{"id":700,"date":"2019-06-22T12:13:38","date_gmt":"2019-06-22T10:13:38","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=700"},"modified":"2019-06-22T12:13:38","modified_gmt":"2019-06-22T10:13:38","slug":"angst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/angst\/","title":{"rendered":"Angst"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dirk Kurbjuweit: Angst, Rowohlt Verlag, Berlin 2013, 256 Seiten, \u20ac18,95, 978-3-87134-729-0<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eWir begannen, unser Leben zu spielen, es wurde zu einer Auff\u00fchrung f\u00fcr unsere Kinder.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Bereits vor 10 Jahren musste Dirk Kurbjuweit mit seiner Familie erfahren, wie es ist, wenn eine v\u00f6llig fremde Person, die in der unmittelbaren N\u00e4he wohnt, mit Worten sein Privatleben vergiftet. Literarisch verarbeitet hat der Journalist und Autor diese verst\u00f6renden Erlebnisse in seinem Roman. Bereits die Eingangsszene l\u00f6st Neugier, Spannung und auch Verwirrung aus. Randolph Tiefenthaler besucht seinen 78-j\u00e4hrigen Vater nicht im Altersheim, sondern in einem Berliner Gef\u00e4ngnis. Er wurde f\u00fcr Totschlag zu acht Jahren verurteilt. Der Vater begegnet dem Sohn in sich gekehrt, unnahbar und doch haben Vater und Sohn gelernt sich zu umarmen. Was ist geschehen?<\/p>\n<p>Im R\u00fcckblick erz\u00e4hlt der Sohn nun die Leidensgeschichte seiner Familie, er holt weit aus, beginnt mit der Kindheit, die auch durch seinen Vater stark beeinflusst wurde. Dieser verschlossene, unsichere Vater tr\u00e4gt in jeder Situation eine Waffe unter der Armbeuge, ohne sie je auf jemanden zu richten. F\u00fcrs Sportschie\u00dfen kann sich der junge Randolph und auch nicht sein j\u00fcngerer Bruder begeistern. Randolphs Kindheit und Jugend ist von dem Gef\u00fchl \u00fcberschattet, der Vater k\u00f6nnte in einem Anfall von Wut und Unberechenbarkeit die Waffe auf Familienmitglieder richten.<\/p>\n<p>Randolph Tiefenthaler verabscheut jegliche Form von Gewalt, ob nun mit Waffen oder F\u00e4usten. Und doch ger\u00e4t er durch seinen Nachbarn, Herrn Tiberius, der in der Souterrainwohnung des gutb\u00fcrgerlichen Hauses in Lichterfelde \u2013 West seit Jahren wohnt, in einen schweren, inneren Konflikt.  Familie Tiefenthaler hat die gediegene Altbauwohnung \u00fcber Herr Tiberius gekauft. Man lebt \u00e4u\u00dferlich betrachtet ein gut b\u00fcrgerliches Leben. Randolph kann als Architekt ein gutes Einkommen vorweisen, er hat eine attraktive, kluge Frau und zwei wohlgeratene Kinder, f\u00fcr die alle Tore offenstehen.<\/p>\n<p>Aber die Ehe ist in eine Schieflage geraten, immer wieder kommt es zu hysterischen Ausbr\u00fcchen Rebeccas und Tiefenthaler sucht das Weite. Zu diesem Zeitpunkt schl\u00e4gt die freundliche Art des Herrn Tiberius um. Er beginnt die Familie mit Briefen und Gedichten zu bel\u00e4stigen, die allesamt an Rebecca, Tiefenthalers Frau, gerichtet sind. Tiberius malt sich in seiner kranken Fantasie sexuelle Szenen mit Rebecca aus, beschuldigt die Familie und deren Besucher, dass sie die Kinder missbrauchen. Wie ein Stalker beobachtet er jeden Schritt der Familie, schaut abends in die Fenster, lenkt ein und wiederholt seine Anschuldigungen am kommenden Tag noch heftiger. Er zeigt die Familie wegen sexuellen Missbrauchs an.<\/p>\n<p>Jegliche Hoffnungen der Familie, die juristischen und polizeilichen Beistand erwarten, werden bitter entt\u00e4uscht. Niemand kann Herrn Tiberius aus seiner Wohnung  entfernen. Das Sozialamt zahlt p\u00fcnktlich die Miete, der Vermieter weigert sich etwas zu unternehmen und das Heimkind und der Hartz IV \u2013 Empf\u00e4nger Tiberius kann ununterbrochen schreiben und qu\u00e4len.<\/p>\n<p>Alle Attacken des Stalkers jedoch schmieden die Eheleute erneut eng zusammen, bewirken wieder, dass sie miteinander reden, sich gedanklich austauschen und versuchen, Herr der ausweglosen Situation zu werden. Jedoch die Wohnung verlassen, dem Eindringling in die privater Sph\u00e4re diese Genugtuung zuzubilligen, kommt nicht in Frage, denn sie f\u00fchlen sich im Recht. Immer mehr greift aber auch die Angst in den Lebensalltag ein. Was geschieht, wenn wirklich ein Amt misstrauisch wird und die Kinder mitnimmt. Oder wenn Tiberius die Kinder in die Finger bekommt?  Der Argwohn flackert sekundenweise gegen den Partner auf, ob nicht doch an dieser Geschichte etwas sein k\u00f6nnte. Der <em>\u201eTerror der eigenen Gedanken\u201c<\/em> scheint so das schlimmste an der bedr\u00fcckenden Lebenssituation der Betroffenen zu sein.<\/p>\n<p>Da die Justiz die Familie nicht sch\u00fctzen kann oder keine Handhabe hat, muss man, und diese Erkenntnis nimmt in Randoph Tiefenthalers Gedankenwelt immer mehr Raum ein, zur Selbstjustiz greifen. Nie h\u00e4tte der Erz\u00e4hler gedacht, dass er roher Gewalt und nicht rechtsstaatlichem Denken den Vorzug geben w\u00fcrde. Doch der Psychoterror l\u00e4sst ihm letztendlich keine Wahl. Ist es so? Gerechtfertigt der gewaltsame Tod des Stalkers alle Qualen und \u00c4ngste, die die Familie ertragen musste?<br \/>\nMit diesen Fragen l\u00e4sst der Autor, der diese Geschichte v\u00f6llig schmucklos und gezielt auf die Innenwelt seines Ich-Erz\u00e4hlers hin geschrieben hat, seinen Leser nach dieser \u00e4u\u00dferst spannenden Lekt\u00fcre allein. Die Tatsache, dass man seinen Eltern und deren Pr\u00e4gung nicht entkommen kann, be\u00e4ngstigt ebenfalls. Und klar ist, dieses geschilderte Szenario, das wirklich so ( ohne Mord, aber den hat sich der Autor in seiner Fantasie sicher mehr als einmal ausgemalt ) geschehen ist, spielt vor dem Stalker-Gesetz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dirk Kurbjuweit: Angst, Rowohlt Verlag, Berlin 2013, 256 Seiten, \u20ac18,95, 978-3-87134-729-0 \u201eWir begannen, unser Leben zu spielen, es wurde zu einer Auff\u00fchrung f\u00fcr unsere Kinder.\u201c Bereits vor 10 Jahren musste Dirk Kurbjuweit mit seiner Familie erfahren, wie es ist, wenn&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/angst\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-700","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-belletristik"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/700","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=700"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/700\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":930,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/700\/revisions\/930"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=700"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=700"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=700"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}