{"id":584,"date":"2019-06-22T13:33:05","date_gmt":"2019-06-22T11:33:05","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=584"},"modified":"2019-06-22T13:33:05","modified_gmt":"2019-06-22T11:33:05","slug":"die-schwestern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/die-schwestern\/","title":{"rendered":"Die Schwestern"},"content":{"rendered":"<p><strong>Judka Strittmatter: Die Schwestern, Aufbau Verlag, Berlin 2012, 280 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-351-03382-8<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDass es in ihrem Familienzusammenhang eine unbeschwerte Fahrt an die Ostsee ebenso wenig geben w\u00fcrde wie den Weltfrieden, verdr\u00e4ngte sie f\u00fcr den Moment und zugunsten einer mit dem Alter anschwellenden Sehnsucht nach Harmonie.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Martha und Johanne Andruschat fahren in einem klapprigen Renault von Berlin aus in den Norden, nach Rostock. Die Schwestern, die sich kaum etwas zu sagen haben, sind auf dem Weg in ein ehemaliges DDR-Devisenhotel und zugleich in die eigene Vergangenheit, ihren ehemaligen Wohnort. Aus Marthas Sicht, sie arbeitet mit Worten, ob nun wirklich als Journalistin ist nicht ganz klar, schaut der Leser zur\u00fcck auf die lieblose, in jeder Hinsicht beengte und beschr\u00e4nkte Kindheit der M\u00e4dchen in einem Neubaugebiet und Eltern, die angepasst ihrem sozialistischen Land gedient haben und nun am Wohlergehen ihres Hundes interessierter sind als an dem ihrer Kinder. F\u00fcr die kinderlosen Schwestern ging es immer nur um die Anerkennung der Eltern, eine Konkurrenz, die auch gut 40 Jahre sp\u00e4ter immer noch Bestand hat und das Verh\u00e4ltnis entzweit, auch auf dieser angeblichen Erholungsfahrt an die See.<\/p>\n<p>Auf einer zweiten Erz\u00e4hlebene dreht sich alles um Esther Dankwitz, eine ehemalige Bekannte von Martha und jetzige Marketingfrau im Hotel \u201eSandbank\u201c. Sie hat aus der Presse erfahren, das ihr eloquenter Chef, der sich \u00fcber die Wende hinweg als Hotelleiter behaupten konnte, einst Mitarbeiter der Stasi war. Esthers Familie, die als Christen sich der fl\u00e4chendeckenden, sozialistischen Vereinnahmung entzogen haben und mit Repressalien klarkommen mussten, ist diese Tatsache nach 20 Jahren keine so gro\u00dfe \u00dcberraschung. Esther ist eher erstaunt, dass sie es bedauern w\u00fcrde, wenn der Chef nun gehen m\u00fcsste. F\u00fcr Martha, sie ist mit 19 Jahren bei einem Westbesuch in der BRD geblieben, ist die Aufdeckung der IM-T\u00e4tigkeit eine Story, der sie gern nachgehen w\u00fcrde, um gen\u00fcsslich in fast verheilten Wunden zu bohren, die doch Esther immer noch sp\u00fcren m\u00fcsste.<\/p>\n<p>In langen R\u00fcckblenden zeichnet Judka Strittmatter ein erdr\u00fcckendes Familienbild, aus dem sich die immer zu gut beleibte Martha, trotz jahrelanger Therapie und gutem Willen, nicht l\u00f6sen kann. Zwar hat sie \u00e4u\u00dferlich die Beziehung zu den Eltern abgebrochen, innerlich ist sie nach wie vor gefangen. Johanne schaut milde in die Vergangenheit, bleibt eher blass in dieser Geschichte. Alle detailreichen, ja bissigen gegenw\u00e4rtigen Beschreibungen der bundesdeutschen Gegenwart im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg sind gut beobachtet. Da sind die zugereisten  \u201eStuttgarter Sp\u00e4tgeb\u00e4renden\u201c mit ihrem uns\u00e4glichen Selbstbewusstsein und ihrer Egozentrik, die emp\u00f6renden RTL-Reality-Shows und der Hang der neuen Mitb\u00fcrger, dass alles perfekt sein muss. Martha, die an ihren Zweifeln und Komplexen leidet, muss feststellen, dass auch die Freiheit keine besseren Menschen hervorbringt.<\/p>\n<p>Seltsam mutet die manirierte Sprache von Judka Strittmatter an. Allein der erste, ziemlich gedrechselte Satz umspannt eine halbe Seite und befremdet im ersten Moment. Vieles steht sich innerhalb dieser Geschichte \u00fcber eine schwierige Schwesternbeziehung, einen ungeliebten, aber in der DDR hochgelobten Schauspieler &#8211; Onkel ( m\u00f6glicherweise Erwin Strittmatter, den Gro\u00dfvater ) und den  gedanklichen Wandel Esthers ihrem Chef gegen\u00fcber. Und doch verbindet alle die Absage an eine Vergangenheitsbew\u00e4ltigung, die aufrecht erhalten letztendlich alle nur in einem unbefriedigten, zerm\u00fcrbenden Zustand zur\u00fcck lassen w\u00fcrde.<br \/>\nEsthers Eltern, deren Ausreiseantrag 1989 bewilligt wurde, und die nun in Hamburg leben, haben ihren Frieden mit 40 Jahren DDR gemacht. Und so r\u00e4t Viktor, der Freund von Martha, seiner erneut aufgew\u00fchlten Lebensgef\u00e4hrtin als Johanne nach einem Schlagabtausch abreist, auch, die Dinge einfach so zu lassen, wie sie sind, endlich Ruhe zu geben.<\/p>\n<p>Doch kann man wirklich auf leichte Weise individuelle Konflikte des Mikrokosmos Familie mit den schweren gesellschaftlichen Themen, Stasi-Vergangenheit, Zusammenwachsen von Ost und West gleichsetzen? Ein Unterfangen, das schwierig scheint.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Judka Strittmatter: Die Schwestern, Aufbau Verlag, Berlin 2012, 280 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-351-03382-8 \u201eDass es in ihrem Familienzusammenhang eine unbeschwerte Fahrt an die Ostsee ebenso wenig geben w\u00fcrde wie den Weltfrieden, verdr\u00e4ngte sie f\u00fcr den Moment und zugunsten einer mit dem&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/die-schwestern\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-584","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-belletristik"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/584","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=584"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/584\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1006,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/584\/revisions\/1006"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=584"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=584"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=584"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}