{"id":6853,"date":"2026-07-19T14:57:51","date_gmt":"2026-07-19T12:57:51","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=6853"},"modified":"2026-07-19T14:57:51","modified_gmt":"2026-07-19T12:57:51","slug":"veronika-peters-mehr-leben-als-geplant","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/veronika-peters-mehr-leben-als-geplant\/","title":{"rendered":"Veronika Peters: Mehr Leben als geplant"},"content":{"rendered":"<p><strong>Veronika Peters: Mehr Leben als geplant, Rowohlt Kinder Verlag, Hamburg 2026, 253 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-463-00076-3<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eAlma Gr\u00fcn ist zu einer Person geworden, die sie niemals sein wollte: einer Frau, die l\u00fcgt. Viel schlimmer noch: einer Mutter, die ihre Kinder anl\u00fcgt. Aus Liebe, sagt sie sich hundert Mal am Tag, aus Liebe und F\u00fcrsorge, damit die T\u00f6chter weder zwischen die elterlichen Fronten geraten, noch sie ihrer Mutter gegen\u00fcber zu irgendwas verpflichtet f\u00fchlen, Mitleid zum Beispiel. Aber L\u00fcgen bleiben L\u00fcgen, egal welcher dubiosen Motivationslage sie entstammen, denkt Alma Gr\u00fcn und fragt sich, wie sie aus dieser Nummer wieder herauskommt.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Vor f\u00fcnf Monaten konnte die selbstbewusste, gut situierte Alma Gr\u00fcn im Feinkostladen um die Ecke einkaufen, exotische Urlaube planen und ohne auf den Kontostand zu schauen, teure Klamotten bestellen. Heute muss sie jeden Euro umdrehen, hat Mietschulden und kann sich nur vom Discounter irgendwelche billigen Lebensmittel leisten, denn von einer Sekunde auf die andere hat sich ihr Lebensgef\u00e4hrte Karl, mit dem sie zwei T\u00f6chter gro\u00dfgezogen hat, ohne jegliche Auseinandersetzung von ihr verabschiedet und ist zu seiner Geliebten gezogen. Nun sitzt die fast Sechzigj\u00e4hrige in ihrer riesigen Wohnung im Prenzlauer Berg, zum Gl\u00fcck mit altem Mietvertrag, und wei\u00df, dass ihre eigene Karriere als Autorin von einst so angesagten Sachb\u00fcchern \u00fcber vergessene interessante Frauen ebenfalls am Ende ist. Warum hat sie sich nie um ihre finanzielle Sicherheit im Alter gek\u00fcmmert? Warum sa\u00df sie im Elfenbeinturm der kreativen Selbstst\u00e4ndigen und glaubte, es w\u00fcrde beruflich wie privat immer so weitergehen? Dabei ist sie eine streitbare Frau, die mit ihrer direkten Art sich kaum die Butter vom Brot nehmen l\u00e4sst. Doch nun hat sie sich in ihrer Wohnung eingeigelt, verkauft online die alten Jil Sander \u2013 Kleidungsst\u00fccke und sieht sich in den sozialen Medien irgendwelche Tierfilmchen an. R\u00fcckblickend glaubt sie sogar, dass sie eigentlich auch keine gute Mutter war, denn zu ihren erwachsenen T\u00f6chtern hat sie kaum Kontakt. Hilfe erhofft sich Alma von ihrer Freundin und Agentin Jana F\u00fcrst, die v\u00f6llig ahnungslos ist.<br \/>\nVeronika Peters beschreibt Almas gnadenlosen Abstieg, den sie aus der personalen Perspektive und im Pr\u00e4sens erz\u00e4hlt, um ihrer Figur sehr nah zu sein, mit bissiger Ironie und doch immer auch mit einer Prise W\u00fcrde. Denn Alma f\u00e4llt wirklich tief. Zum einen recherchiert sie nun f\u00fcr einen jungen Insta-Star, einer gewissen Gretchen M\u00fcller mit K\u00fcnstlernamen, die ein Buch \u00fcber Claire Goll schreiben will und zum anderen arbeitet sie, Ironie des Schicksals, bei ihrer ehemaligen, zielstrebigen Putzfrau Bascha Adamczyk, die eine Pension mitten im Prenzlauer Berg aufgemacht hat, ebenfalls als Reinigungskraft mit Arbeitsvertrag. Und sie nimmt, um ihre Wohnung zu behalten, einen Untermieter auf, den eigenwilligen Halbbruder ihrer Agentin. Werner ist ein Riese von Mann mit psychischen Problemen und offenbar sehr schweigsam. Als Alma aus der Pension zwei vergessene Wasserschildkr\u00f6ten mitbringt, die sie eigentlich im Tierheim abgeben will, lebt Werner sichtlich auf. Er k\u00fcmmert sich mit Almas Hilfe um die empfindlichen Tiere namens Lise und Lotte und erfreut sich an deren Gesellschaft. Wo andere sich auf ihren arbeitsfreien Alltag freuen, beginnt f\u00fcr Alma ein neuer Abschnitt, denn sie muss nun k\u00f6rperlich hart arbeiten, sich unfl\u00e4tige Bemerkungen von G\u00e4sten anh\u00f6ren und alles still ertragen. Bei der Recherche \u00fcber Claire Goll entdeckt sie nach und nach Ungerechtigkeiten, die der Lyrikerin widerfahren sind, qu\u00e4lt sich mit der \u00fcberbordenden Emotionalit\u00e4t in Golls Schreibstil, der ihr so gar nicht liegt und hadert mit Claires Heiligsprechung ihres nicht immer treuen Ehemannes Yvan Goll nach dessen Tod. Und Alma \u00fcberdenkt ihr eigenes Schreiben kritisch und glaubt zu erkennen, warum sie als Autorin einfach nicht weiterkommen konnte. Und sie \u00fcberwindet sich und l\u00e4sst auch ihre T\u00f6chter ohne Scham in ihr derzeitiges so anderes Leben schauen.<br \/>\nAnteilnehmend oder vielleicht auch mit einem Qu\u00e4ntchen Unverst\u00e4ndnis tauchen die Lesenden in Almas schwierige, realistisch \u00fcberzeugend dargestellte Lebenssituation ein, die irgendwie an Jean de La Fontaines Fabel \u201eDie Grille und die Ameise\u201c erinnert. Und sie erkennen schnell, dass Alma zwar Frauensolidarit\u00e4t erfahren kann, aber diese nicht umsonst zu bekommen ist. Dass Alma am Ende nicht als wirre Obdachlose durch Berlin wandelt und sich alles zum Guten wendet ist von Anfang an klar und mildert kaum den Lesegenuss und die wirklich warmherzige Darstellung aller Figuren nebst Tieren. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Veronika Peters: Mehr Leben als geplant, Rowohlt Kinder Verlag, Hamburg 2026, 253 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-463-00076-3 \u201eAlma Gr\u00fcn ist zu einer Person geworden, die sie niemals sein wollte: einer Frau, die l\u00fcgt. 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