{"id":4973,"date":"2023-12-04T17:17:50","date_gmt":"2023-12-04T16:17:50","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=4973"},"modified":"2023-12-04T17:17:50","modified_gmt":"2023-12-04T16:17:50","slug":"anja-reich-simone","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/anja-reich-simone\/","title":{"rendered":"Anja Reich: Simone"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anja Reich: Simone, Aufbau Verlag, Berlin 2023, 304 Seiten, \u20ac23,00, 978-3-351-039851<\/strong><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Simone\" type=\"text\/html\" width=\"676\" height=\"550\" frameborder=\"0\" allowfullscreen style=\"max-width:100%\" src=\"https:\/\/lesen.amazon.de\/kp\/card?preview=inline&#038;linkCode=li2&#038;ref_=k4w_oembed_x7JukzGulNtmEm&#038;asin=3351039859&#038;tag=wwwkarinhahnr-21\"><\/iframe><\/p>\n<p><em>\u201eAber je l\u00e4nger meine Suche geht, je mehr Menschen ich treffe, die Simone kannten, desto mehr begreife ich, es gibt noch einen anderen Grund, warum ich mich auf ihre Spuren begeben habe, einen, der mehr mit mir zu tun hat als mit meiner Freundin: Ich wollte die Realit\u00e4t \u00e4ndern, Simone noch einmal ins Leben zur\u00fcckholen, die Zeit zur\u00fcckdrehen, noch nicht Abschied nehmen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Simone ruft im Jahr 1996 bei der Berliner Zeitung an. Sie m\u00f6chte gern ihrer Freundin Anja, zu der der Kontakt eigentlich gar nicht mehr so eng ist, ihre frisch renovierte Wohnung zeigen. Sie sagt noch lapidar, sie bringe jetzt Ordnung in ihr Leben. Doch die Freundin hat als Journalistin einen Berg Arbeit und Deadlines. Sie verschiebt das Treffen auf die kommende Woche. Zwei Stunden sp\u00e4ter ist Simone tot. Sie ist aus dem zehnten Stockwerk ihres Hauses gesprungen. Sp\u00e4ter wird Anja erfahren, dass Simone auch ihren Bruder Andr\u00e9, zu dem sie eine sehr enge Bindung hatte, der allerdings mit seinem Umzug von Berlin ins Riesengebirge besch\u00e4ftigt war, kontaktiert hatte. Wollte sie, dass Anja oder Andr\u00e9 sie finden? Wollte sie mit dem Schicksal w\u00fcrfeln und vom Haus aus hoch oben sehen, wer kommt und entscheiden, was sie machen wird? Niemand wird diese Frage beantworten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Warum t\u00f6tet sich eine attraktive Frau von siebenundzwanzig Jahren auf diese grausige Weise?<\/p>\n<p>Anja Reich, die in diesem autofiktionalen Roman oder eher ausf\u00fchrlichen, wie detailreichen Langrecherche, auch Anja genannt wird, kommt all ihren real existierenden Protagonisten sehr nah. Nach zehn Jahren versucht die Autorin sich der Familie, insbesondere dem Bruder von Simone, Andr\u00e9, mit dem sie einst liiert war und so auch Simone, die j\u00fcngere Schwester, kennengelernt hat, zu befragen. Es ist noch zu fr\u00fch. Zwanzig Jahre sp\u00e4ter ist dann die Zeit f\u00fcr Fragen an Familie und Freunde reif und Anja Reich vergr\u00e4bt sich in Simones Familiengeschichte und sucht die Familienmitglieder auf, ein Teil stammt aus Tschechien, einem Dorf an der polnisch \u2013 tschechischen Grenze, die anderen kommen aus Mecklenburg-Vorpommern, dem Dorf Mirow.<\/p>\n<p>Dana, die tschechische Mutter Simones, heiratet nach ihrer ersten Ehe mit Ralf, seinen Freund und auch ihren Besch\u00fctzer Ulrich. Sie wird wohl nie akzentfrei Deutsch sprechen, ist aber eine ehrgeizige, zielstrebige und auch widerspr\u00fcchliche Person. In allem wird sie sich ihrem Mann unterordnen, auch wenn sie es selbst nicht f\u00fcr richtig h\u00e4lt. Als \u00c4rztepaar, sie ist Zahn\u00e4rztin, er Gyn\u00e4kologe, arbeiten beide viel und haben doch in der DDR so einige Privilegien. Bei den akribischen Befragungen stellt sich heraus, dass Simone als Kleinkind bis zu sieben Monaten in einer Wochenkrippe untergebracht war. Durch diese langen Trennungen von den Eltern litt die fr\u00fchkindliche Bindung. Als die Familie dann nach Berlin \u2013 Lichtenberg ins Hans-Loch-Viertel umzog, lie\u00dfen die Eltern ihre Tochter wochenlang bei den Verwandten in Tschechien. Da die Mutter nie mit den Kindern Tschechisch gesprochen hat, f\u00fchlte sich die kleine Simone zu Beginn v\u00f6llig einsam und weinte wohl auch viel. Als die Eltern das Kind wieder abholen, sprach es kein Deutsch mehr und hielt sie f\u00fcr Fremde. Kinder hatten in der DDR zu funktionieren, auf sie nahm niemand R\u00fccksicht. Den Druck, den die Eltern auch durch den erschwerten DDR-Alltag in der Provinz, aber auch beruflich aushalten mussten, gaben sie in den Familien oftmals weiter. Auch die Kinder hatten den Erwartungen der Eltern zu entsprechen. So hoffen die Eltern von Simone und Andr\u00e9, dass auch ihre Kinder Medizin studieren. Die berufliche Abwesenheit versuchen die Eltern, durch eine erh\u00f6hte Kontrolle zu kompensieren. So viel Mist auch Andr\u00e9 als opponierender Teenager bauen wird, er wei\u00df, seine Eltern werden ihn immer besch\u00fctzen. Auch Simone braucht diese N\u00e4he zu den Eltern, die \u00dcberbeh\u00fctung, die Bindung an den Vater und doch wird auch sie sich l\u00f6sen, vielleicht nie ganz.<\/p>\n<p>Als die Autorin f\u00fcnfzehn ist, lernt sie die etwas j\u00fcngere, modebewusste Simone, die eine Sch\u00f6nheit ist, kennen. Simone wird fr\u00fch mit Jungen schlafen, trinken und rauchen. Sie geht zu ihrer Mutter in die Zahnarztpraxis und zu ihrem Vater ins Krankenhaus, wenn sie ein Problem hat. Sie ist auf eine ber\u00fcckende Art ehrlich, direkt. Die Mutter fordert sie auf, doch bei pers\u00f6nlichen Themen sich nicht jedem anzuvertrauen.<\/p>\n<p>Anja Reich schildert diese Lebenszeit der Familie von Simone in der DDR authentisch und nahbar.<\/p>\n<p>Nach dem Mauerfall, Simone und Anja studieren in Berlin und Leipzig, driftet beider Freundschaft auseinander. Anja erkundet die nun neue, offene Welt, heiratet, l\u00e4sst sich scheiden, findet erneut einen Partner und bekommt einen Sohn. Simone probiert alles M\u00f6gliche aus, schl\u00e4ft mit vielen M\u00e4nnern, h\u00e4lt sich an dem f\u00fcnfzehn Jahre \u00e4lteren Thomas fest, der allerdings keine Bindung will, reist nach Venezuela, um ihr Spanisch aufzufrischen und kommt schwanger zur\u00fcck. Die Eltern organisieren die Abreibung. Die lebenshungrige, wankelm\u00fctige Frau wechselt von einer Leidenschaft zur n\u00e4chsten, von einem Kurs zum n\u00e4chsten, von einer Zerstreuung zur n\u00e4chsten und schafft es nicht, ihr Studium zu beenden. Sie zerstreitet sich mit allen, die sie kennt. Geht selbstbewusst tanzen, lernt neue Leute kennen und ger\u00e4t auch mit diesen in Konflikte. Geht in Therapie, auch initiiert durch die Eltern, die nach der Wende wieder k\u00e4mpfen m\u00fcssen und in Westdeutschland beruflich neu starten, f\u00e4llt in Depressionen, wirkt seltsam empathielos und rappelt sich wieder auf.<\/p>\n<p>Parallel zu den Geschehnissen, die Anja Reich schildert, in dem sie auch von sich einiges preisgibt, konsultiert die Autorin auch Fachleute, um sich Simones widerspr\u00fcchliches Verhalten, von anh\u00e4nglich, eifers\u00fcchtig, bis gleichg\u00fcltig, erkl\u00e4ren zu lassen. Sie durchforstet Simones Tageb\u00fccher, zitiert Passagen, sieht sich die Fotos an, ihre Briefe, alles, was sie hinterlassen hat und setzt so nach und nach ein Bild von einer jungen Frau zusammen, die v\u00f6llig ihren Halt, den sie vielleicht, so seltsam es auch klingen mag, in der DDR <em>\u201epseudostabilisierend\u201c<\/em> hatte, verloren hat und auch nicht mehr in der Lage war, diesen in einem Menschen oder ihrem famili\u00e4ren Netzwerk zu finden. War sie psychisch krank, waren die Therapeuten unf\u00e4hig? Lag es an den st\u00e4ndig abwesenden und doch fordernden Eltern, die ihre Geheimnisse hatten und ihrem Kind nie die Freiheit gaben, selbst Fehler zu machen und daf\u00fcr einzustehen?<\/p>\n<p>Ergreifend liest sich diese Lebensgeschichte einer jungen Frau zwischen dem Ende der DDR und der Wiedervereinigung, die vielleicht im Nachhinein auch Wunden gerissen hat, die erst jetzt sichtbar werden. Am Ende bleiben immer noch Fragen und der Schmerz um den Verlust.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anja Reich: Simone, Aufbau Verlag, Berlin 2023, 304 Seiten, \u20ac23,00, 978-3-351-039851 \u201eAber je l\u00e4nger meine Suche geht, je mehr Menschen ich treffe, die Simone kannten, desto mehr begreife ich, es gibt noch einen anderen Grund, warum ich mich auf ihre&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/anja-reich-simone\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4973"}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4973"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4973\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4974,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4973\/revisions\/4974"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4973"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4973"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4973"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}