{"id":6039,"date":"2025-06-25T10:11:40","date_gmt":"2025-06-25T08:11:40","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=6039"},"modified":"2025-06-25T10:11:40","modified_gmt":"2025-06-25T08:11:40","slug":"jacinta-nandi-single-mom-supper-club","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/jacinta-nandi-single-mom-supper-club\/","title":{"rendered":"Jacinta Nandi: Single Mom Supper Club"},"content":{"rendered":"<p>Jacinta Nandi: Single Mom Supper Club, Rowohlt Verlag, Hundert Augen, Hamburg 2025, 316 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-498-00719-5<\/p>\n<p><em>\u201eTamara und Kayla kriechen und schn\u00fcffeln durch Lexis neue Wohnung wie kleine Stasi-Spioninnen. Nee, ein bisschen mit zu viel Freude, um bei der Stasi zu sein. Zu viel reine, totale unverschmutzte kapitalistische Freude.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Es ist kein Geheimnis, dass Alleinerziehende die ersten sind, die in die Armutsfalle tappen. Die alleinerziehende Protagonistinnen mit zahlenden wie nicht zahlenden Kindsv\u00e4tern in diesem Roman wissen um die Gefahren und schlie\u00dfen sich zu Supper Clubs zusammen. Es wird gekocht, aber auch gegenseitig geholfen. Da ist die englische Rechtsanw\u00e4ltin Tamara Greenway, die mit ihren drei Kindern, Anna, Charlie und dem schwierigen Piper, der mit sieben Jahren \u00fcber Selbstmord nachdenkt, in einer sch\u00f6nen Altbauwohnung lebt und hofft, dass sie ihr Sachbuch \u00fcber Trennungsgewalt endlich zu schreiben beginnt. Sie ist aus London geflohen, weil die Mieten in Berlin irgendwann mal niedrig waren und sie ihren polnischen Ex-Mann Pavel, einen nutzlosen Junkie loswerden wollte. Doch dieser ist ihr gleich gefolgt. Ihren Unterhalt kann die leicht snobistische Mutter mit ihrer vermieteten Wohnung in Notting Hill gut bestreiten. Die zweite Engl\u00e4nderin im Single Mom Supper Club ist die attraktive, ein bisschen zu nuttig gekleidete, wie sexuell freigiebige Kayla, die Gelegenheitsjobs annimmt, mit ihrer Teenagertochter in der Platte in Neuk\u00f6lln lebt und mit B\u00fcrgergeld aufstocken muss. Und dann ist da noch die schreckliche Antje mit ihrem Kind aus K\u00f6penick, die in der N\u00e4he von Tamara wohnt. Sie arbeitet als Deutschlehrerin f\u00fcr Leute, die in den Arbeitsmarkt integriert werden sollen. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, spricht sie alles aus, was sie denkt und vor allem will sie, dass Kayla all ihre Jobs ordentlich beim B\u00fcrgeramt anmeldet. Alle hassen die strenge Antje, aber sie ist den Engl\u00e4nderinnen auch n\u00fctzlich. Einmal in der Woche treffen sich die Alleinerziehenden nun zum Kochen und Quatschen.<br \/>\nAllerdings gibt es noch einen zweiten Supper Club, den sehr junge, seltsamerweise sehr wohlhabende deutsche Moms mit Kleinkindern und ohne Moral gegr\u00fcndet haben. Sie treiben sich auf Insta und wer wei\u00df noch wo herum, um dort mit tausenden Followern angeblich Geld zu verdienen. Denn eines sind die jungen Alleinerziehenden auf gar keinen Fall: Loser. Wenn sie zu ihren gemeinsamen Essen einladen, dann bringt Lexi Koks mit, der, wenn die Kinder im Bett sind, konsumiert wird. Berlin ist nun der Schmelztiegel, in denen die sogenannten Freundinnen, die sich jedoch nichts schenken und schnell ins Streiten geraten, irgendwie zusammen halten. Lexi, die Frontfrau der jungen M\u00fctter, will nun, dass Tamara und ihr Supper Club sich mit ihrem zusammentun. Allerdings w\u00fcrden sie gern auf Antje verzichten. Bei ihren Zusammentreffen be\u00e4ugen die Frauen nat\u00fcrlich alles, was die Gastgeberin so zu bieten hat. In Lexis Luxuswohnungen, die angeblich als Influencerin und mit sogenannter Rich-Bitch-Lifestyle-Finanzberatung Geld verdient, fallen Geschmack und Reichtum auf und immer fragt sich Tamara, wovon diese junge Frau eigentlich wirklich lebt. Zu gern schwafeln die jungen Frauen vom Meditieren, veganer Ern\u00e4hrung und einer Selbstoptimierung, die einfach nur egoistisches Verhalten offenbart. Kayla hofft darauf, dass sie bald einen reichen, alten Mann kennenlernt, den sie dann beerben kann. Und Sad-Lina aus dem Club der jungen Frauen lebt in einer toxischen Beziehung mit so einem reichen Mann, der sie allerdings nur dem\u00fctigt. In all ihren Gespr\u00e4chen kreisen die Frauen um ihren zeitgem\u00e4\u00dfen wie eigenwilligen Wertekanon, wie sie nun ihre Kinder erziehen sollen, in welcher Steuerklasse sie sein m\u00f6chten, als k\u00f6nne man sich das aussuchen, und wie sie demn\u00e4chst so richtig reich werden. Tamara und Kayla hassen das Klischee \u00fcber Engl\u00e4nder, die nicht kochen k\u00f6nnen. Aber auch die Engl\u00e4nderinnen ziehen gern \u00fcber die Deutschen her, die in ihren Augen viel zu viele negative Seiten haben. Sie sind und bleiben, ob aus Ost- oder Westdeutschland stammend kleinliche Spie\u00dfer und rassistische AfD-W\u00e4hler.<\/p>\n<p><em>\u201eMerken deutsche Frauen nie, wenn sie Hollywoodfilme gucken, dass das Verhalten der Antagonisten, der B\u00f6sewichte, eins zu eins mit allem, was in Deutschland sozial akzeptiert ist, \u00fcbereinstimmt?\u201c<\/em><\/p>\n<p>Alle Konfrontationen mit deutschen Institutionen, ob Ergotherapeutin, Jugendamt oder Schule enden f\u00fcr Tamara oder Kayla in Katastrophen.<\/p>\n<p><em>\u201eDies hier ist die Welt, in der wir leben, und Tamara will, dass es Anna besser gehen wird als ihr. Sie will, dass sie sp\u00e4ter so unsympathisch und unabh\u00e4ngig wie eine deutsche Frau wirkt, um einen richtig langweiligen deutschen Ehemann zu finden.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Gen\u00fcsslich und gnadenlos zieht die geb\u00fcrtige englische Autorin Jacinta Nandi, die 2000 nach Berlin gekommen und geblieben ist, \u00fcber ihre Landsleute, aber auch die Berliner und Brandenburger her. Vielleicht \u00fcberspannt sie ja in bestimmten Szenen das sogenannte wahre Leben, indem eine Mitarbeiterin des Jugendamtes Pavel dazu r\u00e4t, seine Kinder doch zum \u00dcbernachten in Obdachlosenunterk\u00fcnfte oder zu Freunden mitzunehmen, um die Vater-Kinder-Beziehung zu st\u00e4rken. Aber eigentlich k\u00f6nnte man dies auch f\u00fcr bare M\u00fcnze nehmen, wenn man in Berlin lebt. Denn vieles geschieht in dieser Stadt, wor\u00fcber man eigentlich nur den Kopf sch\u00fctteln kann.<br \/>\nJacinta Nandi entwirft f\u00fcr extrem unsympathische Figuren temporeiche, witzige Dialoge und sie hat ein Gesp\u00fcr f\u00fcr die Balance zwischen gewollter Ernsthaftigkeit und den besserwisserischen Oberfl\u00e4chlichkeiten, die eine durch die sozialen Medien gepr\u00e4gte junge Generation absondert. Leid tun k\u00f6nnen einem in dieser \u00fcberdrehten Handlung eigentlich nur die Kinder.<br \/>\nAber es ist ja nur ein Roman.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jacinta Nandi: Single Mom Supper Club, Rowohlt Verlag, Hundert Augen, Hamburg 2025, 316 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-498-00719-5 \u201eTamara und Kayla kriechen und schn\u00fcffeln durch Lexis neue Wohnung wie kleine Stasi-Spioninnen. 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