Christoph Peters: Entzug, Luchterhand Verlag, Hamburg 2026, 400 Seiten, €24,00, 978-3-630-87785-3

Mon Chéri. Begonnen hat es mit Mon Chéri. Samstagsabends, wenn wir im Esszimmer vor dem Fernseher saßen. Es lief das Ohnsorgtheater oder eine dieser Spielshows mit Rudi Carrell, Hans-Joachim Kuhlenkampff, Peter Frankenfeld.“

Zu dieser Zeit war Christoph Peters, der offen zugibt, dass es in diesem Roman um seine persönliche Leidensgeschichte geht, ein Teenager. Zu allen möglichen Gelegenheiten wird am Niederrhein, wo der Autor 1966 geboren wurde, getrunken, beim Frühschoppen, bei Festen. Und später dann auf dem Gymnasium und beim Studium sowieso. Hinter dem neununddreißigjährigen Ich – Erzähler liegt eine lange Trinkerkarriere, für die es immer wieder auch vollmundige Begründungen gibt. Der Künstler braucht Wein oder später Wodka für den kreativen Prozess, zumal Peters zuerst eine Malerkarriere anstrebte. Viele berühmte Autoren, die sich angeblich ihren Dämonen stellten, konsumierten endlos Alkohol.
Als Peters dann in Berlin lebte, nochmals heiratete und ein Kind bekam, wurde ihm langsam klar, dass er auch bei allen Beteuerungen, dass er jederzeit aufhören könnte zu trinken, den Absprung nicht mehr schaffen würde. Seine „hochkomplizierte Lügenlogistik“ funktionierte einfach nicht mehr und die Angst vor dem Verlust seiner Arbeit dominierte.
Akribisch und vor allem wirklichkeitsnah ohne Selbstmitleid beschreibt Christoph Peters im ersten Teil des Romans wie er sich mit dem bestimmten Pegel Alkohol bereits am Morgen fühlt, wie seine Hände zittern, wie er demütigende Verstecke in der Wohnung, zu denen seine Frau und sein Kind keinen Zugang haben, sucht, wie er bereits am Vormittag auf dem Weg zum Einkauf in Kneipen Schnäpse kippt. Er kann sich kaum mehr konzentrieren, seine Beine werden langsam taub, jede Aktivität strengt ihn maßlos an. Und dann erhält er auch noch eine E-Mail von seinem Verleger, der den Anfang seines neuen Manuskripts gelesen hat und nicht zufrieden ist. Peters sieht sich bereits obdachlos vor dem Aldi sitzen, denn seine Frau, die seine Sucht eigentlich bereits klar erkannt haben muss, hat ihm deutliche Ansagen gemacht und auch die Trennung in Aussicht gestellt.

„Es ist Krieg, ein Krieg gegen mich selbst, gegen die Wehrhaftigkeit des Materials, der Sprache, der Empfindungen. So oder so kann ich die Probleme, keins von ihnen, heute, in diesem Moment – jetzt – lösen.“

Und dann zieht er die Reißleine, ausgelöst durch eine simple Frage seiner Frau. Er begibt sich im zweiten Teil des Romans in die Phase des Nicht-Trinkens, in den harten Entzug über vierzehn Tage. Zwar ist die Rückfallquote Suchtkranker zwischen 90 und 95 %, aber er ist optimistisch, die Ärzte vermuten zu optimistisch. Wie er im Detail die Entgiftung beschreibt, ist wirklich schmerzhaft. Den Angeboten in der Klinik, wie Ergotherapie, Gespräche mit Psychologen, Selbsthilfegruppen u.a. traut der Autor nicht so richtig. Auch die Kontakte zu den weiteren Patienten im Krankenhaus bleiben an der Oberfläche, sind aber für die Entwöhnung von Bedeutung. Durchringen kann er sich zum sogenannten Jellinek – Aufsatz, dessen Thema die ehrliche Darstellung seiner eigenen Trinkerbiografie sein soll.
Der Autor erkennt am Ende, dass er kein „radikalindividualistischer Grenzgänger“ ist, „sondern ein gleichgeschalteter Suchtkranker“.

Über die Alltagsdroge Alkohol haben Hans Fallada, Fjordor Dostojewski oder Joseph Roth und viele andere geschrieben. Nun auch Christoph Peters, von dem zuletzt die Trilogie „Der Sandkasten“,“Krähen im Park“ und „Innerstädtischer Tod“ erschienen ist. Er erzählt nun nach zwanzig Jahren abstinentem Leben völlig unsentimental, sprachlich kraftvoll und schonungslos von der eigenen Kapitulation und Rettung.

Empfehlenswert!