{"id":6837,"date":"2026-05-24T17:10:57","date_gmt":"2026-05-24T15:10:57","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=6837"},"modified":"2026-05-24T17:10:57","modified_gmt":"2026-05-24T15:10:57","slug":"jessica-stanley-wir-in-zehn-jahren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/jessica-stanley-wir-in-zehn-jahren\/","title":{"rendered":"Jessica Stanley: Wir in zehn Jahren"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jessica Stanley: Wir in zehn Jahren, Aus dem Englischen von Claudia Voit, Dumont Verlag, K\u00f6ln 2026, 366 Seiten, \u20ac25,00, 978-3-7558-0041-5<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eWas war mit ihr geschehen? Wie konnte jemand alles haben, was er sich je ertr\u00e4umt hatte, und sich dennoch so leer f\u00fchlen? Wie konnte jemand rund um die Uhr Menschen um sich haben, die er liebte \u2013 und sich dennoch einsam f\u00fchlen?\u201c <\/em><\/p>\n<p>Gleich zu Beginn deutet Jessica Stanley in ihrem unterhaltsamen und realit\u00e4tsnahen Roman an, dass ihre Hauptfigur Coralie Bower zwar in einem wunderbaren Haus mit Kindern und Ehemann, den sie liebt, wohnt, aber doch am liebsten alles verlassen w\u00fcrde. Und schon fragen sich die Lesenden, was wird in den kommenden zehn Jahren, 2013 setzt die Handlung ein, geschehen, dass offenbar am Ende alles unheilbar zerr\u00fcttet ist.<br \/>\nMit Ende zwanzig lebt die Australierin Coralie in London. Als Werbetexterin und Buchliebhaberin hat sie \u00fcber ihre australische Firma in einer Agentur einen Job erhalten, an den Wochenenden schreibt sie eigene Texte. \u00c4rgerlich ist nur ihre Wohnlage in der unmittelbaren N\u00e4he eines lauten Pubs. Ansonsten st\u00f6rt es sie kaum, dass sie weit fort von ihrer kranken Mutter und ihrem Bruder Daniel lebt. Als sie dann den geschiedenen Adam Whiteman, der als Journalist arbeitet, und seine aufgeweckte vierj\u00e4hrige Tochter Zora kennenlernt, k\u00f6nnte es nicht besser sein.<br \/>\nSie zieht zu ihm in sein Haus, finanziert einen Umbau mit ihren eigenen Ersparnissen und beginnt \u00fcber Kinder nachzudenken. Nach und nach jedoch bemerkt sie, dass immer Adams schriftstellerische Ambitionen im Zentrum stehen, und das hat auch etwas mit den politischen Ver\u00e4nderungen in Gro\u00dfbritannien zu tun. Da Adam ein aktuelles Buchprojekt nach dem anderen \u00fcber britische Pers\u00f6nlichkeiten, die in der Regierung aktiv sind, angeboten bekommt, stellt Coralie bedingt durch Vollzeitjob, Kinderbetreuung und Hausumbau ihr Schreiben ein. Sie verbringt sehr viel Zeit mit Zora, ertr\u00e4gt Adams hochbezahlte Ex-Frau Marina, die wieder schwanger ist, und deren konservativen Ehemann, der sich als Abgeordneter aufstellen lassen wird. In vielen Gespr\u00e4chen tauschen sich die Protagonisten \u00fcber Ed Miliband, David Cameron, Boris Johnson, Theresa May oder Jeremy Corbyn und nat\u00fcrlich den alles ver\u00e4ndernden Brexit aus. Und so scheint es Coralies Schicksal zu sein, dass immer, wenn sie schwanger ist, die britische Regierung in eine Krise trudelt und Adam ein wichtiges Buch schreiben kann. Sicher muss die Familie, die nun aus vier Personen und nat\u00fcrlich Zora besteht, finanziell im nicht gerade preiswerten London \u00fcber die Runden kommt. Doch Geld, und das ist ungew\u00f6hnlich, spielt bei all den Konflikten zwischen Coralie und Adam keine Rolle. Die Unsicherheit der Freiberuflichkeit, die beide Protagonisten kennen, wird kaum reflektiert. Es geht wie so oft in Familien, in denen beide Partner beruflich eingespannt sind, um Gleichberechtigung, d.h. die gerechte Aufteilung aller anstehenden Alltagsaufgaben, vom Kinder in die Kita bringen, bis kochen, putzen und vom anderen dar\u00fcber hinaus gesehen werden. Ist das Familiengl\u00fcck mit den Kindern Zora, Florence und Max vollkommen, so bleibt doch die meiste kaum kreative Arbeit, insbesondere seit Adam eine feste Stelle bei der <em>\u201eTimes\u201c<\/em> hat, an Coralie h\u00e4ngen. Und dann ereilt wie alle anderen auch die Pandemie die Familie Whiteman-Bower und Coralie f\u00fchlt sich mit zwei Kleinkindern im Haus v\u00f6llig allein gelassen. Auf Nebenschaupl\u00e4tzen thematisiert Jessica Stanley Coralies Familiengeschichte, die zum einen die an Krebs erkrankte nicht geliebte Mutter, den schwulen Bruder, der nach dem Tod der Mutter in London lebt und die konfliktbeladene Beziehung zum extrem rechten Vater, der beim Milit\u00e4r seinen Dienst getan hat und die Familie schon fr\u00fch verlassen hatte. Als Coralie dann nach zehn Jahren einfach nicht mehr wie ein Uhrwerk funktioniert und die Bed\u00fcrfnisse der anderen sie niederdr\u00fccken, muss Adam eine L\u00f6sung finden, um das Schlimmste zu verhindern. <\/p>\n<p><em>\u201e\u00dcberfordert, auf der Stelle tretend, verbittert bis oben hin, richtete sie ihre ganze Wut, f\u00fcr die sie sonst kein sicheres Ventil hatte, auf Adam und schnauzte ihn an, er solle seinen Hintern vom Sofa bewegen, das Haus verlassen, seine Sp\u00fclmaschinenzw\u00e4nge \u00fcberwinden und sich wegen seines neuen Jobs zusammenrei\u00dfen und seinen Mann stehen ( wo kam das denn auf einmal her? ).\u201c<\/em><\/p>\n<p>Unterhaltsam, vers\u00f6hnlich, aber auch nachdenklich stimmend zeichnet die australische Autorin Jessica Stanley ein Bild einer jungen Familie, in der alles letztendlich auf den Schultern einer Person abgeladen wird. Die Alltagsaufgaben erdr\u00fccken die einst so gl\u00fcckliche Beziehung und pl\u00f6tzlich fehlen die Gespr\u00e4che, die doch fr\u00fcher so wichtig waren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jessica Stanley: Wir in zehn Jahren, Aus dem Englischen von Claudia Voit, Dumont Verlag, K\u00f6ln 2026, 366 Seiten, \u20ac25,00, 978-3-7558-0041-5 \u201eWas war mit ihr geschehen? 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