Louise Hegarty: Fair Play, Aus dem Englischen von Eva Bonné, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2026, 347 Seiten, €25,00, 978-3-423-28523-0

„Seine Gedanken kreisten um das mögliche Motiv. Er stand vor der Aufgabe, die Fäden zu entwirren und sich einen Weg durchs Dornengestrüpp zu bahnen. Verbrechensaufklärungen waren nicht so kompliziert, wie die Leute gemeinhin glaubten: Man musste die Zeugen einfach nur so lang bedrängen, bis sie etwas preisgaben – sei es ihre Schuld, eine Unterlassung, einen Zwist, einen Konflikt zwischen zwei Menschen. Eine zeitraubende Arbeit, aber die Erleichterung im Moment der Wahrheit war köstlich. Bell hatte gelernt zu warten, bis die Wahrheit sich ihm von allein offenbarte.“

Eine Gruppe von Freunden feiert in einem irischen Landhaus Silvester und an Neujahr den Geburtstag von Benjamin. Benjamins Schwester Abigail, die Eltern sind bereits verstorben, bereitet alles vor und freut sich über die anreisenden Gäste. Das Haus ist groß genug, um allen einen bestimmten Komfort zu ermöglichen. Da sind die Freunde aus der Kindheit: Stephen, in den Abigail immer noch verliebt ist, obwohl er eine Freundin hat, und Declan, der nicht so ganz in die Gemeinschaft passt und immer wieder Geldbeträge von Benjamin erhält, da er Glücksspiele liebt. Auch Cormac ist ein langjähriger Freund. Er reist mit Olivia, seiner Verlobten an und dann gehört zur Gruppe noch Margaret, die mal mit Benjamin liiert war und die neue Kollegin von Benjamin Barbara, die sich ein bisschen fremd fühlt. Die Party beginnt mit einem Krimi-Dinner, an dem alle äußerst ausgelassen teilnehmen und dann bis weit nach Mitternacht Benjamins Geburtstag feiern. Doch am kommenden Morgen erscheint Benjamin nicht zum Frühstück und seine Tür ist verschlossen. Er hat Suizid begangen oder wurde ermordet. Soweit die Ausgangslage der Geschichte. Doch Louise Hegarty verschachtelt diese mit einer weiteren Fiktion in der Fiktion und erinnert so an englische Rätselkrimis des sogenannten Golden Age.
Im zweiten Teil taucht nun ein Privatdetektiv auf, der den berühmten Figuren Agatha Christies ähnelt und es gibt immer wieder dezente Hinweise auf ihre Romane. Auguste Bell wird von Abigail hinzugezogen, da die Polizei davon ausgeht, dass sich ihr Bruder Benjamin selbst getötet hat. Gleich zu Beginn werden genauestens die Regeln des Fair Play, entnommen aus Literaturzeitschriften der damaligen Zeit, festgelegt, nach denen die Rätselkrimis der 1920er Jahre funktionierten und dafür sorgen sollten, dass die Ordnung wiederhergestellt wird. In einem unterhaltsamen Erzählstil erfolgen nun die Befragungen, wobei immer wieder auf das Tempo der Aufdeckung eines Kriminalfalls und die Regeln hingewiesen wird.

„All diese Informationen köchelten in seinem Verstand sanft vor sich hin, und irgendwann – vermutlich im dreiundzwanzigsten Kapitel – würde die Lösung blubbernd an die Oberfläche steigen.“

Nach und nach entsteht so ein Bild über die Beziehungen der einzelnen Protagonisten untereinander, die bei der Party anwesend waren. Nebenher gestreute Bemerkungen könnten auf den Täter oder die Täterin hinweisen. Außerdem wird vermutet, dass auch ein Juwelenschmugglerring, der in der Umgebung sein Unwesen treibt, in den Fall involviert sein könnte.
Louise Hegarty lässt so die Lesenden in ihrem Debütroman mitraten und immer wieder hält auch Auguste Bell mit seinen Vermutungen nicht hinter den Berg und konstruiert für jede Person ein passendes Motiv.
In der gegenwärtigen Handlung jedoch schimmert immer wieder die Trauer der Schwester um den Tod des Bruders, für die sie nach Erklärungen sucht. Der Spaß des Krimi-Dinners oder des Rätselkrimis kommt hier nicht auf, denn der Verlust eines Menschen hat nichts mit Regeln oder einem Fair Play zu tun. Er ist einfach nur unbegreiflich und tragisch.