{"id":590,"date":"2019-06-22T13:18:30","date_gmt":"2019-06-22T11:18:30","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=590"},"modified":"2019-06-22T13:18:30","modified_gmt":"2019-06-22T11:18:30","slug":"das-leben-das-uns-bleibt-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/das-leben-das-uns-bleibt-teil-3\/","title":{"rendered":"Das Leben, das uns bleibt, Teil 3"},"content":{"rendered":"<p><strong>Susan Beth Pfeffer: Das Leben, das uns bleibt, Teil 3, Aus dem Englischen von Annette von der Weppen, Carlsen Verlag, Hamburg 2012, 271 Seiten, \u20ac16,90, 978-3-551-58275-1<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eCharlie, Julie und Alex sind mir v\u00f6llig fremd. Wer wei\u00df, was sie f\u00fcr Menschen waren, bevor das alles passiert ist. Wer wei\u00df, was sie jetzt f\u00fcr Menschen sind.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Weltuntergangsszenarien sind so alt wie das menschliche Denken: Klimakatastrophen, die Ausserirdischen \u00fcbernehmen das Kommando oder die Voraussagen l\u00e4ngst ausgestorbener V\u00f6lker treten ein, so lauten die verschiedenen Fantasien, denen sich Autoren gern hingeben, wenn sie der menschlichen Seele und deren Strapazierf\u00e4higkeit auf den Grund gehen wollen.<br \/>\nDie amerikanische Autorin Susan Beth Pfeffer inszeniert f\u00fcr ihre Trilogie den Ausnahmezustand, einen Asteroideneinschlag in den Mond, ein Schauspiel, dem die Leute aus der Ferne weltweit ohne Bedenken gern zuschauen. Als Ich-Erz\u00e4hlerin fungiert die 16-j\u00e4hrige Miranda Evans. Sie lebt in Pennsylvania, schreibt Tagebuch und h\u00e4lt alle kommenden Geschehnisse erstaunlich objektiv fest.<\/p>\n<p>Doch wie kann es sein, dass Wissenschaftler nicht vorausberechnen konnten, dass eine Ver\u00e4nderung auf dem Mond auch die Erde in Mitleidenschaft ziehen w\u00fcrde? Der Mond jedenfalls verl\u00e4sst durch den heftigen Aufschlag des Fremdk\u00f6rpers seine Laufbahn und r\u00fcckt an die Erde heran. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Tsunamis \u00fcberschwemmen die K\u00fcsten, Erdbeben ersch\u00fcttern die Erde und l\u00e4ngst erloschene Vulkane brechen aus. Die Erde scheint im Universum zu schaukeln und niemand ist vorbereitet. Die dramatische Wendung fordert Millionen Tote und jeder muss sich selbst retten, denn ein Notfallplan existiert nicht. Der Pr\u00e4sident, von dem zumindest Mirandas Mutter sowieso nicht viel erwartet, zieht sich nach Texas zur\u00fcck und erstarrt in Hilflosigkeit.<\/p>\n<p>Mirandas Mutter, eine Romanautorin, ergreift unglaublich geistesgegenw\u00e4rtig die Initiative und mobilisiert die Familie. Zu horenden Preisen muss eingekauft werden, was sich \u00fcber eine lange Zeit h\u00e4lt. Die Leute schlagen sich um die Einkaufswagen, in K\u00fcrze sind die Regale leer und Miranda kann nicht fassen, wozu Menschen in kriegs\u00e4hnlichen Situationen f\u00e4hig sind, wenn es um ihre Existenz geht. \u00dcber lange Zeiten f\u00e4llt der Strom aus, trotz hei\u00dfem Sommer droht eine K\u00e4ltewelle ( das M\u00e4dchen war sich klar, dass sie nie lange Unterhosen anziehen wird, auch das soll sich \u00e4ndern) und die Familien r\u00fccken zusammen. Mirandas \u00e4lterer Bruder kommt nach Hause und erkennt sehr schnell die schwierige Lage. In Panikwellen versucht Mirandas Mutter ihre Angst vor dem Hunger, dem Untergang, in den Griff zu bekommen. Pl\u00f6tzlich reduziert sich das ganze Leben nur noch aufs Essen, egal um welchen Preis. Das Backen eines Brotes wird zum Ereignis. Immer wieder versuchen Miranda und ihre Geschwister die Gro\u00dfmutter und den Vater zu kontaktieren. Mirandas Vater lebt in zweiter Ehe mit der viel j\u00fcngeren Lisa zusammen, die schwanger ist. Alle Pl\u00e4ne f\u00fcr den Sommer gehen den Bach hinunter. In einer Szene offenbart sich die Verzweiflung der gesamten Situation. Matt, Mirandas \u00e4lterer Bruder, bricht zusammen, da der Vater all seine Kraft der neuen Familie widmet und nicht seinen Kindern. Das Hohelied auf den Zusammenhalt der Familie verk\u00fcndet bereits Mirandas Mutter und provoziert dadurch viele Konflikte mit ihrer Tochter, die immer noch \u00fcber den Tellerrand hinaus sehen kann.<\/p>\n<p>Im zweiten Teil \u201eDie Verlorenen von New York\u201c f\u00fchrt die amerikanische Autorin den Leser in das zeitgleiche Szenario mitten nach Manhattan. Wieder wendet sie den Blick vom gro\u00dfen Ganzen ab und konzentriert ihr Handlungsgeschehen auf das individuelle Schicksal einer kleinen Gemeinschaft, der sehr religi\u00f6sen, puertoricanischen Familie Morales. Der 17-j\u00e4hrige Alex \u00fcbernimmt nach dem Einschlag des Asteroiden die Verantwortung f\u00fcr seine zwei j\u00fcngeren Schwestern Bri und Julie. Scheute sich die Autorin im ersten Band davor, dem Leser drastische Szenen vor Augen zu f\u00fchren, so geht sie im zweiten Teil bis an die Schmerzgrenze. Immer noch hoffend, die Mutter zu finden, der Vater ist wahrscheinlich beim Besuch in Puerto Rico von der Flutwelle erfasst worden, schaut sich Alex unter den geborgenen Leichen im Yankee-Stadion um. Da Alex die Mutter nicht findet, schwindet die Hoffnung von Tag zu Tag. Eine wichtige Anlaufstelle ist f\u00fcr den Jugendlichen seine Kirche St. Margaret. Doch auch Pater Franco gelangt schnell an seine Grenzen. Trotz Sommerzeit werden die Temperaturen immer eisiger. Seuchen brechen aus, Ratten erobern die Stra\u00dfen, Leichen werden nicht mehr entsorgt. Die Menschen sterben einen lautlosen Hungertod mitten auf der Stra\u00dfe oder begehen Selbstmord. Wer \u00fcber Beziehungen oder wertvolle Tauschmittel verf\u00fcgt, verl\u00e4sst Manhattan, denn es wird vorausgesagt, dass die Insel untersp\u00fclt werden wird. Zur\u00fcck bleiben die Armen und Kranken. Alex ist mit der Sorge um die Schwestern, besonders anstrengend ist die eigensinnige Julie, und der sozialen Isolation v\u00f6llig \u00fcberfordert, denn weder die Kirche, noch ein Gott k\u00f6nnen ihm helfen. Und so \u00fcberleben Alex und seine Schwestern nur durch die Gesch\u00e4fte mit dem schmierigen Harvey. Mit seinem Mitsch\u00fcler Kevin, der sich in einer Zeit, in der jeder nur an sich denkt als selbstloser Freund entpuppt, beginnt Alex das so genannte \u201eLeichen-Shopping\u201c. Schmuck, Kleidung \u2013 alles, was Wert hat, nehmen die Jungen den Toten, die auf den Stra\u00dfen liegen, ab und tauschen das Erbeutete gegen Lebensmittel. Oft gelangt der ruhige Alex an einen Punkt der totalen Hoffnungslosigkeit. Aber Alex gibt, trotz aller R\u00fcckschl\u00e4ge, nie auf und das wirkt in einer lebensfeindlichen Umwelt fast \u00fcbermenschlich.<\/p>\n<p>Im dritten Teil \u201eDas Leben, das uns bleibt\u201c f\u00fchrt Susan Beth Pfeffer alle Figuren zusammen. Wieder wird aus Mirandas Blickwinkel erz\u00e4hlt. Noch lebt die Familie in ihrem H\u00e4uschen. Die Mutter verl\u00e4sst das Haus nie, denn so hofft sie alles zusammenzuhalten. Von der Stadt erhalten sie immer wieder Verpflegungsbeutel und doch reicht das Essen nie f\u00fcr vier Personen. Eines Tages stehen Mirandas Vater, Lisa mit dem Baby Gabriel, Julie, Alex und Charlie vor der T\u00fcr. Bei allem Misstrauen nimmt Mirandas Mutter die kleine Gruppe auf. Auch wenn Matt und Jon tagelang gefischt haben, nie w\u00fcrde der Vorrat f\u00fcr alle reichen. Miranda lernt im Laufe der Zeit Alex immer n\u00e4her kennen. Scheinbar kann er nie l\u00e4cheln, ist in sich gekehrt und oft schweigsam. Als sie mit ihm fremde H\u00e4user nach Nahrung durchsucht, erkennt sie seinen starken Willen und seine Kraft. Sie verlieben sich und doch will Alex Julie in ein Kloster bringen und danach selbst zu den Franziskanerm\u00f6nchen gehen. Seinem Bruder Carlos, der bei den Marines ist, hat er es versprochen. Aber Pl\u00e4ne in diesen ungewissen Zeiten schmieden, ist sinnlos.<\/p>\n<p>Alle Figuren haben sich ver\u00e4ndert, die extremen Lebensbedingungen lassen die Jugendlichen schnell erwachsen werden. Jeder \u00fcbernimmt f\u00fcr sich und andere Verantwortung, sucht nach seinem pers\u00f6nlichen Gl\u00fcck und hofft doch nicht mehr auf Wunder. Wie die Menschen, die noch am Leben sind, ihre Zukunft gestalten werden, bleibt offen. Auch hat man beim Lesen des dritten Bandes das Gef\u00fchl, die Autorin f\u00fchrt die bekannten Figuren zwar zusammen, aber sie ist auch hilflos, wenn es darum geht zu erz\u00e4hlen, wie ein Leben unter diesen Bedingungen in K\u00e4lte, Dunkelheit und Hunger weitergehen soll. Zwar gibt es noch Auseinandersetzungen innerhalb der kleinen Gruppe, aber diese sind in Anbetracht von Tornados und nahendem Tod fast bedeutungslos.<\/p>\n<p>Beim Lesen von Susan Beth Pfeffers Endzeitthriller empfindet man keine Lust am Schrecken, sondern nur das blanke Entsetzen. Nie geht es um spektakul\u00e4re Effekte, der Roman \u00fcberzeugt durch die enorme Kraft seiner Hauptfiguren und die wirklichkeitsnahe Darstellung der bedr\u00fcckenden Atmosph\u00e4re im Angesicht des Todes.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Susan Beth Pfeffer: Das Leben, das uns bleibt, Teil 3, Aus dem Englischen von Annette von der Weppen, Carlsen Verlag, Hamburg 2012, 271 Seiten, \u20ac16,90, 978-3-551-58275-1 \u201eCharlie, Julie und Alex sind mir v\u00f6llig fremd. 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