{"id":843,"date":"2019-06-22T11:39:07","date_gmt":"2019-06-22T09:39:07","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=843"},"modified":"2019-06-22T11:39:07","modified_gmt":"2019-06-22T09:39:07","slug":"du-bist-sowas-von-raus-echte-geschichten-aus-der-arche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/du-bist-sowas-von-raus-echte-geschichten-aus-der-arche\/","title":{"rendered":"Du bist sowas von raus! Echte Geschichten aus der Arche"},"content":{"rendered":"<p><strong>Beate D\u00f6lling: Du bist sowas von raus! Echte Geschichten aus der Arche, Gabriel Verlag, Stuttgart 2013, 298 Seiten, \u20ac14,95, 978-3-522-30354-5<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eAlso eins wei\u00df Ela ganz genau: Sie will erst Kinder haben, wenn sie verheiratet ist und ein sch\u00f6nes Haus hat und einen Mann, auf den man sich verlassen kann.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Sie hei\u00dfen Ela, Lilly, Basha, Pearl, Vin oder Romy, sie wohnen in Berlin, Hamburg oder M\u00fcnchen, sie m\u00fcssen f\u00fcr sich und ihre Familien viel zu viel Verantwortung \u00fcbernehmen. Die Jungen und M\u00e4dchen leben unbeh\u00fctet in \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen, in denen oftmals f\u00fcr Zigaretten und Alkohol Geld ausgegeben wird, aber nicht f\u00fcr die Dinge des t\u00e4glichen Lebens. Die Kinder und Jugendlichen kennen Gewalt innerhalb und au\u00dferhalb der Familie und sie wissen, dass sie sich im seltensten Fall auf ihre M\u00fctter oder V\u00e4ter verlassen k\u00f6nnen. Das Zentrum dieser Familien ist der Flachbildfernseher und die bunten Werbefilme, die eine Welt vorgaukeln, die es so nie geben wird.<\/p>\n<p>Vin findet im str\u00f6menden Regen einen Holztisch. Zwar passt er nicht mehr in die kleine Wohnung der Mutter, aber der Jugendliche verbindet mit dem Tisch eine Hoffnung. Endlich sollen sich die ewig zerstrittenen Eltern, Vins unzuverl\u00e4ssiger Vater l\u00e4sst sich alle paar Wochen mal sehen, gegen\u00fcber sitzen und sich ansehen. Gut, sie k\u00f6nnen auf den Tisch schlagen, um ihre Argumente zu verst\u00e4rken, aber sie sollen nicht wieder fluchend einander hinterherrennen und sich weh tun.<\/p>\n<p>Der Tisch soll endlich Ruhe in die Familie bringen. Vins kleine Halbschwester benutzt ihn gern, um auf ihm zu malen. Zum ersten Mal wird nicht verkrampft auf dem Sofa vorm Fernseher das Essen eingenommen, sondern alle drei sitzen mit ihren Tellern am Tisch. Und letztendlich wird auch der Vater am Tisch sitzend sich anh\u00f6ren m\u00fcssen, was Vin ihm zu sagen hat.<\/p>\n<p>Einsam und liebebed\u00fcrftig sind die M\u00e4dchen und Jungen, die in kinderreichen Familien leben m\u00fcssen. Die 12-j\u00e4hrige Lilly, die eigentlich Amanda hei\u00dft, sehnt sich nach den<em> \u201eguten Minuten\u201c<\/em> der Mutter, in denen sie sich ihr zuwendet. Aber so schnell wie diese da sind, k\u00f6nnen sie auch wieder verschwinden. Lilly k\u00fcmmert sich um die j\u00fcngeren Geschwister, die dreij\u00e4hrigen Zwillinge, die sich nicht ums Spielzeug schlagen, sondern um die Fernbedienung vom Fernseher, Ramona und Mickey. Wenn die Mutter wiedermal vergessen hat einzukaufen, gibt es Toastbrot mit Ketchup oder gar nichts zu essen. Verbraucht sieht Lillys junge Mutter aus, die wiedermal einen neuen Kerl hat. Mit ihm soll alles anders werden. Es wird geraucht, getrunken und getr\u00e4umt. Lilly kann ihren inneren Frust, die angestaute Wut nur durch Aggressionen gegen andere loswerden. Und dann ist sie auch immer wieder da, die Angst vor dem Jugendamt, den scharfen Blicken der Lehrer, die Erwartungen an sie. Lilly k\u00f6nnte aufs Gymnasium gehen, aber die Mutter, die nicht mal einen Hauptschulabschluss hat, da ihr erstes Kind kam, als sie 15 Jahre alt war, sieht in ihrer Tochter nur jemanden, der hoffentlich bald arbeiten kann. Letztendlich soll Lilly, wenn der Traum der Mutter von Haus und Garten und neuem Mann in Erf\u00fcllung geht, in eine Wohngruppe abgeschoben werden.<\/p>\n<p>Lilly vermisst die m\u00fctterliche Zuneigung, auch Ela muss darauf verzichten. Dabei stellen die Kinder sich in jeder Situation vor ihre M\u00fctter, auch wenn sie sich ab und zu f\u00fcr sie sch\u00e4men. Elas Mutter hat nur noch ihre \u00e4ltere Tochter, denn Eileen, Taylor und Michelle leben in Pflegefamilien. Seit der Mutter eine so genannte <em>\u201eBindungsst\u00f6rung\u201c<\/em> attestiert wurde, versteckt sie sich rauchend im Bett. Ela hofft jeden Tag darauf, dass die Mutter die Wohnung wieder verl\u00e4sst und die Geschwister zur\u00fcckholt. In ihrem Leben soll alles anders werden. Im Chat lernt die Minderj\u00e4hrige einen erwachsenen, dubiosen Mann kennen, der sie beschenkt, sie mit seiner angeblichen Liebe umgarnt, sich mit ihr sogar verabredet. Er wird nicht ihr Traumprinz, er landet im Bett der Mutter.<\/p>\n<p>Spacko nennen die Kinder die neuen M\u00e4nner ihrer M\u00fctter, sie wissen, dass sie von ihnen nicht viel zu erwarten haben. Pearl hasst den<em> \u201esch\u00f6nen Micha\u201c<\/em>, der sich in ihrer Wohnung breit macht und die j\u00fcngeren Geschwister sexuell bel\u00e4stigt. Gern w\u00fcrde sie ihrer Mutter die Wahrheit sagen, aber diese h\u00e4lt immer nur zu ihrem neuen Lover.<br \/>\nAls Pearl ihre j\u00fcngeren Geschwister mit Micha im Bett sehen muss, hetzt sie die Hunde auf ihn. \\r\\n\\r\\nRomy ist die gro\u00dfe Ausnahme, ihr Vater ist anwesend, lebt sogar mit der Familie zusammen. Aber sie w\u00fcnschte, er w\u00e4re weit fort, denn sie wird von ihrem versoffenen, sadistischen Vater regelm\u00e4\u00dfig grausam verpr\u00fcgelt. Ihre Geschwister verstecken sich, wenn es los geht und die Mutter stellt das Radio lauter.<br \/>\n<em>\u201eWie sie bestraft wird, h\u00e4ngt nicht nur von ihm ab. Es kommt auf ihre Bereitschaft ab, die Schl\u00e4ge tapfer und einsichtig entgegenzunehmen. Weinen und Lachen wirken sich ung\u00fcnstig aus.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Hilflos f\u00fchlt sich auch der phantasiebegabte Tim, der seit Kurzem mit der Mutter, die das <em>\u201eAbharzen\u201c<\/em> dem Arbeiten vorzieht, nach Berlin gezogen ist. Er f\u00fchlt sich nicht wohl in seiner Klasse, in der Jungen ihn mobben, weil er keine Markenklamotten tr\u00e4gt. Tim sehnt sich nach dem normalen Leben, er sch\u00e4mt sich f\u00fcr die kleine Wohnung, das Au\u00dfenklo, die Ofenheizung, das abgenutzte Geschirr oder die wackligen M\u00f6bel. Als Fred, ein Mitsch\u00fcler, ihn zu sich nach Hause einl\u00e4dt, f\u00fchlt sich Tim wohl und unwohl zugleich. Mit welchen Gedanken wird der Freund, der in einem sch\u00f6nen Haus mit tollem eigenen Zimmer und allem Luxus wohnt, sein Zuhause sehen? Als Tims Mutter ihrem Jungen eine Nike-Jacke schenkt, entdecken die Mitsch\u00fcler sofort, dass sie ein Fake ist. Fred ber\u00fchrt das kaum. Er steht eines Tages vor Tims Wohnungst\u00fcr und ist fasziniert vom herrlichem Ausblick \u00fcber die Stadt, vom Dachboden und all den Abenteuern, die er mit seinem Freund erleben kann. Ein Lichtblick &#8211; diese Jungenfreundschaft &#8211; unter all den wahren, bedr\u00fcckenden Geschichten!<\/p>\n<p>Beate D\u00f6lling hat genau recherchiert, hat sich vieles von betroffenen Kindern erz\u00e4hlen lassen, ohne sie auszufragen, und mit Erwachsenen gesprochen, die in der Arche arbeiten. In ihren <em>&#8222;echten Geschichten&#8220;<\/em> verdichtet die Autorin das Erfahrene, das n\u00fcchtern betrachtet, g\u00e4ngige Klischees \u00fcber Harz IV-Empf\u00e4nger spiegelt, aber durch die Perspektive der Kinder unendlich ber\u00fchrt und bewegt. Aus dem Blickwinkel der Kinder und Jugendlichen jedoch, die keine Regeln kennen und auch keine Normalit\u00e4t des Alltags, entsteht ein neues Bild vom Leben am Rand der Gesellschaft. Die Berliner Autorin verdeutlicht mit viel Empathie, was ihre Protagonisten denken, was sie erwarten oder womit sie nicht fertig werden. Oftmals auf sich allein gestellt versteht der Leser die inneren K\u00e4mpfe der Kinder und Jugendlichen, ihre Aggressionen und Konflikte mit ihrem Umfeld. Sprachgenau, es wird viel berlinert, trifft Beate D\u00f6lling den Ton, der oftmals zwischen Eltern und Kindern herrscht.<\/p>\n<p>In fast allen F\u00e4llen lernen die Kinder und Jugendlichen von ihren M\u00fcttern, wie das Leben l\u00e4uft, k\u00f6nnen sich aus dem Teufelskreis der Abh\u00e4ngigkeiten nicht herausbewegen, wenn nicht jemand da ist, der ihnen hilft, ein Lehrer, ein Sozialarbeiter oder jemand anderes.\\r\\nUm die Arche, die Anlaufpunkt f\u00fcr viele arme Kinder ist, drehen sich die Geschichten nie. Sie wird zwar erw\u00e4hnt, spielt aber inhaltlich keine Rolle. Handlungsort sind oftmals die vom Fernseher dominierten, mit schmutzigen Kleidern oder Essensresten vollgestopften kleinen Wohnungen, in denen sich das t\u00e4gliche, unausweichliche Leben abspielt.<\/p>\n<p>Beate D\u00f6lling hat Kindern und Jugendlichen ein Gesicht gegeben, indem sie von ihren Schicksalen erz\u00e4hlt und daf\u00fcr sorgt, dass man sie so schnell nicht vergessen wird!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beate D\u00f6lling: Du bist sowas von raus! 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