{"id":4693,"date":"2023-04-02T08:18:27","date_gmt":"2023-04-02T06:18:27","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=4693"},"modified":"2023-04-02T08:18:27","modified_gmt":"2023-04-02T06:18:27","slug":"juli-zeh-simon-urban-zwischen-welten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/juli-zeh-simon-urban-zwischen-welten\/","title":{"rendered":"Juli Zeh, Simon Urban: Zwischen Welten"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><strong>Juli Zeh, Simon Urban: Zwischen Welten, Luchterhand Literaturverlag, M\u00fcnchen 2023, 448 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-630-87741-9<\/strong> <\/span><\/span><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Zwischen Welten: Roman\" type=\"text\/html\" width=\"676\" height=\"550\" frameborder=\"0\" allowfullscreen style=\"max-width:100%\" src=\"https:\/\/lesen.amazon.de\/kp\/card?preview=inline&#038;linkCode=li2&#038;ref_=k4w_oembed_CgHjRW4xAZgE4P&#038;asin=3630877419&#038;tag=wwwkarinhahnr-21\"><\/iframe><\/p>\n<p><em>\u201e<span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">19:44 Uhr, Theresa per WhatsApp: W\u00fcrdest du mich eigentlich auch derart beleidigen, meine Person, meine Freunde und gleich mein ganzes Bundesland, wenn ich schwarz w\u00e4re? Oder w\u00fcrde meine Identit\u00e4t dann mehr Respekt verdienen?<\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><em>19:50 Uhr, Stefan per WhatsApp<\/em><i>: Was soll das jetzt sein? Der Gipfel der kulturellen Aneignung? Opfer-Mimikry? Come on, Theresa. Mach dich nicht l\u00e4cherlich.\u201c <\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">In kurzen Schlagabtauschen oder in langen E-Mails hauen sich Theresa Kallis und Stefan Jordan, beide Anfang vierzig, ihre Meinungen r\u00fccksichtslos um die Ohren, aber sie schreiben auch von ihren privaten wie beruflichen Sorgen wie Erfolgen. Sie waren als Studierende in M\u00fcnster vor gut zwanzig Jahren enge Freunde, lebten zusammen in einer WG und kamen sich schon sehr nah. Stefan war wohl ziemlich verliebt in Theresa, aber sie ist, ohne ihr Studium der Germanistik beendet zu haben, aus M\u00fcnster verschwunden. Zu ihrer eigenen \u00dcberraschung hat sie in Brandenburg, in Sch\u00fctte, die Genossenschaft, einen landwirtschaftlichen Kleinbetrieb von ihrem Vater, der pl\u00f6tzlich an einem Herzinfarkt verstarb, \u00fcbernommen. Stefan ist zum Kulturchef der renommiertesten Wochenzeitung in Hamburg aufgestiegen und versteht sich sehr gut mit dem Chefredakteur DES BOTEN. Theresa hat das Elternhaus grundsaniert, geheiratet und zwei Kinder bekommen, Stefan ist ledig. So die Ausgangslage dieses Briefromans, der sich eng an die Zeitereignisse des Jahres 2022 anlehnt und somit auch \u00fcber Genderdebatten, Identit\u00e4tsfragen, kulturelle Aneignung, strukturellen Rassismus, den ausgebrochenen Krieg in Europa und vor allem den Auswirkungen von Posts im Internet berichtet. <\/span><\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Zwischen Welten\u201c bedeutet nat\u00fcrlich, dass sich Stefan im Westen mit den hochfliegenden Zeitgeistthemen, die Theresa despektierlich auch <em>\u201eSpielchen\u201c<\/em> nennt, besch\u00e4ftigt und Theresa im Osten als hart zupackende, bodenst\u00e4ndige und k\u00f6rperlich arbeitende Landwirtin immer an der Pleite entlang schrammt. Theresa k\u00e4mpft immer noch mit den Auswirkungen der Wende, auch den Entscheidungen ihres Vaters f\u00fcr den Hof, den beh\u00f6rdlichen Schikanen, den EU-Verordnungen und ihren eigenen Leuten, die in der Genossenschaft ein Mitspracherecht haben. Ihre Familie sieht kaum etwas von ihr, denn Theresa scheint rund um die Uhr zu arbeiten. Wie sie die Zeit f\u00fcr die E-Mails findet, bleibt ein R\u00e4tsel. Genervt ist sie von Anfang an von Stefans Schreibweise, nie ohne die korrekten *****. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Temporeich und mit Humor versorgen die Autoren des Briefromans ihre Lesenden mit Informationen \u00fcber die Situation in den Printmedien, deren anstehende Themen und Strukturver\u00e4nderungen. Als Stefan eine Ausgabe nur zum Thema Klima auch mit Hilfe der Online-Redaktion in Berlin, deren Leiterin eine schwarze Frau ( oder darf man das auch nicht mehr sagen ) aus Simbabwe ist, durchdr\u00fccken kann, wird dies ein Erfolg. Allerdings muss er sich von zwei neunzehnj\u00e4hrigen, unausgebildeten Klimakatastrophen &#8211; Experten auf der Nase herumtanzen lassen. Er h\u00e4lt sie f\u00fcr naiv, sie benehmen sich arrogant und schauen auf die sogenannten wei\u00dfen alten M\u00e4nner, sprich Chefredaktion, herab. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Mit Leonie und Justin, die intern auch die <em>\u201eKlima-Taliban\u201c<\/em> genannt werden, hat sich Stefan die Geister ins Haus geholt, die er nicht mehr loswerden wird. Die Aufmerksamkeitsmaschine soziale Medien wird ihn und sogar seinen ser\u00f6sen, anerkannten Chefredakteur in arge Schwierigkeiten bringen. Denn vieles ist so anders als noch vor Jahren. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die Welt hat sich gewandelt, da kann ein neunzehnj\u00e4hriges, von sich und seinen fanatischen Ansichten \u00fcberzeugtes wie impertinentes M\u00e4dchen mit Z\u00f6pfen kraft seiner vorgeblichen Panik, dass die Welt in der Umweltkatastrophe demn\u00e4chst untergehen wird, einen gestandenen Journalisten mit jahrelanger Erfahrung und Res\u00fcmee einfach so per Shitstorm vom Sessel wehen. Die, die er angeblich beleidigt hat, erwartet gar keine Entschuldigung, aber die \u00d6ffentlichkeit ist beleidigt. Alle ducken sich weg, um ja nicht auch noch Zielscheibe des \u00f6ffentlichen Mobbings zu werden. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ein unbedacht ge\u00e4u\u00dfertes Wort in der \u00d6ffentlichkeit geleakt und schon springen alle auf den Zug der Emp\u00f6rung auf und st\u00fcrzen sich auf den<em> \u201eNazi\u201c<\/em> und seine Familie, die in offensichtlicher Sippenhaft von allen in den Boden gestampft werden d\u00fcrfen. Was bleibt, ist die Flucht. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Die \u00d6ffentlichkeit l\u00e4uft auf Eiern, immer in der Angst etwas falsch zu sagen, um dann in den sozialen Medien gesteinigt zu werden. Wohin diese Entwicklung gehen soll, bleibt offen. Sensible Menschen nehmen sich das Leben, wenn Dummpfbacken Hassmails und vor allem Todesdrohungen versenden und ihren Mordfantasien freien Lauf lassen. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">So formulieren sie Ideen zu einem besseren Journalismus nebst Ausgaben f\u00fcr interessierte Leser und Leserinnen ( so viel Zeit muss sein ) und eine vern\u00fcnftige Tierhaltung, ohne dass die kleinen Landwirte am Hungertuch nagen. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Klammert sich Stefan an seine Arbeit und seinen zeitweilig untergehenden Tanker Wochenzeitung, so entwickelt sich Theresa immer mehr in Richtung Aktionismus und Radikalismus, denn alle ihre gut gemeinten Ideen und Papiere interessieren niemanden vom Landwirtschaftsministerium. <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Doch wie endet dieser hochdramatische, temporeiche Roman, der die Diskussion \u00fcber verh\u00e4rtete Fronten und aggressive Reaktionen auf andere Meinungen und \u00fcber die Debattenthemen der Zeit, anregen will. Angepasstheit und geforderte Akzeptanz der Dilettanten auf der einen Seite und Radikalismus und Provokation auf der anderen Seite. Man kann sich als Lesender mal auf die eine Seite und auch auf die andere Seite der Diskutanten schlagen. <\/span><\/span><\/p>\n<p><em>\u201e<\/em><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\"><em>Es herrsche eine gewisse moralische Orientierungslosigkeit, in der sich die Menschen selbst Leitlinien suchten, und das gehe oft ins Anarchische. Es h\u00e4tten sich zwar schon fr\u00fcher viele nicht besonders f\u00fcr andere Meinungen interessiert. Viele h\u00e4tten verlernt, Ambivalenz auszuhalten<\/em>\u201c, schreibt Jana Simon in ihrem Juli Zeh Portr\u00e4t, erschienen in der ZEIT. ( Bei welcher Zeitung wohl Stefan Jordan arbeitet. Die erste Kritik in der DER ZEIT ist \u00fcbrigens vernichtend. ) <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Juli Zeh kennt Simon Urban vom Leipziger Literaturinstitut, sie war dort Gastdozentin und er Student, seitdem sind sie befreundet. Das Buch entstand nach vielen gemeinsamen Gespr\u00e4chen \u00fcber den polarisierten Diskurs in Deutschland. <\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Juli Zeh, Simon Urban: Zwischen Welten, Luchterhand Literaturverlag, M\u00fcnchen 2023, 448 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-630-87741-9 \u201e19:44 Uhr, Theresa per WhatsApp: W\u00fcrdest du mich eigentlich auch derart beleidigen, meine Person, meine Freunde und gleich mein ganzes Bundesland, wenn ich schwarz w\u00e4re? 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