{"id":683,"date":"2019-06-22T12:18:26","date_gmt":"2019-06-22T10:18:26","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=683"},"modified":"2019-06-22T12:18:26","modified_gmt":"2019-06-22T10:18:26","slug":"die-verratenen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/die-verratenen\/","title":{"rendered":"Die Verratenen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ursula Poznanski: Die Verratenen, Loewe Verlag, Bindlach 2012, 464 Seiten, \u20ac18,95, 978-3-7855-7546-8<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eUnsere Reise wird eine Reise in den Tod.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Welt, wie wir sie kennen, liegt weit zur\u00fcck, nur Namen wie Berlin oder Vienna erinnern noch an Bekanntes. Ria, die 18-j\u00e4hrige Erz\u00e4hlerin, lebt im sogenannten Sph\u00e4renbund, als Elitestudentin, die mehr als 12 Sprachen beherrscht, rhetorisch gebildet ist und die F\u00e4higkeit besitzt, im Gesicht ihres gegen\u00fcber zu lesen. Sie ist ein Vitro, d.h. sie wurde im Reagenzglas erzeugt und kennt weder Vater noch Mutter. Eine genaue Zeiteinordung gibt es nicht, aber der Leser hat den Eindruck, die Handlung beginnt ca. Anfang des 22. Jahrhunderts. Die Erde wurde jedoch von keiner D\u00fcrre \u00fcberzogen, sondern von einem K\u00e4lteeinbruch, einer neuen Eiszeit, die nun die Menschen in zwei Lager teilt. Die Sph\u00e4renbewohner leben privilegiert unter W\u00e4rmekuppeln, die<em> \u201ePrims\u201c<\/em>, d.h. die Primitiven, in Clans in der eiskalten und gef\u00e4hrlichen Au\u00dfenwelt. Es gibt kaum fruchtbares Land und B\u00fccher aus Papier sind etwas ganz Besonderes.<\/p>\n<p>Ria und ihr Freund Aureljo, er ist auf der Skala der Begabten der Borwin-Akademie an erster Stelle, absolvieren ein hartes Studium, um sp\u00e4ter eine der f\u00fchrenden Rollen im Staate einzunehmen. Sie werden in dem Glauben erzogen, dass die Sph\u00e4ren alles tun, um den Prims zu helfen. Die Au\u00dfenbewohner jedoch bestehlen die Transporte und bedrohen sogar Sph\u00e4renbewohner. Drei junge idealistische Studenten, die in der Au\u00dfenwelt auf Exkursion waren, sind zu Tode gekommen. Seltsam ist nur, dass die Toten nicht offen wie alle anderen aufgebahrt werden.<\/p>\n<p>Durch einen Zufall belauscht die durchaus selbstbewusste Ria, ihr Name ist eine Zusammensetzung aus Eleonore von Aquitanien und Ariadne, die F\u00fchrer der Akademie. Es geht um eine Verschw\u00f6rung in die sechs Studenten verwickelt sind. Erw\u00e4hnt wird Jordans Chronik, womit Ria allerdings nichts in Verbindung bringen kann. Als die junge Frau h\u00f6rt, dass sie und ihr Freund Aureljo auf der Liste der Verschw\u00f6rer stehen, ger\u00e4t sie in Panik, denn die Machthaber beschlie\u00dfen die m\u00f6glichst baldige Ermordung der Elitestudenten.<\/p>\n<p>Ria sp\u00fcrt die anderen Jugendlichen, Tomma, Tycho, Dantorian und Fleming auf, beobachtet sie und kann einfach nicht verstehen, warum alle sechs in irgendeiner Weise zusammengeh\u00f6ren oder gar eine Verschw\u00f6rung angezettelt haben sollen. Die Sph\u00e4renbewohner tragen einen sogenannten Salvator am Arm, er meldet sich, wenn ihr Essverhalten nicht stimmt oder k\u00f6rperliche Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten auftreten. Schnell wird Ria klar, dass der Salvator auch in der Lage ist, alle Gespr\u00e4che abzuh\u00f6ren, die der Tr\u00e4ger f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Als dann alle sechs Studenten die angebliche Ehre zu Teil wird, den Pr\u00e4sidenten des Sph\u00e4renbundes kennenzulernen und per Magnetbahn die vertraute Kuppel verlassen m\u00fcssen, ist Ria klar, dass sie kurz vor der Exekution stehen.<\/p>\n<p>Die sechs sogenannten Verschw\u00f6rer jedoch k\u00f6nnen als die Magnetbahn h\u00e4lt, sich ihren H\u00e4schern entziehen. Doch nun sind sie mit ihrer Notfallausr\u00fcstung allein in der lebensbedrohlichen Wildnis. Gewohnt in abgeschlossenen R\u00e4umen zu leben, erkunden die sechs die schneereiche, unber\u00fchrt anmutende Landschaft.<\/p>\n<p>Nicht lang und sie werden von W\u00f6lfen angegriffen. M\u00e4nner des Clans der Schwarzdornen retten die sechs, nehmen sie aber auch als Gefangene mit zu ihren Anf\u00fchrern.<em> \u201eLiebling\u201c<\/em> nennen die Prims die Sph\u00e4renbewohner. Ria versucht dem Clan durch ihre \u00dcberredungsk\u00fcnste klarzumachen, dass jeder der Jugendlichen f\u00fcr sie wertvoll sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Fleming kennt sich in der Heilkunde aus, Tomma ist Expertin auf dem Gebiet der Nahrungsmittelkunde, Tycho ein Technikgenie, Dantorian ein exzellenter Zeichner und Musiker und Aureljo universal gebildet, so wie Ria. Doch die \u201eWilden\u201c, die auf dem Niveau der J\u00e4ger und Sammler stagnieren, sp\u00fcren nur Hass gegen ihre Gefangenen. Rias Weltbild beginnt ihr zu entgleiten als sie h\u00f6rt, dass die Sph\u00e4renbewohner &#8222;die Wilden&#8220; brutal versklavt haben und in Massen get\u00f6tet, wenn sie ihr Land ausweiten wollten und ohne jegliches Mitgef\u00fchl Familien auseinandergerissen haben. Die Schwarzdornen sind im Gegensatz zu den Schlitzern und anderen Clans, noch ein relativ friedlicher Stamm, das mag an ihrem Anf\u00fchrer Quirin liegen. Er sch\u00fctzt die jungen Leute vor gewaltsamen \u00dcbergriffen und zeigt Ria in der Stadt unter der Stadt eine fast unversehrte Bibliothek.<\/p>\n<p>Ria und die anderen m\u00fcssen nun mit den Clanmitgliedern Rohstoffe in den Ruinen der untergegangenen Welt suchen.<br \/>\nRia bemerkt an ihrem Salvator, der eigentlich nicht mehr funktionieren sollte, damit sie nicht geortet wird, Nachrichten aus der Kuppel. Immer noch r\u00e4tselt die junge Frau dar\u00fcber, warum die F\u00fchrung des Sph\u00e4renbundes ihnen eine Verschw\u00f6rung unterstellt. Aureljo will unbedingt fliehen und in einer nahe gelegenen Sph\u00e4re Aufkl\u00e4rung fordern. Selbstmord sei das, vermuten die anderen.<\/p>\n<p>Auf ihrem Salvator empf\u00e4ngt Ria eine be\u00e4ngstigende Nachricht. Unter den sechs Studenten soll sich ein Verr\u00e4ter befinden. Immer mehr Mordanschl\u00e4ge werden gezielt auf die sechs ver\u00fcbt. Auch wenn die Clanmitglieder weiterhin die Fremden mit ihrem Hass verfolgen, so trachten sie nicht nach ihrem Leben.<br \/>\nQuirin wei\u00df, er kann die Studenten nicht mehr lang sch\u00fctzen. Als ein Student gezielt ermordet wird, offenbaren sich unglaubliche Vorf\u00e4lle, die alle irgendwie mit Jordans Chronik zusammenh\u00e4ngen. Ria und ihre Freunde m\u00fcssen in der eiskalten Wildnis weiterziehen, um endlich herausfinden, warum sie zu Verratenen geworden sind.<\/p>\n<p>Ursula Poznanski hat einen \u00e4u\u00dferst spannenden dystopischen Roman geschrieben, der auf drei B\u00e4nde angelegt ist. Geschrieben im Pr\u00e4sens fiebert der Leser an der Seite der Ich-Erz\u00e4hlerin Ria in jeder brenzligen Situation mit ihr mit und bleibt so lange wie die Hauptfiguren ahnungs- und ratlos.<br \/>\nNicht untypisch f\u00fcr Dystopien stellt die Autorin zwei Welten einander gegen\u00fcber. Die eine ist der anderen angeblich technisch und zivilisatorisch \u00fcberlegen, die Sph\u00e4renbewohner stehen auf der symbolisch k\u00fcnstlichen Sonnenseite und die Prims vegetieren fast wie Tiere in der unwegsamen, irdischen Wildnis. Ideologisch indoktriniert lebt die junge Generation der Sph\u00e4ren in einem nur auf Leistung ausgerichteten Elfenbeinturm. In der echten Natur erleben die jungen Leute, was es bedeutet, an wahre Grenzen zu sto\u00dfen, Verlust kennenzulernen, zu einer Familie zu geh\u00f6ren und jeden Tag um sein Leben zu k\u00e4mpfen. Und sie stellen alles, was sie f\u00fcr ihre Lebensrealit\u00e4t gehalten haben, in Frage. Sie werden den Eindruck nicht los, dass sie genauso wie die Prims Spielb\u00e4lle einer gef\u00e4hrlichen Machtriege sind. Erfreulich ist, dass die \u00f6sterreichische Autorin den Leser nicht mit einer Liebesgeschichte behelligt, sondern Ria und Aureljo von Beginn an ein ehrgeiziges und idealistisches Paar sind.<\/p>\n<p>Ursula Poznanski vermag es, eine temporeiche, fantastische Handlung geschickt mit atmosp\u00e4risch treffenden Beschreibungen der unterschiedlichen Milieus zu verbinden.<\/p>\n<p>Ihre Figuren agieren lebendig, integer und \u00fcberzeugend. Und wer am Ende des ersten Bandes \u201eDie Verratenen\u201c angelangt ist, will unbedingt wissen, wie und wann die Geschichte endlich weitergeht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ursula Poznanski: Die Verratenen, Loewe Verlag, Bindlach 2012, 464 Seiten, \u20ac18,95, 978-3-7855-7546-8 \u201eUnsere Reise wird eine Reise in den Tod.\u201c Die Welt, wie wir sie kennen, liegt weit zur\u00fcck, nur Namen wie Berlin oder Vienna erinnern noch an Bekanntes. 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