{"id":6723,"date":"2026-05-03T14:38:14","date_gmt":"2026-05-03T12:38:14","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=6723"},"modified":"2026-05-03T14:38:14","modified_gmt":"2026-05-03T12:38:14","slug":"caro-clarie-burke-yesteryear","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/caro-clarie-burke-yesteryear\/","title":{"rendered":"Caro Clarie Burke: Yesteryear"},"content":{"rendered":"<p><strong>Caro Clarie Burke: Yesteryear, Aus dem Amerikanischen von Dietlind Falk und Lisa K\u00f6geb\u00f6hn, Heyne Verlag, M\u00fcnchen 2026, 464 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-453-27535-5<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIn meinem tiefsten Inneren hatte ich es die ganze Zeit gewusst: Wir waren schlechte Schauspieler. Mein Mann war kein John Wayne. Mir lag das Hausfrauendasein nicht im Blut. Aus der Ferne konnten wir unseren Liebsten etwas vormachen, aber wenn man erst einmal hier war, konnte man es riechen. Es stank nach Schmu. \u2026 Ich war gefangen am Arsch der Welt, und meine einzige Gesellschaft \u2013 Himmel hilf \u2013 waren mein Mann und meine Kinder, f\u00fcr immer. Wir krochen langsam zusammen in Richtung Armut. Ein Paniktsunami fegte \u00fcber mich hinweg.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wer tr\u00e4umt nicht von einer Ranch am Fu\u00dfe der Berge in Idaho mit unber\u00fchrter Natur, einem Landleben mit H\u00fchnern, wo allerdings etwas versteckt alle technischen Ger\u00e4te griffbereit sind und Geld keine Rolle spielt. Natalie Heller Mills, die Ich-Erz\u00e4hlerin dieser Geschichte, hat gemeinsam mit ihrem Mann Caleb und der finanziellen Unterst\u00fctzung ihres Schwiegervaters diesen Traum wahr werden lassen. Als gottesf\u00fcrchtige, zweiunddrei\u00dfigj\u00e4hrige und wiedermal schwangere Influencerin mit einem nichtsnutzigen Mann hat sie sich in den sozialen Medien einen Platz suchen m\u00fcssen, als Calebs Vater nicht mehr so spendabel war und sich lieber auf seine kostspielige Politikerkarriere konzentrieren wollte. Doch Natalie wei\u00df um ihre St\u00e4rken und nachdem sie durch einen unverhofften Medienhype immer mehr User und auch Hater auf ihrem Account begr\u00fc\u00dft, hat sie auch ihre Pr\u00e4senz professionalisiert. Nat\u00fcrlich wissen Fans wie Hasser von Natalies Stories unter den Namen: Yesteryear, so hei\u00dft auch Natalies Ranch, nicht, dass hinter den Kulissen f\u00fcr ihre f\u00fcnf Kinder zwei Nannys, eine Produzentin und auch Farmhelfer arbeiten.<\/p>\n<p><em>\u201eSo k\u00f6nnte dein Leben sein, wenn du genauso reich, sch\u00f6n und flei\u00dfig w\u00e4rst wie ich. Blo\u00df wird es niemals so sein. Genau darin lag der Reiz des Ganzen, und ich wusste es nur, weil mein Account f\u00fcr mich insgeheim dasselbe war. Ein Stellvertreterleben. Ein Traum. Unerreichbar.<br \/>\nGreif nach den Sternen, s\u00e4uselte Online \u2013 Natalie.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Als dann jedoch Natalies zw\u00f6lfj\u00e4hrige Tochter Clementine sie fragt, was eine Tradewife sei und nicht mehr gefilmt werden will und auch noch die junge Produzentin Shannon ihren Job k\u00fcndigt, ger\u00e4t Natalies k\u00fcnstlich aufrechterhaltene Welt, die eher einem Unternehmen als einer heilen Farmerfamilie mit gl\u00fccklichen Kindern, Hausunterricht und Tieren \u00e4hnelt, in die Krise.<br \/>\nCaro Claire Burke erz\u00e4hlt ihre faszinierende Geschichte von der zu Beginn noch naiven Natalie  zeitlich versetzt, bis hin zu Natalie in den Wechseljahren und mit Fu\u00dffesseln, verurteilt wegen Kindesgef\u00e4hrdung, w\u00e4hrend eines Interviews auf ihrer Ranch. Zum einen erinnert sich ihre Hauptfigur an ihre Kindheit, ihre Zeit an der Universit\u00e4t, wo sie immer nur die \u201eKirchentante\u201c genannt wurde, an ihre ersten Dates mit Caleb und ihre Entwicklung hin zur beliebten Influencerin. Recht k\u00fchl und auch sarkastisch erkennt Natalie kurz nach ihrer Hochzeit, dass sie zwar einen reichen Ehemann abbekommen hat und auch sofort schwanger wurde, aber auch dass Caleb kaum ein Partner ist, zu dem sie aufsehen kann. Zum anderen scheint die Handlung einen Sprung in die Vergangenheit zu machen, und in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu landen. Denn Natalie erwacht auf ihrer Ranch und kann ihren Augen kaum trauen, denn alles ist wie bei einem Reenactment authentisch und zeitgetreu ver\u00e4ndert. Wurde sie entf\u00fchrt? Steht irgendwo eine Kamera? Ist alles ein Fake? Und warum \u00e4hnelt Caleb ihrem Mann, doch ihre angeblichen vier Kinder sind ihr v\u00f6llig fremd und wie kann es sein, dass sie nicht mehr schwanger ist? Natalie jedenfalls vergeht das Dauerl\u00e4cheln, wobei das Gef\u00fchl einer permanenten Wut \u00fcber ihre ungl\u00fcckliche Ehe und den Kindersegen bleibt, denn das harte wie entbehrungsreiche Leben auf der Ranch behagt ihr \u00fcberhaupt nicht und hinzukommt, dass ihre Tochter Mary das Kommando \u00fcbernommen hat.<br \/>\nDie Erz\u00e4hlstr\u00e4nge wechseln nun zwischen den Erinnerungen Natalies und den Aktivit\u00e4ten auf der gegenw\u00e4rtigen und zeitlich in die Vergangenheit versetzten Ranch mit allen Konflikten und Problemen hin und her.<br \/>\nErstaunlich ist, wie die amerikanische Autorin die parallel erscheinenden Passagen rund um Natalies Leben mit ihrer Familie auf der Ranch zu einem \u00fcberraschenden Ende zusammenf\u00fchrt. Caro Clarie Burke ist es gelungen, den Zeitgeist rund um Social Media auf ironische Weise in ihrem gut 400 Seiten Roman einzufangen und hinter die Fassade zu schauen, wo geistlose und weltfremde Verschw\u00f6rungstheorien, die Caleb und sein Politikervater gern verbreiten, aber auch skrupellose Influencerinnen der \u00d6ffentlichkeit ein gl\u00fcckliches Leben von ehrlichen Christen vorgaukeln. Wie die Kinder unter diesen Bedingungen geistig verarmen und ausgebeutet werden, verdeutlicht diese fiktive Geschichte und entwirft zum Ende hin ein Bild von dieser Generation, die sich aus der Scheinwelt der Eltern befreien kann. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Caro Clarie Burke: Yesteryear, Aus dem Amerikanischen von Dietlind Falk und Lisa K\u00f6geb\u00f6hn, Heyne Verlag, M\u00fcnchen 2026, 464 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-453-27535-5 \u201eIn meinem tiefsten Inneren hatte ich es die ganze Zeit gewusst: Wir waren schlechte Schauspieler. 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