Florian Scheibe: Die Verluste, btb Verlag, München 2026, 512 Seiten, €25,00, 978-3-442-76293-4
„Er machte sich keine Illusionen. Erst einmal würden alle dagegen sein, und wahrscheinlich erklärten sie ihn sogar für verrückt. Bestimmt versuchten sie, ihn davon abzubringen. Aber paradoxerweise fühlte sich die Entscheidung dadurch noch besser an, noch klarer. Noch mehr nach seinem eigenen Wunsch.“
Nachdem der bald achtzigjährige Klaus Werner seine vom Vater übernommene Firma erfolgreich verkauft hatte, zog er mit seiner Frau Kaja vor zwanzig Jahren in die Schweiz. Keines seiner Kinder wollte je in seine Fußstapfen treten. Stefan, Jonas und Anna leben weit entfernt von den Eltern und führen ihre eigenen, mehr oder weniger glücklichen Leben.
2023. Die kompromisslose Umweltaktivistin Anna, die sich von Bremen aus für den Erhalt der Meere einsetzt, hat sich ganz von der Familie verabschiedet. Jonas, nun mittlerweile vierzig Jahre alt und geschieden, schafft es nach seinem anerkannten Debütroman, der vor acht Jahren erschienen ist, kein neues Werk vorzulegen. In Berlin wohnt er völlig abgebrannt und Bier trinkend in einem überteuerten, kleinen Neuköllner WG – Zimmer und schlägt die Zeit tot. Jonas, verheiratet, drei Kinder, arbeitet als Augenarzt mit gut gehender Praxis in München. Doch sein Alltag ermüdet ihn, die alten Patienten nerven, die laufenden Kosten fressen ihn auf und am liebsten würde er den ganzen Tag lang Candy Crash spielen und seine Wut auf alles endlich ausleben. Außerdem betrügt ihn seine Frau, sie arbeitet als Physiotherapeutin, mit einem Kollegen. Den Tod des Vaters vorausgesetzt träumt Stefan vom sorglosen Leben im Haus seiner Eltern. Auch Kaja, die attraktive Frau von Klaus, die alle Probleme einfach so hinweglächelt, tummelt sich auf Tinder. Dabei hätte sie so gern ihre Enkel um sich und isst in ihrer Einsamkeit all die Süßigkeiten auf, die sie für die Kinder, die nie erscheinen, gekauft hatte.
Jeder in dieser Familie hat seine Geheimnisse und ist sich selbst am nächsten. Alle, außer Anna, haben finanzielle Erwartungen an den millionenschweren Vater, der ebenfalls früh pensioniert, in der schönen, wohlgeordneten Schweiz am Bodensee sich immer mehr einigelt und kein Interesse, weder an den Kindern noch an der Gemeinschaft hat. Seiner Meinung nach sind seine Söhne irgendwann in ihrem Leben falsch abgebogen und seine Tochter erwartet, dass er sein Geld in NGOs investiert. Doch Klaus, gefangen von einer diffusen Angst vor den bedrohlichen Geschehnissen in der Welt, will nach einer Panikattacke nur noch eins, Geborgenheit in fensterloser Stille. Sein Plan zum Entsetzen der Familie lautet, dass er einen riesigen Luxusbunker ( Eigentlich hat er als Bewohner der Schweiz Anrecht auf einen Bunkerplatz in der Gemeinde. ) für 13 Millionen Franken auf seinem Nebengrundstück für den Ernstfall und vorgeschoben als Investment für sich bauen lassen will. Er will kaum die Welt die retten, nur sich selbst und wenn es sein muss, auch die Familie.
Florian Scheibe erzählt chronologisch auf den achtzigsten Geburtstag des Patriarchen hin. Aus den unterschiedlichen Perspektiven von Klaus, Kaja, Stefan, Jonas und Anna verfolgen die Lesenden deren innere Gedanken, ihre Alltagssorgen, ihre unterdrückten Emotionen und Abgründe. Hatte Ruth, die Mutter von Klaus, die langsam in die Demenz sinkt, doch ihren Enkel Jonas darum gebeten, Klaus nach ihrem Tod einen Brief zu geben. Doch Jonas, der immer alles aufschiebt und Konflikten umständlich aus dem Weg geht, kommt dieser Bitte erst nach dreizehn Jahren nach. Allerdings ist der Brief nun durch einen Wasserschaden kaum noch richtig lesbar und offenbart ein neues Familiengeheimnis. Kurz vor dem angeblichen Untergang der Gesellschaft trifft auch Klaus ausgetrickst von einem osteuropäischen Gauner absolut falsche Entscheidungen, die ihn enorm viel Geld kosten werden und die Familie letztendlich nicht versöhnt.
Bunkern sich die mehr als wohlhabenden Bürger und Bürgerinnen ein oder investieren die Tech-Milliardäre bereits in eigene Inseln oder Unterweltstädte für Reiche, so kämpfen die anderen für saubere Meere mit allen Mitteln oder plagen sich mit Alltagsstress und immensen Lebenshaltungskosten. Jeder, so auch die Maximen vieler Länder wie USA, Russland und China, schaut gegen alle Widerstände nur noch auf die eigenen Vorteile. Und dabei interessiert sich niemand für den Klimaschutz oder die Ärmsten der Welt, die durch Kriege Hungersnöte leiden.
Gebannt taucht man in diese gesellschaftskritische Geschichte ein. Die Sprache, in der Florian Scheibe aus Einzelszenen das bedrückende Bild einer dysfunktionalen Familie realitätsnah zusammensetzt und von einer unerfüllten Sehnsucht nach Nähe und vor allem dem wahren Sinn im Leben erzählt, ist gradlinig und unverstellt. Man staunt über die einzelnen Entscheidungen der ambivalenten Protagonisten und ist doch am Ende nicht nur mitgenommen und nachdenklich, sondern auch angerührt.