{"id":6921,"date":"2026-08-29T10:58:14","date_gmt":"2026-08-29T08:58:14","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=6921"},"modified":"2026-08-29T10:58:14","modified_gmt":"2026-08-29T08:58:14","slug":"birgit-bachmann-ein-samstag-im-august","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/birgit-bachmann-ein-samstag-im-august\/","title":{"rendered":"Birgit Bachmann: Ein Samstag im August"},"content":{"rendered":"<p><strong>Birgit Bachmann: Ein Samstag im August, btb Verlag, M\u00fcnchen 2026, 256 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-442-76364-1  <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eFamilie war so etwas M\u00fchlseliges. Alles schien sich zu wiederholen. Sie hatte einen Vater, den sie nie kennengelernt hatte. Genau wie ihre Tochter. Und auch ihre Schw\u00e4gerin war ohne Vater aufgewachsen. Genauso wie ihr Schwager Jobst. Sie alle hatten V\u00e4ter, die verschwunden waren, aber als Phantomschmerzen weiterexistierten.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Bereits im Prolog zieht Birgit Bachmann die Lesenden in ihre so lebenskluge wie differenzierte Sicht aufs Familienleben hinein. Die Autorin vergleicht die Familie, die man sich nicht aussuchen kann, mit einem Flickenteppich, der zudeckt, was nicht nach au\u00dfen dringen soll und der warm h\u00e4lt, aber dabei auch die Luft zum Atmen nehmen kann. Viele S\u00e4tze in dieser multiperspektisch erz\u00e4hlten Geschichte rund um die Familie von Sigrid, Elvira, Mona, Fiete, Kathi, Frieda und Jobst w\u00fcrde man sich am liebsten anstreichen, denn sie fassen gut beobachtet und wunderbar unbeschwert kurz zusammen, was gar nicht so einfach zu beschreiben ist.<br \/>\n\u201eDie Pubert\u00e4t schien etwas zu sein, was \u00fcber jede Familie hereinbrach und auch die liebevollsten Mutter-Kind-Beziehungen zerbrechen lie\u00dfen. Wenn man Gl\u00fcck hatte, gelang es einem, die Scherben zu etwas Neuem zusammenzusetzen, was die n\u00e4chsten Jahrzehnte hielt.\u201c <\/p>\n<p>In inneren Monologen und Gedankenspr\u00fcngen berichten die einzelnen Familienmitglieder, die im fiktiven norddeutschen Niederhude und Umgebung leben, von den Geschehnissen innerhalb der Familie und ihrem eigenen Handeln, blicken aber auch kritisch auf die anderen Familienmitglieder. Da ist Sigrid, die als Witwe sich nun mit st\u00e4ndigem Putzen und die Nachbarn be\u00e4ugen die Zeit vertreibt. Haus und Garten sind gro\u00df und Wege schafft die F\u00fcnfundachtzigj\u00e4hrige nur noch mit dem Rollator. Ihre \u00e4lteste Tochter Elvira, die schnell gereizt wirkt, aber auch sympathisch sein kann, denkt, dass die Mutter sich wie ein bissiger Spitz verh\u00e4lt. Nur zur lebensfrohen, alleinerziehenden Mona, ihrer j\u00fcngsten Tochter, kann Sigrid freundlich sein. Als sie dieser allerdings erz\u00e4hlt, dass ihr leiblicher Vater nicht Heinrich, Sigrids konservative Ehemann ist, sondern Martin, ein Fotograf, mit dem Sigrid \u00fcber sieben Jahre ein Verh\u00e4ltnis hatte, verschieben sich so einige Konstellationen innerhalb der Familie. Martin allerdings wei\u00df nichts von Monas Existenz und lebt heute in Amerika. V\u00e4ter sind in dieser Familie allerdings oftmals eher abwesend, mal schmerzlich vermisst, mal unbekannt. Auch Monas achtzehnj\u00e4hrige, oftmals mies gelaunte Tochter Frieda sucht nach ihrer Identit\u00e4t ohne Vater und einem Ankerpunkt im Leben. Kathi, Sigrids Schwiegertochter, hadert mit ihrem Ehemann Milan, der sich gern aus allem heraush\u00e4lt und nicht erkennt, dass sein j\u00fcngster, vierzehnj\u00e4hriger Sohn Fiete langsam in ein kriminelles Milieu abrutscht. Kathi sp\u00fcrt, dass dem Jungen etwas auf der Seele liegt, aber sie kommt nicht an das m\u00fcrrische Kind heran. Dabei hatte sie sich geschworen, dass sie zu ihren Kindern ein besseres Verh\u00e4ltnis haben m\u00f6chte, als sie es zu ihren Eltern und zu ihrer Gro\u00dfmutter hatte, die sich kaum um ihre W\u00fcnsche k\u00fcmmerte. Und doch funktioniert nichts so, wie Kathi es sich erhofft hatte.<br \/>\nIn all ihren Widerspr\u00fcchlichkeiten schlagen sich die einzelnen Familienmitglieder mit ihren allt\u00e4glichen kleinen, wie existentiellen Problemen herum. Wie in allen Familien gibt es Routinen, Eigenheiten, Gleichg\u00fcltigkeit nach vielen Jahren des Zusammenlebens und immer wieder aufflammende Animosit\u00e4ten, aber auch verdr\u00e4ngte sexuelle Gewalt. Es wird viel geschwiegen, eher passiv aggressiv gehandelt und wie so oft nicht mit den Eltern, aber unter Geschwistern, auch wenn sie erwachsen sind, Tacheles geredet.<br \/>\nNach dem hei\u00dfen Sommersamstag folgt im Verlauf der Handlung Wochen sp\u00e4ter ein Herbst, und mit ihm ein Sturm, der in der Familie einiges wieder gerade r\u00fcckt und das ist ein befreiendes Gef\u00fchl beim Lesen, auch wenn es vielleicht eher Wunschdenken als Realit\u00e4t ist.<br \/>\nBirgit Bachmann hat lebendige Figuren geschaffen, die man so schnell nicht vergessen kann. <\/p>\n<p>Ein eindringliches Deb\u00fct!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Birgit Bachmann: Ein Samstag im August, btb Verlag, M\u00fcnchen 2026, 256 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-442-76364-1 \u201eFamilie war so etwas M\u00fchlseliges. Alles schien sich zu wiederholen. Sie hatte einen Vater, den sie nie kennengelernt hatte. Genau wie ihre Tochter. 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