DIE PROMENADE

Véronique Olmi: Die Promenade, Kunstmann Verlag, München 2009, 240 Seiten.

�Irgendetwas sagte mir, dass ich bald an der Reihe sein, dass ich bald ein Recht auf mein eigenes Leben haben würde, dass mich eine Menge neuer Erlebnisse erwarteten, die ich mir noch gar nicht vorstellen konnte, 'Das Schicksal', würde meine Gro�mutter sagen.� 1970: Die dreizehnjährige Sonja ist ein einsames Kind. Immer wieder hört sie von ihrer besorgten Gro�mutter die alten Geschichten von der letzten Zarenfamilie, den Romanows und dem rätselhaften Verschwinden von Anastasia. Sonja ist die beobachtende Erzählerin, aus ihrem Blickwinkel verfolgt der Leser die authentische Handlung. Mascha Sergejewna Lubowski, die Exilantin aus Petersburg, ist 1924 in Nizza gestrandet und hat sich mit ihrem Dasein an der Côte d�Azur abgefunden. Und doch holt sie die Vergangenheit immer wieder ein, sie fühlt sich von Breschnew verfolgt und unter Beschattung. Keine Sekunde kann Sonja einen Schritt allein machen, denn irgendwo könnten schwarze Limousinen lauern. Die Gro�mutter hat mit ihrer Verfolgungsangst, der Last der Vergangenheit und ihrem lächerlich stolzen Kampf gegen das Altwerden die eigene Tochter vergrault, die sich entschlie�t nach Paris zu gehen. Sonja wünscht sich nur eines: Normalität und Helligkeit. Niemand kann ewig mit den Schatten der Vergangenheit leben. Wie eine Figur von Chagall möchte sie abheben und dem alltäglichen Gezeter davonfliegen. In Wahrheit flieht Sonja in die Literatur zu Tolstoi, Daphne de Maurier und Tschechow. Hier kennt sie sich aus. Stalin, Lenin oder Rasputin sind ihr näher als die Kinder in ihrer Wohngegend. Fast eine Hassliebe verbindet Sonja mit ihrer Gro�mutter, der unbeugsamen Frau, die sich so huldvoll der Concierge gegenüber benimmt wie eins in anderen Zeiten dem Personal gegenüber. Sonja schämt sich für das schlechte Französisch ihrer Gro�mutter, für die Briefe, die sie an den Chefredakteur der Zeitschrift Historia schickt, ohne je eine Antwort zu erhalten. Sie existiert für ihre Gro�mutter nur als wohl verhaltendes Publikum für ihre ewig gleichen Geschichten.

Aber Sonja leidet auch mit der Gro�mutter mit, die wie der Gro�vater Gewalt und Verlust erleben musste. Am Ende kann sie endlich ihre Unzufriedenheit hinausschreien, sich befreien und Anastasias Geheimnis hören.

Zum ersten Mal schreibt Véronique Olmi über ihre Heimatstadt Nizza und ihre Gro�mutter. Mit viel Feingefühl und einer Portion Humor legt sie die Wunden frei, an denen alle Figuren dieser sensiblen Erinnerung leiden. Unnachahmlich ist die poesievolle Sprache der französischen Autorin.