{"id":6738,"date":"2026-05-03T16:42:32","date_gmt":"2026-05-03T14:42:32","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=6738"},"modified":"2026-05-03T16:42:32","modified_gmt":"2026-05-03T14:42:32","slug":"petra-hucke-unterwasserblau","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/petra-hucke-unterwasserblau\/","title":{"rendered":"Petra Hucke: Unterwasserblau"},"content":{"rendered":"<p><strong>Petra Hucke: Unterwasserblau, Eisele Verlag, Berlin 2026, 256 Seiten, \u20ac24,00, 9783961612833 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eJessica bringt den Tod. Mutter tauchte weiter in meinen Tr\u00e4umen auf und schubste mich ins Grab. Vater hingegen zeigte sich nicht, und das war ganz typisch f\u00fcr ihn. Er h\u00e4tte mir wenigstens eine Cola ins Grab stellen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wenn Jessica in ihrer Familie eins nicht sein kann, dann sie selbst. Ihr schaudert es bei dem Gedanken, dass sie im Alter wie ihre Mutter aussehen k\u00f6nnte. In der gro\u00dfen Familie von ihrem Mann Ingwer hingegen f\u00fchlt sie sich angenommen und anerkannt, so wie sie ist. Sie kann unbeschwert mit ihren Schwiegereltern reden, mit Ingmars drei Br\u00fcdern, den Schw\u00e4gerinnen, Nichten und Neffen.<br \/>\nWenn Jessica an ihre Familie, die in einer Arbeitersiedlung im Ruhrgebiet lebt, denkt, dann glaubt sie zu wissen, dass ihre lieblose und einsame Kindheit sie gepr\u00e4gt haben und der Verlust ihrer Zwillingsschwester Annika, die mit anderthalb Jahren gestorben ist. F\u00fcr Jessicas unfreundliche, ja geradezu feindselige Mutter ist das der gr\u00f6\u00dfte Verlust. Der Vater hingegen, auch wenn er es nicht zeigen konnte, hat seine Tochter geliebt und hatte wohl eher Probleme mit seiner Stieftochter Sandra, die ihren biologischen Vater anhimmelte, der nie etwas mit ihr zu tun haben wollte. Auch Sandra, acht Jahre \u00e4lter als Jessica, die bereits mit sechzehn Jahren auszog, fand kein gutes Wort f\u00fcr die Halbschwester.<br \/>\nAls Jessica und Ingwer mit der Familie ihren zwanzigsten Hochzeitstag begehen und auch den Geburtstag der Mutter von Ingwer beendet das Fest abrupt ein eigentlich eher seltener Anruf von Sandra. Jessicas Vater ist unerwartet verstorben. Allein die Szenen bei der Beerdigung, wo nicht geweint werden darf, spiegeln alle Gef\u00fchle, die Jessica mit ihrer Familie verbindet. Wenn Jessicas Mutter sich nicht drastisch \u00e4u\u00dfern kann und einen Streit beginnen, f\u00fchlt sie sich nicht wohl. Der Kontakt der Schwestern beschr\u00e4nkt sich auf ein Minimum, denn die st\u00e4ndig rollenden Augen und der biestige Blick von Sandra, wenn Jessica etwas sagt, sind kaum zu ertragen.<br \/>\nZwar geht das Leben f\u00fcr Jessica in Leipzig weiter, aber sie sp\u00fcrt, dass sie, die immer wieder Selfies von sich macht, an einen Punkt angekommen ist, wo sie auch nicht mehr so genau wei\u00df, wie sie eigentlich beruflich und vielleicht auch privat weitermachen will. Ihr befristeter Vertrag als Meeresbiologin l\u00e4uft aus, sie hat eine unsinnige, nicht von Leidenschaft gepr\u00e4gte Aff\u00e4re mit ihrem Schwager Holger begonnen, der verheiratet ist und vier Kinder hat. Warum sie das ihrem so sympathischen wie liebenswerten und aufmerksamen Ehemann antut, bleibt ein R\u00e4tsel. Als alles auffliegt, findet sie keine plausible Erkl\u00e4rung weder f\u00fcr sich, noch f\u00fcr Ingwer, der sofort auszieht und jeglichen Kontakt unterbindet. Hat er ihr, die so inaktiv ist, wirklich zu viel abgenommen? Findet er in seinem Sabbatjahr als Lehrer eine neue berufliche Perspektive im Schreiben, was Jessica verstimmt? Und wie geht es Ingwer in seiner eigenen Familie? Hat sich Jessica das je gefragt?<br \/>\nHilfe kann Jessica weder bei ihrer n\u00f6rgelnden, desinteressierten Mutter, die sie sogar vor der T\u00fcr stehen l\u00e4sst, als sie sie besuchen will, noch bei ihrer Halbschwester finden. Ein Anker ist vielleicht die K\u00fcnstlerin Scarlett, die nach Leipzig in die N\u00e4he ihres Zwillingsbruders gezogen ist.<br \/>\nAls dann jedoch Jessicas Mutter nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt stirbt, entdeckt sie im Nachlass ein Schreiben, dass sie erneut aus der Bahn wirft.<br \/>\nPetra Hucke zeichnet in ihrer bildreichen Sprache ein geradezu be\u00e4ngstigend gut beobachtetes Bild von einer dysfunktionalen Familie, in der es keine N\u00e4he, noch Liebe, sondern nur zersetzende Eifersucht gibt. Jessica als Ich-Erz\u00e4hlerin erinnert Szenen aus der Kindheit, die ihre Halbschwester ganz anders bewertet. Was ist nun wahr und was eingebildet? Und warum ist Jessica f\u00fcr ihre Mutter die falsche Tochter?<br \/>\nViele auch tragikomische S\u00e4tze w\u00fcrde man liebsten anstreichen, so nahe k\u00f6nnten sie Lesenden gehen.<\/p>\n<p><em>\u201eIch war meine Eltern. Sandra hatte ich st\u00e4ndig von mir gesto\u00dfen in Nachahmung meiner Mutter. Nicht die richtige Schwester. Ich hatte meinen Mann betrogen in Nachahmung meines Vaters \u2013 und dessen gro\u00dfe Liebe hatte es offenbar nicht einmal gegeben. Wer war ich ohne sie? Wie hatte ich denken k\u00f6nnen, meine Familie hinter mir gelassen zu haben und ein Leben ohne sie zu f\u00fchren? Stattdessen waren sie einfach st\u00e4ndig pr\u00e4sent in allem, was ich tat \u2013 und nicht nur in meinem Gesicht.\u201c <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Petra Hucke: Unterwasserblau, Eisele Verlag, Berlin 2026, 256 Seiten, \u20ac24,00, 9783961612833 \u201eJessica bringt den Tod. Mutter tauchte weiter in meinen Tr\u00e4umen auf und schubste mich ins Grab. Vater hingegen zeigte sich nicht, und das war ganz typisch f\u00fcr ihn. 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