{"id":6138,"date":"2025-09-24T13:44:39","date_gmt":"2025-09-24T11:44:39","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=6138"},"modified":"2025-09-24T13:44:39","modified_gmt":"2025-09-24T11:44:39","slug":"yvonne-zitzmann-die-geteilte-schuld","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/yvonne-zitzmann-die-geteilte-schuld\/","title":{"rendered":"Yvonne Zitzmann: Die geteilte Schuld"},"content":{"rendered":"<p><strong>Yvonne Zitzmann: Die geteilte Schuld, btb Verlag, M\u00fcnchen 2025, 304 Seiten, \u20ac24.00, 978-3-442-76306-1<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eNein, hatte sie geantwortet, ich habe keine Mutter. Und jetzt fragte sie sich auf einmal, wie es ihr ergehen w\u00fcrde, wenn ihr Sohn eines Tages wieder vor ihr st\u00fcnde \u2013 w\u00fcrde sie ihm auch sagen, Hallo, Jean, aber ich bin doch deine Mutter, w\u00fcrde er ihr auch antworten, es w\u00e4re ihm einerlei? K\u00f6nnte er MAMA zu ihr sagen, obwohl er es niemals zuvor zu ihr gesagt haben w\u00fcrde?\u201c<\/em><\/p>\n<p>In aktuell erschienen Roman <em>\u201eMedulla\u201c<\/em> von Verena G\u00fcnther ( Dumont Verlag ) verweigern die willensstarken Frauen die Mutterschaft und behalten sich vor, selbst zu entscheiden, was mit ihrem K\u00f6rper geschieht. In Yvonne Zitzmanns Roman tragen die Frauen die Kinder aus, in der gl\u00fccklichen Vorstellung, eine Familie zu gr\u00fcnden, werden von M\u00e4nnern und den gesellschaftlichen Gegebenheiten entt\u00e4uscht und verlassen ihre Kinder von einem Tag auf den anderen. Das sind nach Leidenswegen schmerzliche Entscheidungen, die schwer nachzuvollziehen sind und beide mit Schuld zur\u00fccklassen.<br \/>\nJeweils aus der personalen Perspektive erz\u00e4hlt Yvonne Zitzmann, 1976 in Frankfurt an der Oder geboren, vom Schicksal zweier Frauen in unterschiedlichen Zeiten.<br \/>\nMartina Seiffert arbeitet 1977 als Kranf\u00fchrerin in Frankfurt \/ Oder, verliebt sich in den Schwei\u00dfer und Musiker Mischa, der als Trassnik immer wieder in der Sowjetunion t\u00e4tig ist, bekommt ein M\u00e4dchen und wird verlassen, da Mischa nach dem Auftritt mit seiner Band in Westdeutschland nicht in die DDR zur\u00fcckkehrt.<br \/>\n2022: Katja Eisenberg, die vom Schreiben ihrer Romane nicht leben kann, arbeitet als freie Mitarbeiterin bei einer Zeitschrift, verliebt sich in den verheirateten Chefredakteur Markus, beginnt eine Aff\u00e4re, bekommt einen Jungen und wird verlassen, da f\u00fcr Markus Frau und Kinder nebst Vorstadtvilla und Status wichtiger sind.<br \/>\nEinf\u00fchlsam wird nun zeitversetzt vom sehr unterschiedlichen Alltag beider Frauen berichtet, die eine innige Beziehung zur Sprache haben, lange Briefe schreiben, Geschichten erz\u00e4hlen, Worte ernst nehmen und mit ihnen umgehen k\u00f6nnen. Eng verbunden mit ihrer Arbeit als Passion und auch Existenzgrundlage, die eine als Kranf\u00fchrerin, die andere als Autorin und Journalistin, k\u00f6nnen beide jeweils mit Kind aus verschiedenen Gr\u00fcnden nicht mehr in ihren Berufen arbeiten und verlieren so ihr Selbstwertgef\u00fchl. Nicht mal Martina f\u00e4ngt eine helfende Brigade im realen Sozialismus auf, zumal sie auch noch die Frau eines Mannes ist, der seinem Land den R\u00fccken gekehrt hat.<\/p>\n<p><em>\u201eSie nahm sich vor, kein Wort mehr zu sagen. Sollte doch alles andere um sie herum dichtmachen, die Baustelle, der Staat, es war ihr egal. Alles war ihr egal, seitdem Mischa vor einer Woche weder im Bus noch im Interzonenzug nach Leipzig gesessen hatte.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Beide Frauen verbindet jedoch noch etwas, sie sind Mutter und Tochter. Martina hat ihre f\u00fcnfj\u00e4hrige Tochter Katja nach dem \u00fcberraschenden Mauerfall, ihre Ausreiseantr\u00e4ge wurden nicht genehmigt, in der Wohnung allein gelassen, um nach Westberlin zu fahren. Wollte sie einfach nur nach Mischa suchen oder wirklich nur mal schauen, wie es im Westen aussieht?<br \/>\nKatja jedenfalls ist bei Pflegeeltern gro\u00df geworden und hat ihre Mutter mit achtzehn Jahren gesucht und gefunden. F\u00fcr nicht mal eine Stunde hat sie sie in einem Caf\u00e9 getroffen. Und nun ist sie selbst Mutter und sehnt sich nach der eigenen. Auch sie wird ihr Kind verlassen, ein Kreis wird sich schlie\u00dfen und die Schuld vielleicht geteilt.<br \/>\nIn einer stellenweise zu blumigen Poesie, auch bei der Heroisierung der Arbeit auf dem Bau, \u00fcberh\u00f6ht Yvonne Zitzmann die Beziehungen der Frauen zu ihren schwachen M\u00e4nnern, die nur an sich selbst denken, Geschichten h\u00f6ren wollen oder Songs schreiben. Die M\u00fchen des Alltags bleiben an den Frauen h\u00e4ngen und eine ungeheure Einsamkeit, die sie scheitern l\u00e4sst, was gesellschaftlich nie goutiert wird, aber der Realit\u00e4t sehr nah kommt. Hier zeigt die Autorin ihre St\u00e4rke, im Entwickeln ber\u00fchrender Szenen, die Lebenswirklichkeiten einfangen und ehrlich darstellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Yvonne Zitzmann: Die geteilte Schuld, btb Verlag, M\u00fcnchen 2025, 304 Seiten, \u20ac24.00, 978-3-442-76306-1 \u201eNein, hatte sie geantwortet, ich habe keine Mutter. 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