{"id":730,"date":"2019-06-22T12:04:46","date_gmt":"2019-06-22T10:04:46","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=730"},"modified":"2019-06-22T12:04:46","modified_gmt":"2019-06-22T10:04:46","slug":"der-zauber-der-casati","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/der-zauber-der-casati\/","title":{"rendered":"Der Zauber der Casati"},"content":{"rendered":"<p><strong>Camille de Peretti: Der Zauber der Casati, Aus dem Franz\u00f6sischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Rowohlt Verlag, Hamburg 2013, 253 Seiten, \u20ac16,99, 978-3-644-02601-8 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eVielleicht hat mich das am meisten fasziniert, das rauschhafte Untergehen. Mich, die ich so vern\u00fcnftig bin.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Eine Schriftstellerin sp\u00fcrt einer anderen besonderen Person nach, die einst voller Glamour im Mittelpunkt der Gesellschaft stand. Es ist die Marchesa Casati, eine Frau, die mehr als alle anderen Diven portr\u00e4tiert und gemalt wurde. Heute kennen nur noch wenige ihren Namen. Camille de Peretti, selbst einst Muse, betrachtet ihre zum scheitern verurteilte fr\u00fche Ehe mit ihrem egozentrischen Maler-Ehemann Caesar und versucht gleichzeitig <em>\u201eganz und gar subjektiv\u201c<\/em> das Leben der Casati zu verstehen, einer Frau, die reich geboren als Lumpensammlerin enden wird.<\/p>\n<p>Ein amerikanischer Regisseur, bei dem Camille in New York immerhin ein paar Drehtage unter finanziell erb\u00e4rmlichen Umst\u00e4nden hinter sich gebracht hat, schenkte ihr eine Biographie \u00fcber Luisa Casati. 1881 in eine wohlhabende Familie, der Vater war Textilfabrikant, in der N\u00e4he von Mailand hineingeboren, sehnte sich das Kind schon fr\u00fch nach Aufmerksamkeit und Zuneigung. Camille entschlie\u00dft sich zum chronologischen Erz\u00e4hlen, immer von ihren Beschreibungen ihres eigenen Lebens unterbrochen. \\r\\nAllerdings soll es ja keine klassische Biographie werden, denn<em> \u201e ich habe sch\u00f6ne L\u00fcgen immer gemocht, im Leben wie in der Literatur.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Und so begibt sich die Autorin mit viel Fantasie auf die Spuren der Frau, die das wahre Leben unbedingt kennenlernen will. Eine langweilige Kindheit an der Seite ihrer Schwester, die Eltern starben fr\u00fch, pr\u00e4gte den Wunsch, anders zu sein, etwas zu erleben. Die vernunftorientierte Ehe und ein Kind sind nicht das, wovon sie tr\u00e4umt. Erst die Begegnung mit Gabriele D&#8216; Annunzio, dem erfolgreichen Autor, Dandy und Partyl\u00f6wen, er\u00f6ffnen ihr nicht nur eine neue Leidenschaft zu einem nicht gerade \u00e4u\u00dferlich attraktiven Mann, sondern auch offene T\u00fcren zur Selbstdarstellung als Diva oder Femme fatale. Luisa Casatis Mann, der finanziell von ihr abh\u00e4ngig war, toleriert das Verhalten seiner Frau, er fr\u00f6nt seinen eigenen Passionen, u.a der Jagd.<br \/>\nDie Casati wird viel Geld ausgeben, f\u00fcr H\u00e4user, Eink\u00e4ufe von seltsamen Troph\u00e4en, Reisen und nat\u00fcrlich extravaganter Kleidung. Der \u00fcberraschende, gewagte Auftritt in gro\u00dfer Gesellschaft war f\u00fcr sie der wichtigste Augenblick in ihrem Leben. Und was sagt die Autorin zu diesen Events: <em>\u201eIn ihrer zutiefst leeren Welt sp\u00fcrte sie allem nach, was ihr ein wenig Adrenalin verschaffen konnte. Sie hatte eine entsetzliche Angst, sich zu langweilen,..\u201c<\/em> So lange sie \u00fcber die finanziellen Mittel verf\u00fcgt, lebt sie immer am Rand zum Gr\u00f6\u00dfenwahns. Sie baut in Rom, lebt in der Pracht Venedigs, im Geb\u00e4ude, in dem heute das Guggenheim Museum zu finden ist, aber auch an vielen weiteren Orten.<\/p>\n<p>Egozentrisch, extrovertiert, dekadent, durchaus arrogant und selbstverliebt f\u00f6rdert sie Maler, wird zur Muse, Geliebten und hofft auf den Status des lebenden Kunstwerks. Sie kannte Picasso, Filippo Tommaso Marinetti, Isadora Duncan, Nijinsky, Giovanni Boldini, Roberto Montenegro, Umberto Brunelleschi, Georges Goursat, Giulio de Blaas, Alberto Martini, Man Ray und Adolphe de Meyer.  Alles ist f\u00fcr sie k\u00e4uflich, ein Liebe entflammt, um sie dann schnellstm\u00f6glich wieder zu vergessen. Sie umgibt sich mit Geparden, Pavianen, Krokodilen, Papageien oder \u00c4ffchen und ist sich f\u00fcr keinen Zirkus zu schade. Und die Casati verliebt sich auf Capri zum ersten Mal wirklich, in eine Frau, eine Malerin, Romain Brooks, und zerst\u00f6rt mit ihrer selbstorientierten, unberechenbaren Extravaganz diese Beziehung.<\/p>\n<p>Letztendlich ist sie mit 56 Jahren Pleite und hat noch viele Jahre vor sich. Ihre Verschwendungssucht, die Gier nach Anerkennung und die innere Leere, die mit Sinnlosigkeiten ausgef\u00fcllt werden musste, trugen zu ihrem finanziellen Fiasko bei. Ihre knallroten Haare, die mit Kajall umrandeten schwarzen Augen vertreiben die M\u00e4nner nun eher, als dass sie sie anziehen. Aber K\u00fcnstler, die sie einst protegierte, helfen nun ihr. Niemand sollte ihr Geld geben, bemerkte ihre Tochter, die nie eine Beziehung zur fremden Mutter aufgebaut hatte, denn sie w\u00fcrde es nur f\u00fcr Opium oder Alkohol ausgeben.<\/p>\n<p>Ein trauriges Ende, 1957, in London in einer kleinen Wohnung steht dieser schillernden Frau bevor.<br \/>\nAuch die Autorin schaut auf das Ende ihrer Ehe mit dem undankbaren Pseudo-Maler, der das Arbeiten nicht erfunden hat.<\/p>\n<p>Voller Spannung liest man von dieser so hemmungslosen, arroganten und doch sich so sehnenden Diva. Die Idee, beide Biografien zu verbinden, geht nicht auf, denn letztendlich schillert nur das \u00fcbersch\u00e4umende Leben der Casati, dank ihrer Freiheit zu tun und sich zu trauen, was sie wollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Camille de Peretti: Der Zauber der Casati, Aus dem Franz\u00f6sischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Rowohlt Verlag, Hamburg 2013, 253 Seiten, \u20ac16,99, 978-3-644-02601-8 \u201eVielleicht hat mich das am meisten fasziniert, das rauschhafte Untergehen. 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