Anette Hinrichs: Nordlicht – Das fremde Gesicht, Blanvalet Verlag, München 2026, 477 Seiten, €13,00, 978-3-7341-1209-6
„Der Leichnam war nicht beschwert worden. Es war also nicht vorgesehen gewesen, ihn auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen. Vielmehr hatte der Täter gewollt, dass der Tote entdeckt wurde. So wie Falk Tauber-Hansen und Mikkel Rønnow. Was war der Grund dafür?
Und weshalb hatte man die jungen Männer umgebracht? Oder ging es nur um reine Mordlust? Auch so etwas kam vor.“
Ein neuer Fall für die eigenwillige Kriminalkommissare Vibeke Boisen aus Flensburg und den unkonventionell handelnden Rasmus Nyborg aus Ebsbjerk – das bewährte deutsch-dänische Ermittlerpaar.
( Besprechungen der „Nordlicht“ – Reihe sind in diesem Literaturblog zu finden. )
Auf der dänischen wie deutschen Seite geschehen grausige Morde an jungen Männern, die im gleichen Alter sind. Der Täter hat ihnen den Mund mit Gaffer-Tape verschlossen, d.h. die Todesursache ist in allen Fällen ersticken. Bei allen Toten befinden sich in den Mundhöhlen Teile aus einem Foto mit einem fremden Jungengesicht. Gleich beim ersten Tatort fällt Vibeke Boisen auf, dass der Tod des Opfers inszeniert wurde. Auch die folgenden Morde sollen unbedingt und schnell entdeckt werden. Die ermordeten Männer, die Falk Tauber-Hansen, Joakim Eriksen, Mikkel Rønnow, Simon Laudrup und Linus Kaufmann heißen, stammen aus ganz unterschiedlichen Familien und haben achtbare Berufe ergriffen oder studieren noch. Keine dieser Personen ist polizeilich erfasst worden. Schnell bildet sich die Sondereinheit GZ Padborg. Als festgestellt wird, dass die jeweiligen Fotos den gleichen Hintergrund zeigen, ist klar, die Ermittler haben es mit einem Serienmörder zu tun und seine Arbeit ist noch nicht beendet. In akribischer Weise beginnen Vibeke und Rasmus nun mit den Befragungen und der Suche nach dem Motiv, das offensichtlich in der Vergangenheit zu finden ist. Rasmus allerdings ist neben diesem Fall erneut damit beschäftigt, Kontakte zur serbischen Drogenmafia zu knüpfen. Er sucht nach Dimitri Markov, an dem er sich für den Freitod seines fünfzehnjährigen Sohns Anton rächen will. Seine neue Freundin Maja Eriksen, die Vizepolizeiinspektorin, hat keine Ahnung, was Rasmus hinter ihrem Rücken plant. Zumal er auch noch unvorsichtig ist und in einen gefährlichen Hinterhalt gerät und verprügelt wird.
Parallel zur gegenwärtigen Handlung lernen die Lesenden Ann Lind kennen, die auf der Insel
Rømø ihren alten Vater besucht und seine Kritik ertragen muss, da sie sich von ihrem Mann getrennt hat. Ann begegnet dem siebenundzwanzigjährigen Tjelle Brandt, einem Außenseiter, der im Naturcenter arbeitet und Führungen im Watt macht. Er hatte einen Anruf von Mikkel Rønnow verpasst, der nun tot ist. Tjelle und Ann kennen sich offensichtlich, doch er geht ihr aus dem Weg.
„Unwillkürlich gingen Ann Linds Gedanken zur Vråby Plantage, zu dem Kiefernwald und den bunten Holzhäusern, sie hörte Kinderlachen. Ihr Magen krampfte sich zusammen, … Sie … verbot sich jeden weiteren Gedanken.“
Weiterhin erzählt Anette Hinrichs von Kristoffer Frost, einem einsamen Jungen, der sich die falschen Freunde in seiner Wohnsiedlung gesucht hat und schnell mit der Polizei in Kontakt kommt und später sogar im Gefängnis landen wird.
Was Ann Lind, ein Sommerlager auf Rømø, Kristoffer Frost und die ermordeten Männer miteinander zu tun haben, müssen die Ermittler herausfinden, um zu verstehen, wer hinter all den grausamen Taten in der Vergangenheit und Gegenwart steckt.
Atmosphärisch genau beschreibt Anette Hinrichs die interessante Grenzregion zwischen Deutschland und Dänemark so wie die Angehörigen und Freunde der Toten, die mal bestürzt, mal aggressiv auf Fragen der Ermittler reagieren und ihnen die Arbeit mehr als schwer machen.
Spannend und wie immer absolut lesenswert!