{"id":528,"date":"2019-06-22T13:44:18","date_gmt":"2019-06-22T11:44:18","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=528"},"modified":"2019-06-22T13:44:18","modified_gmt":"2019-06-22T11:44:18","slug":"lieben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/lieben\/","title":{"rendered":"Lieben"},"content":{"rendered":"<p><strong>Karl Ove Knausg\u00e5rd: Lieben, Aus dem Norwegischen von Paul Berf, Luchterhand Literaturverlag, M\u00fcnchen 2012, 763 Seiten, \u20ac24,99, 978-3-630-87370-1<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eDas Einzige, worin ich einen Wert erblickte, was weiterhin Sinn produzierte, waren Tageb\u00fccher und Essays, die Genres in der Literatur, in denen es nicht um eine Erz\u00e4hlung ging, die von nichts handelten, sondern nur aus einer Stimme bestanden, der Stimme der eigenen Pers\u00f6nlichkeit, einem Leben, einem Gesicht, einem Blick, dem man begegnen konnte. Was ist ein Kunstwerk, wenn nicht der Blick eines anderen Menschen?\u201c<\/em><\/p>\n<p>War ich bei Karl Ove Knausg\u00e5rds erstem Band \u201eSterben\u201c noch skeptisch, ob sein Konzept vom realen Schreiben \u00fcber das eigene Leben wirklich aufgeht, so hat mich \u201eLieben\u201c vollkommen \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Ohne lange Einleitung zieht der norwegische Autor, der mit seiner Familie nun in Malm\u00f6 wohnt, den Leser in die Handlung hinein. Diese umfasst seine tagt\u00e4glichen M\u00fchen und Freuden als Schriftsteller, Ehemann, Hausmann, Vater, Nachbar, Bekannter, Freund, Sohn, Bruder, Schwager und Schwiegersohn. Aus immer wieder neu erz\u00e4hlten detailversessenen Episoden heraus blickt Knausg\u00e5rd in die Vergangenheit, reflektiert erneut \u00fcber die schwierige Beziehung zum Vater, seine erste Begegnung mit seiner zweiten Frau, dem Ende mit der ersten, das unb\u00e4ndige Gl\u00fcck im ersten Moment Vater zu sein und die Abgr\u00fcnde, die sich sp\u00e4ter auftun. Er umkreist genau sein Lebensmodell mit allen Schw\u00e4chen und Kanten, und erkennt, dass seine schwedische Frau Linda N\u00e4he von ihm erwartet, die er als einengend empfindet. So entstehen im Alltagsleben immer wieder Reibungspunkte, die der in sich gekehrte Autor aufnimmt und minuti\u00f6s beschreibt.<br \/>\nEr k\u00e4mpft seinen privaten Kampf mit der ver\u00e4nderten Geschlechterrolle aus, die ihn zu etwas macht, was er gar nicht m\u00f6chte.<\/p>\n<p><em>&#8222;Das allt\u00e4gliche Leben mit seinen Pflichten und wiederkehrenden Abl\u00e4ufen war etwas, das ich ertrug, nichts, wor\u00fcber ich mich freute, nichts, was mir einen Sinn gab und mich gl\u00fccklich machte. Es ging nicht darum, dass ich keine Lust hatte, den Fu\u00dfboden zu putzen oder Windeln zu wechseln, sondern um etwas Fundamentaleres, dass ich in dem mir nahen Leben keinen Wert erblickte, mich stattdessen unabl\u00e4ssig fortsehnte und dies schon immer getan hatte. Das Leben, das ich f\u00fchrte war folglich nicht mein eigenes. Ich versuchte es zu meinem zu machen. Das war mein Kampf, den ich ausfocht, denn das wollte ich doch.&#8220;<\/em><br \/>\nPr\u00e4zise und dabei unverkrampft, ohne in irgendeiner Weise korrekt sein zu wollen, schildert Knausg\u00e5rd sein Problem als Mann mit der Kinderbetreuung, die er bei seinem ersten Kind Vanja \u00fcbernommen hatte, denn seine Frau will ihre Ausbildung beenden. Als sich schnell zwei weitere Kinder ank\u00fcndigen, verfliegt die Angst mit dem Kinderwagen gesehen zu werden. Die existentiellen Krisen und das Leiden an der Realit\u00e4t bleiben jedoch. Die M\u00fchen des Alltags und seine Banalit\u00e4t dr\u00fccken die Beziehung des Norwegers zu seiner Frau schnell in die Knie. Vanja stellt fest, dass ihre Eltern wenig Geduld haben und viel schreien. Das ist hart, aber real.<br \/>\nKnausg\u00e5rd beobachtet gern Menschen und f\u00e4llt Urteile, wagt sich nicht nah an sie heran und scheut Konflikte. Nur mit seinem norwegischen Freund Geir, der in Stockholm lebt und immer die erste Anlaufstelle ist, kann sich Knausg\u00e5rd in langen fachsimpelnden Gespr\u00e4chen vertiefen. Beide l\u00e4stern gern \u00fcber die Schweden und ihre pedantische Art, versinken in philosophischen Disputen und tiefgr\u00fcndigen Diskussionen \u00fcber Literatur, alles in den Fortlauf der Handlung eingebunden.<\/p>\n<p>F\u00fchrt uns Karl Ove  Knausg\u00e5rd wieder etwas vor Augen, was wir in unserem Alltag auch wieder vergessen haben, nicht mehr wahrnehmen, verdr\u00e4ngen, untergehen lassen? <em>&#8222;Ich wollte mir die Welt zur\u00fcckerobern&#8220;, <\/em>sagt der Autor und treibt es in seinem Mammutprojekt, das sechs B\u00e4nde umfassen soll, voran.<\/p>\n<p>Schreiben hei\u00dft f\u00fcr ihn, dass Fiktion in einer Welt der Bilder sinnlos ist. Allerdings muss das Schreiben der eigenen Biographie auch gekonnt sein. Knausg\u00e5rd besticht \u00fcberzeugend durch seinen interessanten Erz\u00e4hlstil und seine Beobachtungsgabe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karl Ove Knausg\u00e5rd: Lieben, Aus dem Norwegischen von Paul Berf, Luchterhand Literaturverlag, M\u00fcnchen 2012, 763 Seiten, \u20ac24,99, 978-3-630-87370-1 \u201eDas Einzige, worin ich einen Wert erblickte, was weiterhin Sinn produzierte, waren Tageb\u00fccher und Essays, die Genres in der Literatur, in denen&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/lieben\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-528","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-belletristik"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/528","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=528"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/528\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1019,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/528\/revisions\/1019"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=528"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=528"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=528"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}