{"id":791,"date":"2019-06-22T11:53:05","date_gmt":"2019-06-22T09:53:05","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=791"},"modified":"2019-06-22T11:53:05","modified_gmt":"2019-06-22T09:53:05","slug":"mondpicknick","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/mondpicknick\/","title":{"rendered":"Mondpicknick"},"content":{"rendered":"<p><strong>Simon Mason: Mondpicknick, Aus dem Englischen von Gerda Bean, Carlsen Verlag, Hamburg 2013, 302 Seiten, \u20ac14,90, 978-3-551-58282-9<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201ePapa war damals noch nicht komisch. Er war \u00fcberhaupt erst komisch geworden, als sie in das neue Haus zogen. Es war, als ob er sich im alten Haus mit den alten Teppichen und Vorh\u00e4ngen zur\u00fcckgelassen h\u00e4tte und jemand anderes geworden w\u00e4re. Aber das ergab \u00fcberhaupt keinen Sinn.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Die elfj\u00e4hrige Martha und ihr f\u00fcnfj\u00e4hrige Bruder Tug wissen nicht, was mit ihrem Papa los ist. Er hat seine Arbeit als Kameramann gek\u00fcndigt, ein kleines, ziemlich heruntergekommenes Haus gemietet, sich mit den Schwiegereltern verkracht und vergisst alles, was man mit ihm bespricht. Vor zwei Jahren ist seine Frau, eine erfolgreiche Schauspielerin, pl\u00f6tzlich verstorben. Tug kann sich kaum an die Mutter erinnern, Martha erz\u00e4hlt ihm ab und zu von ihr. Der Vater jedoch hat alle Erinnerungen an seine Frau gel\u00f6scht, kein Foto existiert, er spricht nie \u00fcber sie.<\/p>\n<p>Martha ist ziemlich hilflos, wenn ihr Vater sich wie ein pupertierender Teenager benimmt, an H\u00e4usern hochklettert und tief f\u00e4llt, Bl\u00f6dsinn redet und vor allem sich nicht um Tug k\u00fcmmert. Martha \u00fcbernimmt auch diese Aufgabe. Sie belegt einen Kochkurs, denn der Vater kauft nicht ein und kocht auch nicht.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr verschwindet er einfach, kommt tief in der Nacht zur\u00fcck, weckt die Kinder und veranstaltet mit ihnen im nahegelegenen Park ein Mondscheinpicknick. Das mag romantisch sein, wenn Martha nicht am n\u00e4chsten Tag Schulunterricht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Martha \u00fcbernimmt immer mehr Verantwortung, fertigt Listen an, denn sie will wenigstens in der Familie <em>\u201e einen klaren Kopf behalten\u201c<\/em>, damit nicht alles schief l\u00e4uft. Neben ihrem Kochkurs belegt sie auch noch einen Schneiderkurs, um Kost\u00fcme f\u00fcr ihren verr\u00fcckten Freund Marcus anzufertigen. Der Schulkamerad dreht seine eigenen Filme nach gro\u00dfen Vorbildern und Klassikern, <em>Casablanca<\/em> oder <em>Doktor Schiwago<\/em>.<\/p>\n<p>Martha hofft, wenn der Papa wieder einen Job, eine Freundin und eine sportliche Bet\u00e4tigung findet, wird alles gut. Als die Kleinfamilie dann im Schwimmbad Laura und ihre Mutter Olivia kennenlernt und der Papa sie zum Essen einl\u00e4dt, hofft Martha auf eine Verbesserung der Lage. Aber schnell wird klar, Marthas Papa kann sich nicht mehr normal benehmen. Er ist entweder extrem \u00fcberdreht, lacht st\u00e4ndig und benimmt sich absolut peinlich oder er ist deprimiert. Bei diesem Besuch geht alles schief und Laura fragt Martha, seit wann ihr Vater heimlich trinkt.<\/p>\n<p>Nun suchen Martha und Tug das Haus nach Alkoholflaschen ab und werden f\u00fcndig. Der erwischte Alkoholiker streitet alles ab, erfindet Erkl\u00e4rungen und wehrt sich gegen die Angriffe der Schwiegereltern, die mit dem Jugendamt drohen.<br \/>\nMartha beginnt sich f\u00fcr ihren Vater zu sch\u00e4men. Als er nach einer trockenen Phase mit tausend Versprechungen dann wieder r\u00fcckf\u00e4llig wird und mit Martha einen Autounfall verursacht, ist das Ma\u00df voll.<\/p>\n<p>Tug und Martha ziehen zu den ungeliebten Gro\u00dfeltern. Martha, die immer, in jeder noch so peinlichen Situation zu ihrem Vater gehalten hat und sogar Rat vom verschwiegenen Hausarzt erhoffte, kann ihren Papa nicht mehr sehen.<\/p>\n<p>Sie sp\u00fcrt, dass er Hilfe ben\u00f6tigt und Loyalit\u00e4t sein Suchtverhalten nur noch best\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Im strengen Haushalt der Gro\u00dfeltern, in dem Martha nun nicht mehr nach Lebensmitteln und einem Abendessen f\u00fcr Tug suchen muss, ist alles da, nur keine Liebe oder Verst\u00e4ndnis. Wenn Martha die Oma beschwichtigen muss, da Tug wieder irgendeinen Bl\u00f6dsinn angestellt hat, muss sie nur das Thema auf die verstorbenen Mutter lenken und die Oma schwelgt in ihren Erinnerungen. Auch wenn die Kinder wissen, dass ihr Vater seine Probleme allein l\u00f6sen muss, hoffen sie immer auf ein Wiedersehen.<\/p>\n<p>Die Geschichte wendet sich zu einem guten, hoffnungsvollen Ende und sicher sollte das in einem Kinderbuch auch so sein. Nicht immer, auch das wird angedeutet, finden Familienmitglieder, die s\u00fcchtig sind, wieder zur\u00fcck ins normale Leben. \\r\\nSimon Mason, der f\u00fcr seine fr\u00f6hlichen und komischen Quigleys bekannt ist, erz\u00e4hlt konsequent aus Marthas Blickwinkel eine bittere, aber doch ber\u00fchrende ganz andere Familiengeschichte. Vordergr\u00fcndig dreht sich alles um die hilflosen Beobachtungen und diffusen \u00c4ngste der jungen Protagonisten, die das langsame Hineinrutschen in die Alkoholabh\u00e4ngigkeit des Vaters nicht verstehen k\u00f6nnen. Sie finden nur das Wort <em>\\&#8220;komisch\\&#8220;<\/em>, um die Situation mit dem ver\u00e4nderten Papa zu beschreiben. Ohne zu psychologisieren oder zu erkl\u00e4ren, zeigt der britische Autor schonungslos alle schmerzhaften Stationen, die mit der Krankheit zusammenh\u00e4ngen. Klar ist, in dieser Familie ist vieles nicht mehr in Ordnung und am schlimmsten ist f\u00fcr die Kinder und den Vater der nicht wieder gut zu machende Vertrauensverlust. Kein einfache Lekt\u00fcre, aber lohnenswert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Simon Mason: Mondpicknick, Aus dem Englischen von Gerda Bean, Carlsen Verlag, Hamburg 2013, 302 Seiten, \u20ac14,90, 978-3-551-58282-9 \u201ePapa war damals noch nicht komisch. Er war \u00fcberhaupt erst komisch geworden, als sie in das neue Haus zogen. 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