{"id":698,"date":"2019-06-22T12:14:06","date_gmt":"2019-06-22T10:14:06","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=698"},"modified":"2019-06-22T12:14:06","modified_gmt":"2019-06-22T10:14:06","slug":"pardon-monsieur-ist-dieser-hund-blind","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/pardon-monsieur-ist-dieser-hund-blind\/","title":{"rendered":"Pardon, Monsieur, ist dieser Hund blind?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Herv\u00e9 Jaouen: Pardon, Monsieur, ist dieser Hund blind?, Aus dem Franz\u00f6sischen von Corinna Tramm, Urachhaus, Stuttgart 2013, 189 Seiten, \u20ac14,90, 978-3-8251-7786-7 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201e Ich stellte mir vor, dass Omamas Ged\u00e4chtnis geschmolzen sei und in ihrem Kopf nur einige Edelsteine \u00fcbriggeblieben seien, die in das Spitzenmuster eines Ged\u00e4chtnisses, so l\u00f6chrig wie ein Sieb, eingebettet waren.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Sommerferien sind angesagt, das hei\u00dft f\u00fcr die 13-j\u00e4hrige V\u00e9ro bis in die Mittagsstunden schlafen, am Strand mit den Freunden abh\u00e4ngen, viel baden und die Tage genie\u00dfen. Aber alles kommt ganz anders, denn seit Omama, die Mutter von V\u00e9ros Mutter, in aller Seelenruhe ihre K\u00fcche abbrennen lie\u00df ohne auf die hysterischen Warnungen ihres Nachbarn zu reagieren, ist klar, Omama kann nicht mehr allein in der Villa wohnen. V\u00e9ro muss ihr sch\u00f6nes Zimmer mit Bad r\u00e4umen und die alte, sehr aristokratische, auf Benehmen bedachte Frau zieht ein. Omama ist noch alte Schule, aber liebenswert. V\u00e9ro, sie erz\u00e4hlt auch diese Geschichte, darf nun den Dachboden in Beschlag nehmen und sogar Guillaume, ihr \u00e4lterer Bruder, w\u00fcrde gern mit ihr tauschen.<\/p>\n<p>Die noch leicht verwirrte Omama stellt die Familie, Jos\u00e9e, die Tochter arbeitet als \u00dcbersetzerin zu Hause, der Schwiegersohn ist Philosophielehrer, vor eine Zerrei\u00dfprobe. Sie hortet alle m\u00f6glichen Sachen wie eine diebische Elster unter ihrem Bett. Dort finden sich nicht nur Schokoriegel, sondern auch Toilettenpapier und Besteck und vieles andere mehr. Mitten in der Nacht sucht Omama regelm\u00e4\u00dfig ihre wertvolle Brosche, die die Familie dann durch Billigk\u00e4ufe immer wieder ersetzen muss. Sie badet nachts und h\u00e4lt alle in Trab. Aber die Familie nimmt alles, von wenigen Zankereien abgesehen, mit Humor und Leichtigkeit. Au\u00dferdem m\u00fcssen sie die Omama geistig stimulieren, das hei\u00dft sie spielen st\u00e4ndig mit ihr Brettspiele. Aber nach und nach beginnt die Omama, in ihrer Vergangenheit zu versinken. Sie glaubt, dass sie in der Zeit des II. Weltkrieges lebt, hortet Lebensmittel und erinnert sich an ihren zweiten Mann, den Spanier, der offenbar Kontakt zu Ernest Hemingway hatte.<\/p>\n<p>V\u00e9ro hat in einem Reisekoffer, den sie an sich genommen hat, die Liebesbriefe an die Omama gefunden.<\/p>\n<p>Aber Omamas Anwesenheit hat auch ihre Vorteile. Endlich schafft der Vater ein schnurloses Telefon an und V\u00e9ro kann mit ihrer Freundin Lucie in Ruhe \u00fcber beider Schwarm Renaud reden. Allerdings hat auch Omama das Telefonieren f\u00fcr sich entdeckt, was zu einem riesigen Krach und einer horenden Rechnung f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Villa der Omama soll verkauft werden. Omamas Sohn Jean-Charles taucht auf und will als Bauunternehmer, seine Frau ist Immobilienh\u00e4ndlerin, die Sache in die Hand nehmen. Jos\u00e9e m\u00f6chte der Mutter nicht so schnell den Garten entziehen, aber der raffgierige Sohn schiebt einen angeblichen finanziellen Engpass vor und verkauft. Jos\u00e9e sorgt dann daf\u00fcr, dass auch ihre Mutter einen Anteil der Verkaufssumme erh\u00e4lt, im Fall sie professionell gepflegt werden muss.<\/p>\n<p>Die Stimmung zwischen den Geschwistern ist angespannt, denn Jean-Charles und seine unsympathische Frau Katharina sorgen sich kaum um die Mutter, schieben sie eher ins Altersheim ab, wenn sie in der Zeit, in der V\u00e9ros Familie Urlaub macht, sich um sie k\u00fcmmern sollen.<\/p>\n<p>Die Stadien der Krankheit, die der Neurologe als Alzheimer bezeichnet, ver\u00e4ndern sich in raschem Tempo. Zu Beginn sind die Ged\u00e4chtnisausf\u00e4lle der Omama noch komisch. So klaut sie im Supermarkt eine T\u00fcte Bonbons, wird erwischt und bringt den Sicherheitsbeamten mit ihrem Gerede v\u00f6llig durcheinander.<\/p>\n<p><em>\u201e Gewiss!\u201c, sagte Omama. \u201eSeit meiner letzten Schwangerschaft leide ich an H\u00e4morrhoiden.\u201c<\/em><br \/>\nAls ihr erz\u00e4hlt wird, dass ein Hund angeblich blind sei, fragt sie, warum er denn keine Brille tragen w\u00fcrde. Weniger witzig ist, dass sie die \u00dcbersetzungsarbeit ihrer Tochter auf dem Computer l\u00f6scht, da sie glaubt eine Schreibmaschine vor sich zu haben.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter dann findet die Omama nicht mehr nach Hause. Die Nachbarn bitten sie herein, trinken Tee mit ihr und rufen die Tochter an.<br \/>\nAber dann wird f\u00fcr die alte Frau das Fernsehprogramm zu einer be\u00e4ngstigenden Kulisse. Am Ende sucht sie ihre Kleinen und meint damit ihre Kinder. Sie starrt vor sich hin und scheucht niemanden mehr auf.<\/p>\n<p>2000 erschien dieser Roman des franz\u00f6sischen Autors Herv\u00e9 Jaouen und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Herv\u00e9 Jaouen verharmlost nichts. Bei aller Komik, die sich um die Krankheit rankt, und der Herzlichkeit der Familie, die auf jede \u00c4u\u00dferung der Omama eine passende Antwort findet, und wenn sie noch so absurd ist, zeigt die Geschichte doch die Unbarmherzigkeit und Traurigkeit die Demenz f\u00fcr jeden Menschen mit sich bringt.<\/p>\n<p>Aber die Familie versucht mit der Omama und ihrer Krankheit ein gutes Leben zu f\u00fchren. Und das gelingt ihr \u00fcber weite Strecken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herv\u00e9 Jaouen: Pardon, Monsieur, ist dieser Hund blind?, Aus dem Franz\u00f6sischen von Corinna Tramm, Urachhaus, Stuttgart 2013, 189 Seiten, \u20ac14,90, 978-3-8251-7786-7 \u201e Ich stellte mir vor, dass Omamas Ged\u00e4chtnis geschmolzen sei und in ihrem Kopf nur einige Edelsteine \u00fcbriggeblieben seien,&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/pardon-monsieur-ist-dieser-hund-blind\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-698","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-belletristik"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/698","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=698"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/698\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":931,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/698\/revisions\/931"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=698"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=698"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=698"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}