{"id":7029,"date":"2026-10-15T14:26:06","date_gmt":"2026-10-15T12:26:06","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=7029"},"modified":"2026-10-15T14:26:06","modified_gmt":"2026-10-15T12:26:06","slug":"jan-weiler-das-vogelhaus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/jan-weiler-das-vogelhaus\/","title":{"rendered":"Jan Weiler: Das Vogelhaus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jan Weiler: Das Vogelhaus, Heyne Verlag, M\u00fcnchen 2026, 352 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-453-44371-6<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eSie konnten ihn nicht kleinkriegen. Das waren verdammte k\u00f6rnerfressende Papageien und keine Talibank\u00e4mpfer oder so was. Es war doch l\u00e4cherlich. \u2026 Und er, Leonard Beck, schiss sich ein, weil er V\u00f6gel f\u00fcttern sollte.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Leonard Beck ist ein sensibler, introvertierter Mann, der hinter jeder Nachricht, ob nun per Brief oder WhatsApp \u00fcbermittelt, das Allerschlimmste vermutet. Als leidenschaftsloser Dramaturg arbeitet er seit gut zehn Jahren an einem Berliner Theater, lebt allein und besucht seine Eltern, die weit entfernt am Niederrhein in einem unbedeutenden Ort leben, h\u00f6chstens zu Weihnachten. Er ist extrem ger\u00e4uschempfindlich, nicht sehr kommunikativ, kann z.B. nicht laut br\u00fcllen und irgendwie ist er auch menschenscheu. Leo Beck ist kein Misanthrop, er ist eher ein Einzelg\u00e4nger, der offenbar wenig vom Leben f\u00fcr sich erwartet, und sich lieber wie als Kind in Fantasien verliert, als sich dem wirklichen Alltag zu stellen. Als Leos Mutter ihm eine Anzeige schickt, in der das Haus des vor Jahren verstorbenen Cordt Schwabe zum Verkauf steht, erinnert sich Leo an seine herausfordernde Zeit als Zivildienstleistender an seinem Heimatort. Und da er auch noch vom neuen Intendanten entlassen wurde, da dieser irgendwie neuen Schwung auf die Bretter, die die Welt bedeuten, bringen will, f\u00e4hrt Jan Weilers Hauptfigur resigniert nach Hause zu seinen kleinb\u00fcrgerlichen <em>\u201eMause\u201c<\/em>&#8211; Eltern. Seine Mutter arbeitet immer noch als Schneiderin im Keller ihres Hauses, sein Vater schl\u00e4gt die Zeit als Pension\u00e4r tot und beide interessieren sich kaum f\u00fcr Leos Beruf oder gar Leben. Sie halten sich an ihren starren Regeln fest und nichts, aber auch gar nichts ver\u00e4ndert sich von Tag zu Tag.<br \/>\nJan Weiler erz\u00e4hlt nun seine Geschichte rund um den energielosen Theatermann Leo Beck auf zwei Zeitebenen, zum einen lernen die Lesenden Leos Eltern und sein Umfeld kennen, zum anderen begleiten sie ihn bei seinen Besuchen bei kranken, oftmals sehr armen Frauen wie M\u00e4nnern, die er als Zivildienstleistender in deren Wohnungen betreut. An seiner Seite vor gut sechzehn Jahren haben Patrik und Aristeas den Wehrdienst verweigert. Es ist das Jahr 2011, in dem auch die Bundeswehr ihre Tore fast schlie\u00dft. In vielen skurrilen Szenen erinnert sich Leo an seine Tage bei den alten Leuten, denen er die Wohnung s\u00e4ubern und sich um ihr Essen k\u00fcmmern muss. Bei einer dementen Frau klaut sogar die eigene Tochter, das von der Caritas vor die T\u00fcr gestellte Mittagessen und wenn Leo nicht p\u00fcnktlich ist, muss er kochen. Am gruseligsten ist f\u00fcr den zarten Zwanzigj\u00e4hrigen das dunkle Vogelhaus des Herrn Schwabe, in dem riesige Aras in Volieren vor sich hin vegetieren. Hier muss er die K\u00e4fige s\u00e4ubern und sich von den Tieren traktieren lassen. Auch Herr Schwabe ist eine undurchsichtige Person, vor dem alle drei Zivis Angst haben.<br \/>\nLeo \u00fcberlegt nun, ob er dieses unauff\u00e4llige Haus von Herrn Schwabe, dass die Sparkasse \u00e4u\u00dferst preiswert anbietet, kauft. Dabei will er eigentlich nur wissen, welches Leben der alte Mann gef\u00fchrt hat, und ob all die Schauergeschichten, die damals \u00fcber ihn kursierten, wahr waren. Warum ihn dieser Mann und sein Haus so existentiell interessieren, wird eigentlich nicht deutlich. Viel mehr spiegelt sich in all den Erlebnissen, dass die hilfebed\u00fcrftigen wie einsamen Menschen, um die sich Leo gek\u00fcmmert hat, ihre ganz eigenen, auch von Vorurteilen behafteten Geschichten hatten.<br \/>\nDer neue Roman des geb\u00fcrtigen D\u00fcsseldorfers Jan Weiler ist eine tragikomische Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, einem Blick ins gar nicht so langweilige Provinzleben verbunden mit den eigenen Erinnerungen an die Zivildienstzeit, die nun f\u00fcr Weiler fast vierzig Jahre zur\u00fcckliegt. Dabei haben viele Figuren des Romans reale Vorbilder. Leo Beck jedenfalls stellt sich seinen schlimmsten \u00c4ngsten und er sp\u00fcrt, dass er endlich nach Aristeas, den er aus den Augen verloren hat, suchen muss. Nach und nach stellt sich f\u00fcr ihn auch heraus, dass hinter der Allt\u00e4glichkeit das Unerwartete lauert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jan Weiler: Das Vogelhaus, Heyne Verlag, M\u00fcnchen 2026, 352 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-453-44371-6 \u201eSie konnten ihn nicht kleinkriegen. Das waren verdammte k\u00f6rnerfressende Papageien und keine Talibank\u00e4mpfer oder so was. 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