{"id":625,"date":"2019-06-22T12:52:27","date_gmt":"2019-06-22T10:52:27","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=625"},"modified":"2019-06-22T12:52:27","modified_gmt":"2019-06-22T10:52:27","slug":"das-karussell","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/das-karussell\/","title":{"rendered":"Das Karussell"},"content":{"rendered":"<p><strong>Klaus Kordon: Das Karussell, Beltz &amp; Gelberg Verlag, Weinheim 2012, 455 Seiten, \u20ac19,95, 978-3-407-81114-1<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eIhm schossen die Tr\u00e4nen in die Augen. Hatte er jemals zuvor etwas so Sch\u00f6nes geschenkt bekommen?\u201c<\/em><\/p>\n<p>In seinem neuen Roman erz\u00e4hlt Klaus Kordon die Lebens- und Liebesgeschichte seiner Eltern. Wer die autobiografischen Romane \u201eKrokodil im Nacken\u201c, \u201eBr\u00fcder wie Freunde\u201c, \u201eEiner wie Frank\u201c und \u201eTage wie Jahre\u201c kennt, wei\u00df um die Lebensgeschichte des Autors.<\/p>\n<p>Klaus Kordon bezeichnet sich selbst als &#8222;Kind deutscher Geschichte&#8220;. Der Gro\u00dfvater blieb im Ersten Weltkrieg, der Vater verlor sein Leben im Zweiten Weltkrieg. Als Klaus Kordon 1943 zur Welt kam, war Krieg. Die 50er Jahre, Mauerbau, Kalter Krieg, das  Leben in der DDR &#8211; Geschichte, sagt Klaus Kordon, war immer gegenw\u00e4rtig, bis hin zum Stasi-Knast. In den 70er Jahren konnte er in den Westen ausreisen. Heute lebt er wieder in seiner Heimatstadt, in einer ruhigen Stra\u00dfe in Berlin-Steglitz. In seinem hellen, \u00fcbersichtlichen Arbeitszimmer steht kein Computer, denn Klaus Kordon schreibt alle seine Manuskripte mit der Hand.<\/p>\n<p>Parallel erz\u00e4hlt Klaus Kordon in seinem Roman \u201eDas Karussell\u201c von der Kindheit und Jugend seiner Eltern, von Bertie, eigentlich Herbert, Lenz, seinem Vater (Manfred Lenz ist sein Sohn in &#8222;Krokodil im Nacken&#8220;) und von der Mutter, Lisa Gerber, die an der Rosstrappe in Thale gro\u00df geworden ist.<\/p>\n<p>In einem Interview sagte Klaus Kordon zur Namenswahl: \u201e Es gibt in der deutschen Literatur so viel Lenz. Ich habe an Fr\u00fchling gedacht, an jung sein und ich wollte einen kurzen Nachnamen haben.\u201c<\/p>\n<p>Bertie wohnt seit er sich erinnern kann in einem Waisenhaus, in einem gelben Berliner Backsteinbau. Er leidet unter der strengen Kontrolle der Pater und deren drastischen Z\u00fcchtigungen und hofft immer, dass die Mutter, die ihn doch regelm\u00e4\u00dfig besucht, ihn irgendwann nach Hause holt. Doch Berties Mutter ist eine in sich verschlossene Frau, die kaum Emotionen zeigt. Wenn Bertie etwas vorgeworfen wird, und das wird sich auch sp\u00e4ter in der Schule und bei seinen Gef\u00e4ngnisstrafen nicht \u00e4ndern, stellt sich die Mutter nie an seine Seite. F\u00fcr sie hat er einen schlechten Charakter, ist ein Bastard, der ihr das ganze Leben verdorben hat. Sie gibt ihm alle Schuld an ihrem eigenen Schicksal. Als Dienstm\u00e4dchen ist sie ungewollt schwanger geworden. Auch ihrer Schwester ist das passiert und die Eltern haben sich von beiden T\u00f6chtern abgewandt. Als die Mutter heiratet, hofft Bertie auch auf eine Ver\u00e4nderung in seinem Leben, aber die Mutter besucht ihn weiterhin und schweigt. Als sie schwanger ist, kann Bertie seinen inneren Aufruhr nicht mehr beherrschen. Er ist tief entt\u00e4uscht.<br \/>\nGreta, seine Halbschwester, wird ihm bei einem Besuch ein rotes, wundersch\u00f6nes Karussell mit Pferden schenken, eine Gabe, die Bertie, obwohl er schon viel zu alt f\u00fcr dieses Spielzeug ist, tief ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Wahre Menschen und ihre Schicksale lebendig beschreiben, auch wenn die aufscheinenden Erinnerungen sp\u00e4rlich sind, das sind Klaus Kordons gro\u00dfe Momente. Er kann sich in Menschen hineinversetzen und ihnen eine glaubw\u00fcrdige Lebensgeschichte auf den Leib schneidern. Klaus Kordon sagt: \u201eEs passiert mir einfach, das klingt jetzt komisch. Das ist ein Talent. Es ist mein Wunsch, dass es lebendig sein soll. Ich lese historische Romane und die Figuren sind manchmal einfach nur Pappkameraden. Im Mittelpunkt meiner Romane sollen Menschen mit ihrer Geschichte stehen. Die Fakten und das Material kann sp\u00e4ter eingebaut werden. Wenn ich beim Schreiben merke, das lebt nicht richtig, dann w\u00fcrde ich aufh\u00f6ren. Wichtig ist, wenn ich anfange, dass diese Menschen, \u00fcber die ich schreibe mit all ihren guten wie schlechten Seiten in mir drin sind, mir nahe sind.\u201c<\/p>\n<p>Klaus Kordons Mutter stirbt, da ist er 13 Jahre alt. Aber vorher, so berichtet er im Nachwort, hat er seine Mutter \u00fcber die Geschichte seiner Familie und seinen Vater ausgefragt. Vieles von dem was der Autor \u00fcber Bertie Lenz erz\u00e4hlt, mag erfunden sein und doch klingt es \u00fcberzeugend.<br \/>\nBertie und Lisa treffen sich zum ersten Mal in einer typischen Berliner Eckkneipe, Prenzlauer Allee Ecke Raumerstra\u00dfe. Sie hei\u00dft \u201eZum Ersten Ehestandsschoppen\u201c. Hier ist Lisa die Wirtin und Eigent\u00fcmerin noch mit Georg John verheiratet.<br \/>\nSie rettet den angetrunkenen und gegen die Nazis hetzenden Bertie vor den SA-Schergen, unter denen sogar ein ehemaliger Freund von Bertie ist.<\/p>\n<p>Wie kein anderer Schriftsteller verkn\u00fcpft Klaus Kordon lebendiges, szenisches Erz\u00e4hlen mit einer bildhaften Sprache. Wenn man in seinen autobiografischen Erinnerungen liest, dann scheint es so zu sein, als w\u00fcrde man an Berties Seite durch die Stadt laufen, w\u00fcrde Lisa in ihrer Kneipe sehen und all die G\u00e4ste reden h\u00f6ren.<br \/>\nAuch wenn der Leser immer aus dem Blickwinkel von Bertie und Lisa die Handlung verfolgt, bleibt doch die M\u00f6glichkeit atmosph\u00e4risch dicht Lokalkolorit zu beschreiben, aber auch die politischen Ereignisse und Diskussionen, die die Menschen bewegen. Der Autor kann frei hinzuerfinden und ist nicht an die wahren Ereignisse gebunden, obwohl vieles wirklich so stattgefunden hat.<\/p>\n<p>Klaus Kordon bleibt sich in seinem Schreiben immer treu. Realistisch und vor allem verst\u00e4ndlich vermittelt er Lesern ein Bild von der Zeit des I. und II. Weltkrieges, der die Generationen gepr\u00e4gt hat. Der jetzt 69-j\u00e4hrige Autor packt seine Leser nicht in Watte, er mutet ihnen vieles zu und wei\u00df, dass sie das auch verkraften k\u00f6nnen. Der Erfolg seiner bisherigen B\u00fccher gibt ihm Recht<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klaus Kordon: Das Karussell, Beltz &amp; Gelberg Verlag, Weinheim 2012, 455 Seiten, \u20ac19,95, 978-3-407-81114-1 \u201eIhm schossen die Tr\u00e4nen in die Augen. 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