Eva Lohmann: Wie du mich ansiehst, Eisele Verlag, Berlin 2025, 240 Seiten, €24,00, 9783961612505

„Es ist seltsam, denkt Johanna. Alle wünschen sich, schön zu sein – aber niemand will sich bei diesem Wunsch erwischen lassen.“

Fühlen sich Frauen ab vierzig wirklich so unsichtbar und unbeachtet? Wie sollen sich dann Frauen ab fünfzig oder gar sechzig fühlen?
Die vierzigjährige, leicht chaotische Johanna jedenfalls als Hauptfigur in Eva Lohmanns neuem Roman spürt, dass sie von der männlichen Welt keine Beachtung mehr erfährt. Dabei hat sie ihrer fünfzehnjährigen Tochter Rosa beigebracht, dass Äußerlichkeiten nichts mit Charakter zu tun haben. Sie selbst jedoch kauft sich nicht mal ein Brille, obwohl klar ist, dass sie eine Sehhilfe unbedingt benötigt. Und sicher ist Johannas Gesicht auch nicht von Schicksalsschlägen gezeichnet und Grames- wie Zornfalten zwischen den Augen haben viele Frauen. So lebt Johanna in einer großzügig geschnittenen Wohnung (vielleicht in Hamburg), ist seit Jahren mit einem ordnungsliebenden Kapitän verheiratet, hat eine Tochter, die entsprechend ihres Alters pubertär rebelliert und führt ihr eigenes Blumengeschäft mit Höhen und Tiefen. Finanziell geht es ihr im Gegensatz zu ihrer Mutter Betty bestens. Betty hatte sich von ihrem Mann Karl getrennt, da war Johanna so alt wie ihre Tochter heute. Nun ist Karl vor drei Monaten verstorben und hat der Tochter seinen Garten vererbt.
Aus der personalen Perspektive erzählt die Autorin von Johannas Alltag, aber auch ihren Erinnerungen an vergangene Zeiten, wie sie ihre Lehre absolviert hat, ihren Mann kennengelernt hat und die Zeit mit Rosa als Kleinkind war. Vor kurzem hat Johanna die dreißigjährige Ruby eingestellt, die zwar keine Ausbildung als Floristin vorweisen kann, aber Unwissen mit Eifer, Selbstbewusstsein und guten Ideen wettmacht. Auch den Garten von Johanna würde Ruby am liebsten bepflanzen und somit auf importierte Blumen verzichten. Auch Ruby lässt mal etwas spritzen, wenn die Nächte mit Kind zu kurz waren. Die erste Behandlung, zu der sich Johanna für gute fünfhundert Euro entschließt, verhilft nur ihr zu einem wohligen Gefühl. Weder ihr Mann noch ihre Tochter bemerken, dass ihre Zornesfalte entschwunden ist. Wie eine Sucht, Ruby hatte sie davor gewarnt, zieht es Johanna nun zum Schönheitschirurgen. Doch was ist der Antrieb? Auch die Freundin aus fernen Schulzeiten kann nicht nachvollziehen, warum Frauen sich unters Messer legen.
Als der Chirurg dann beim Lippenaufblasen patzt, kann Johanna vor ihrer Familie kaum verbergen, wo sie beim Arzt war. Zu allem Unglück hatte er auch noch festgestellt, dass sie wahrscheinlich Hautkrebs hat.
Nun ist die leichthändig geschriebene Handlung nicht auf extremes Drama angelegt und doch lässt der Unterhaltungsroman kurzzeitig alle Handelnden in einen Abgrund schauen. Alles wird sich auflösen, keine Scheidung, kein Tod, keine Katastrophen bahnen sich an und doch verändert das Geschehene die fiktiven Figuren und vielleicht auch den Blickwinkel der Lesenden.