sich um ihre Eltern, sie legen To-do-Listen an, sie geben die Kinder in der Kita ab oder freuen sich über die Selbständigkeit ihrer Teens, sie pflegen ihre Freundschaften und Beziehungen. Sie spüren und beklagen politisch und sozial den Riss in der Gesellschaft, die Unfähigkeit sich auseinanderzusetzen, die simple Sicht mal schwarz, mal weiß. Sie wünschen sich Entschleunigung, wobei sie ihren Drang nach Perfektion, gepusht durch soziale Medien oder ihr Umfeld, einfach nicht abstellen können. Mehr als Generationen vor ihnen fühlen sie sich getrieben und würden doch allzu gern einfach mal alles fallen lassen und sie selbst sein. Vieles haben die Frauen der Generation X hinter sich, Zeit für ein Resümee oder Zeit, um das Ruder des Lebens herumreißen. Einige machen sich in der Mitte des Lebens, so wie die vierzigjährige Saralisa, die mit ihren vier Kindern in Berlin lebt, auf die Suche nach neuen Ufern.
„Ich durchlaufe eine sehr große Innenschau. Ich glaube, die hatte ich lange nicht in dieser Form. Und auch wenn die ein bisschen pubertär ist – man hat ja vielleicht eine zweite Pubertät in seinen Vierzigern -, finde ich doch, dass sie unfassbar wichtig ist, weil sie nochmal den Charakter und die Identität prägt. Ich glaube, es ist ganz klug, da im Laufe des Lebens nochmal hinzugucken und sich zu überlegen: Wer bin ich? Und vor allem: Wer will ich sein für den Rest?“
Einige Frauen stellen erleichtert fest, dass sie nun nicht mehr mit ihrem Körper hadern, dass sie das Älterwerden genießen können. Andere sprechen über die Wechseljahre, die sie belasten, über die sie aber im Gegensatz zu früher viel mehr offen reden können und auch Zugang zu vielen Informationen finden.
Auch wenn alles anonymisiert ist und dies auch zu verständlich ist, möchte man an bestimmten Stellen, ohne Voyeurismus, wirklich mehr Details wissen und wünschte sich, man könnte nachfragen. Und natürlich sagt auch eine Frau ganz ehrlich, dass sie es in ihren Ausführungen nicht sein wird. Schade eigentlich.