{"id":6524,"date":"2026-04-03T12:03:37","date_gmt":"2026-04-03T10:03:37","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=6524"},"modified":"2026-04-03T12:03:37","modified_gmt":"2026-04-03T10:03:37","slug":"christoph-peters-entzug","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/christoph-peters-entzug\/","title":{"rendered":"Christoph Peters: Entzug"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Peters: Entzug, Luchterhand Verlag, Hamburg 2026, 400 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-630-87785-3<\/strong><\/p>\n<p>\u201e<em>Mon Ch\u00e9ri<\/em>. Begonnen hat es mit <em>Mon Ch\u00e9ri<\/em>. Samstagsabends, wenn wir im Esszimmer vor dem Fernseher sa\u00dfen. Es lief das Ohnsorgtheater oder eine dieser Spielshows mit Rudi Carrell, Hans-Joachim Kuhlenkampff, Peter Frankenfeld.\u201c<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit war Christoph Peters, der offen zugibt, dass es in diesem Roman um seine pers\u00f6nliche Leidensgeschichte geht, ein Teenager. Zu allen m\u00f6glichen Gelegenheiten wird am Niederrhein, wo der Autor 1966 geboren wurde, getrunken, beim Fr\u00fchschoppen, bei Festen. Und sp\u00e4ter dann auf dem Gymnasium und beim Studium sowieso. Hinter dem neununddrei\u00dfigj\u00e4hrigen Ich &#8211; Erz\u00e4hler liegt eine lange Trinkerkarriere, f\u00fcr die es immer wieder auch vollmundige Begr\u00fcndungen gibt. Der K\u00fcnstler braucht Wein oder sp\u00e4ter Wodka f\u00fcr den kreativen Prozess, zumal Peters zuerst eine Malerkarriere anstrebte. Viele ber\u00fchmte Autoren, die sich angeblich ihren D\u00e4monen stellten, konsumierten endlos Alkohol.<br \/>\nAls Peters dann in Berlin lebte, nochmals heiratete und ein Kind bekam, wurde ihm langsam klar, dass er auch bei allen Beteuerungen, dass er jederzeit aufh\u00f6ren k\u00f6nnte zu trinken, den Absprung nicht mehr schaffen w\u00fcrde. Seine <em>\u201ehochkomplizierte L\u00fcgenlogistik\u201c<\/em> funktionierte einfach nicht mehr und die Angst vor dem Verlust seiner Arbeit dominierte.<br \/>\nAkribisch und vor allem wirklichkeitsnah ohne Selbstmitleid beschreibt Christoph Peters im ersten Teil des Romans wie er sich mit dem bestimmten Pegel Alkohol bereits am Morgen f\u00fchlt, wie seine H\u00e4nde zittern, wie er dem\u00fctigende Verstecke in der Wohnung, zu denen seine Frau und sein Kind keinen Zugang haben, sucht, wie er bereits am Vormittag auf dem Weg zum Einkauf in Kneipen Schn\u00e4pse kippt. Er kann sich kaum mehr konzentrieren, seine Beine werden langsam taub, jede Aktivit\u00e4t strengt ihn ma\u00dflos an. Und dann erh\u00e4lt er auch noch eine E-Mail von seinem Verleger, der den Anfang seines neuen Manuskripts gelesen hat und nicht zufrieden ist. Peters sieht sich bereits obdachlos vor dem Aldi sitzen, denn seine Frau, die seine Sucht eigentlich bereits klar erkannt haben muss, hat ihm deutliche Ansagen gemacht und auch die Trennung in Aussicht gestellt.<\/p>\n<p><em>\u201eEs ist Krieg, ein Krieg gegen mich selbst, gegen die Wehrhaftigkeit des Materials, der Sprache, der Empfindungen. So oder so kann ich die Probleme, keins von ihnen, heute, in diesem Moment \u2013 jetzt &#8211; l\u00f6sen.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Und dann zieht er die Rei\u00dfleine, ausgel\u00f6st durch eine simple Frage seiner Frau. Er begibt sich im zweiten Teil des Romans in die Phase des Nicht-Trinkens, in den harten Entzug \u00fcber vierzehn Tage. Zwar ist die R\u00fcckfallquote Suchtkranker zwischen 90 und 95 %, aber er ist optimistisch, die \u00c4rzte vermuten zu optimistisch. Wie er im Detail die Entgiftung beschreibt, ist wirklich schmerzhaft. Den Angeboten in der Klinik, wie Ergotherapie, Gespr\u00e4che mit Psychologen, Selbsthilfegruppen u.a. traut der Autor nicht so richtig. Auch die Kontakte zu den weiteren Patienten im Krankenhaus bleiben an der Oberfl\u00e4che, sind aber f\u00fcr die Entw\u00f6hnung von Bedeutung. Durchringen kann er sich zum sogenannten Jellinek \u2013 Aufsatz, dessen Thema die ehrliche Darstellung seiner eigenen Trinkerbiografie sein soll.<br \/>\nDer Autor erkennt am Ende, dass er kein <em>\u201eradikalindividualistischer Grenzg\u00e4nger\u201c<\/em> ist, <em>\u201esondern ein gleichgeschalteter Suchtkranker\u201c. <\/em><\/p>\n<p>\u00dcber die Alltagsdroge Alkohol haben Hans Fallada, Fjordor Dostojewski oder Joseph Roth und viele andere geschrieben. Nun auch Christoph Peters, von dem zuletzt die Trilogie <em>&#8222;Der Sandkasten&#8220;,&#8220;Kr\u00e4hen im Park&#8220;<\/em> und <em>&#8222;Innerst\u00e4dtischer Tod&#8220;<\/em> erschienen ist. Er erz\u00e4hlt nun nach zwanzig Jahren abstinentem Leben v\u00f6llig unsentimental, sprachlich kraftvoll und schonungslos von der eigenen Kapitulation und Rettung.<\/p>\n<p>Empfehlenswert!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Peters: Entzug, Luchterhand Verlag, Hamburg 2026, 400 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-630-87785-3 \u201eMon Ch\u00e9ri. Begonnen hat es mit Mon Ch\u00e9ri. Samstagsabends, wenn wir im Esszimmer vor dem Fernseher sa\u00dfen. 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