{"id":680,"date":"2019-06-22T12:19:21","date_gmt":"2019-06-22T10:19:21","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=680"},"modified":"2019-06-22T12:19:21","modified_gmt":"2019-06-22T10:19:21","slug":"nachts-kommt-die-angst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/nachts-kommt-die-angst\/","title":{"rendered":"Nachts kommt die Angst"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gabriela Gwisdek: Nachts kommt die Angst, Aufbau Verlag, TB, Berlin 2013, 308 Seiten, \u20ac9,99, 978-3-7466-2919-3<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eEinige Sekunden verharrte sie bewegungslos, dann tat sie zaghaft einen Schritt nach vorn. Zeitgleich setzte auch das Ger\u00e4usch ein, und wie schon in der vergangenen Nacht kam es vom Dachboden. Kein Zweifel, es waren unverkennbar Schritte, und sie hatte das Gef\u00fchl, das sie verstummten, wenn sie innehielt.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Mitten im Septemberregen steht die 30-j\u00e4hrige Alexandra Fischer vor ihrem neuen Zuhause, einem heruntergekommenen, abgelegenen Haus unweit von Lunow, einem kleinen Dorf in Brandenburg. Eigentlich eine Katastrophe, w\u00e4ren da nicht doch drei renovierte leer ger\u00e4umte Zimmer. Achtlos hat die Umzugsfirma die M\u00f6bel vor der T\u00fcr platziert, B\u00e4ume und Schrott umgeben das verfallene Anwesen, dessen Vormieter scheinbar fluchtartig, ohne ihre Sachen nachzuholen, den Ort verlassen haben. Zwar ist die Miete sagenhaft billig, aber Alexandra wei\u00df nun auch, warum dieses Internetangebot ein Schn\u00e4ppchen war.<\/p>\n<p>Die Malerin mit den markanten roten Haaren, die sich nach entt\u00e4uschter Liebe l\u00e4ndliche Ruhe und den weiten, kl\u00e4renden Blick \u00fcber ausgedehnte Felder w\u00fcnscht, um endlich wieder arbeiten zu k\u00f6nnen, musste bereits bei der Anreise eine vierst\u00fcndige Pause hinnehmen. Ursache der Unterbrechung \u2013 der angebliche Freitod einer Frau, deren abgetrennter Kopf nicht nur die Zugreisenden schockiert. Auch Harris Zimmering, der \u201eDorfsheriff\u201c, muss den grausigen Anblick und die Tatsache, dass im Umkreis der friedlichen Ortschaften mehrere Frauenmorde begangen wurden, verkraften. Hauptkommissar Schneider ermittelt in alle Richtungen und tappt hilflos im Dunkeln.<\/p>\n<p>Alexandra richtet sich mehr oder weniger gem\u00fctlich, aber abenteuerlustig in ihrem neuen Zuhause ohne Festnetzanschluss und Handyverbindung ein, trifft \u00fcberraschend auf zug\u00e4ngliche Dorfbewohner und ger\u00e4t an Harris, der offensichtlich einen gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftigen Humor besitzt und viel Sympathie f\u00fcr die junge, und das stellt sich im Laufe der Handlung heraus, instabile, ungl\u00fcckliche Frau, die ihre Medikamente abgesetzt hat und nun m\u00f6glicherweise immer gr\u00f6\u00dfere Neurosen und Angstzust\u00e4nde entwickelt.<\/p>\n<p>Doch sind es nur Sinnest\u00e4uschungen, die Alexandra immer mehr verunsichern oder h\u00f6rt sie tats\u00e4chlich seltsam be\u00e4ngstigende Ger\u00e4usche auf dem Dachboden, als w\u00fcrde dort jemand hausen? Mehrere Wandspiegel und die Ansammlung von Frauenkleidern stimmen die junge Frau skeptisch. Bei aller Eigendynamik, die sich in alten knarzenden Geb\u00e4uden \u00fcber die Jahre entwickelt, erscheint dieses Haus besonders schaurig bei Nacht zu sein. Eine gewagte, ja fast wahnsinnige Entscheidung hat Alexandra da getroffen, vom brodelnden Frankfurt am Main ins verschlafende Brandenburger Land zu ziehen. Geht es nur um einen Tapetenwechsel, ums Vergessen oder ist sie auf der Suche nach etwas anderem? Erl\u00f6sung?<\/p>\n<p>Als dann ein grausiger Frauenmord dem anderen folgt, der T\u00e4ter zerschneidet den rothaarigen Opfern mit Vorliebe die Gesichter, f\u00fchlt sich Alexandra nicht mehr sicher in ihrer selbstgew\u00e4hlten Idylle. Harris h\u00e4lt sie, auch aus Frust \u00fcber seinen penetrant unfreundlichen Vorgesetzten, \u00fcber die Ermittlungen auf dem Laufenden. Er hat als dilettierender Ermittler bei allen Fehlern doch herausgefunden, wenn man die Fundorte der sechs Frauen mit einer Linie verbindet, ergibt sich ein Herz. Kaum zu glauben, dass ein romantischer Serienkiller unterwegs ist.<br \/>\nIm Visier der Ermittler sind nun die durch Indizien \u00fcberf\u00fchrten Br\u00fcder Schumann, die sich gegenseitig ein Alibi geben. Au\u00dferdem ist Robert Schumann der eifers\u00fcchtige Freund eines Opfers. Harris und Schneider jedoch stehen unter Erfolgsdruck, wobei sie ahnen, dass die Inhaftierten unschuldig sind.<br \/>\nBei der Suche nach dem Killer wird, und das kann nur tragisch enden, eine erneute Oderflut die Wahrheit ans Licht sp\u00fclen.<\/p>\n<p>Gabriela Gwisdek arbeitet geschickt mit allen genretypischen Elementen des Thrillers und hat einen aufw\u00fchlenden, sprachlich \u00fcberzeugenden Roman mit viel Gesp\u00fcr f\u00fcr emotionale Feinheiten geschrieben. Alle Erwartungen, die sich mit der au\u00dfergew\u00f6hnlichen, aber auch real nachvollziehbaren Lebenssituation ihrer Hauptfigur verbinden, werden nach und nach aufgel\u00f6st. Was bis zur letzten Seite auf h\u00f6chstem Level erhalten bleibt, ist die Spannung. Wie in ihrem Deb\u00fct interessiert sich die Autorin f\u00fcr die unergr\u00fcndliche Psyche von Menschen und deren Taten, die durch Schicksalsschl\u00e4ge ausgel\u00f6st werden k\u00f6nnten. Das Besondere an Gabriela Gwisdeks Krimi ist die geniale Irref\u00fchrung ihrer Leser, aber auch die detailreiche Beschreibung der Atmosph\u00e4re in der Dorfgemeinschaft und im geheimnisvollen Haus, das nicht nur die M\u00e4use und der Marder in Beschlag genommen haben. Immer bleiben ihre Figuren ambivalent, undurchsichtig, aber auch sympathisch wie widerspr\u00fcchlich. Nah an Alexandras vertrauter Seite gibt der Leser sich im Laufe der Lekt\u00fcre dem Trugschluss hin, er durchschaue vieles. Mag sein, denn jeden Adrenalinsto\u00df sp\u00fcrt er beim Lesen wie die Hauptfigur in ihrem gespenstischen Haus und doch ist er bis zum Ende nie wirklich Herr der Situation.<\/p>\n<p>Nichts f\u00fcr schwache Nerven, da wahnsinnig aufregend!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gabriela Gwisdek: Nachts kommt die Angst, Aufbau Verlag, TB, Berlin 2013, 308 Seiten, \u20ac9,99, 978-3-7466-2919-3 \u201eEinige Sekunden verharrte sie bewegungslos, dann tat sie zaghaft einen Schritt nach vorn. 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