{"id":4645,"date":"2022-12-02T10:29:17","date_gmt":"2022-12-02T09:29:17","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=4645"},"modified":"2022-12-02T10:29:17","modified_gmt":"2022-12-02T09:29:17","slug":"gohril-gabrielsen-zwischen-nord-und-nacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/gohril-gabrielsen-zwischen-nord-und-nacht\/","title":{"rendered":"G\u00f8hril Gabrielsen: Zwischen Nord und Nacht"},"content":{"rendered":"<p><strong>G\u00f8hril Gabrielsen: Zwischen Nord und Nacht, Aus dem Norwegischen von Hanna Granz, Insel Verlag, Berlin 2022, 270 Seiten, \u20ac23,00, 978-3-458-64348-7<\/strong><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Zwischen Nord und Nacht: Roman | Von der Unm\u00f6glichkeit, die perfekte Mutter zu sein\" type=\"text\/html\" width=\"676\" height=\"550\" frameborder=\"0\" allowfullscreen style=\"max-width:100%\" src=\"https:\/\/lesen.amazon.de\/kp\/card?preview=inline&#038;linkCode=li2&#038;ref_=k4w_oembed_G5h2VEt50Dygto&#038;asin=3458643486&#038;tag=wwwkarinhahnr-21\"><\/iframe><\/p>\n<p><em>\u201eIch: Was tun wir jetzt? Wie sollen wir nach diesen Ereignissen weiterleben? Wie k\u00f6nnen wir rechtfertigen, dass wir auf die eine oder andere Weise m\u00f6glicherweise dazu beigetragen haben, dass es so weit gekommen ist?<\/em><\/p>\n<p>Helena: Wir m\u00fcssen uns Erkl\u00e4rungen zurechtlegen. Erkl\u00e4rungen, mit denen wir leben k\u00f6nnen. Erkl\u00e4rungen, die unser Handeln st\u00fctzen und den Glauben an uns selbst als einigerma\u00dfen anst\u00e4ndige Menschen erhalten.\u201c<\/p>\n<p>Die Gedichte der fr\u00fch verstorbenen Edith S\u00f6dergran haben die Ich-Erz\u00e4hlerin Marie seit ihrem sechzehnten Lebensjahr beeindruckt und beeinflusst. Edith S\u00f6dergran gilt trotz ihrer kurzen Schaffenszeit, sie verstarb 1923 mit einunddrei\u00dfig Jahren an Tuberkulose, als bedeutende Lyrikerin.<\/p>\n<p>Parallel zu Maries eigener Geschichten versucht sie aus der Sicht der Mutter von Edith, Helena, dem besonderen Verh\u00e4ltnis zwischen Mutter und Tochter nachzusp\u00fcren, da wenige schriftliche Zeugnisse hinterlassen wurden. So oder so h\u00e4tte es sein k\u00f6nnen, Versionen von unterschiedlichen Szenarien der m\u00f6glichen Ereignisse werden durchgespielt, darauf weist die Erz\u00e4hlerin immer hin.<\/p>\n<p>1995 ist Maries Tochter Lu vier Monate alt. Die Bibliothekarin, die um ihre eigene Unzuverl\u00e4ssigkeit wei\u00df, scheint keinen festen Partner zu haben, denn ihre Gedanken kreisen immer wieder nur um sich und Lu. Die Tochter soll schnell selbstst\u00e4ndig werden, sich von der Mutter l\u00f6sen k\u00f6nnen. Marie hat dieses Bed\u00fcrfnis sich von der Tochter abzusetzen, sie auf Distanz zu halten.<\/p>\n<p><em>\u201eMeine dunklen Seiten waren an die Oberfl\u00e4che getreten, eine K\u00e4lte aus einer unbekannten Tiefe, und das entsetzte mich, als h\u00e4tte ich an einem hei\u00dfen Sommertag pl\u00f6tzlich Frost aus meinen Mund dringen sehen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Sp\u00e4ter werden die Lesenden erfahren, dass Marie ihre Tochter wildfremden Menschen einfach \u00fcberlassen hat, um Zeit f\u00fcr sich zu haben, zum Lesen oder Feiern. Einmal hat sie das Kind fast drei Tage bei fremden Leuten allein gelassen, um dann festzustellen, dass sie wenig Lust hat, das M\u00e4dchen abzuholen und dann mit Grausen sehen musste, dass sich niemand um das verwahrloste Kleinkind wirklich gek\u00fcmmert hat. Ein Schock.<\/p>\n<p>Doch was bleibt von diesen Erfahrungen, woran kann sich das Kind erinnern? Lu wird als Kind auff\u00e4llig laut und nervig sein, viel Raum einnehmen und so gar nicht Maries Vorstellungen entsprechen, m\u00f6glicherweise eine Gegenreaktion auf das Verhalten der Mutter.<\/p>\n<p>1897 &#8211; Helena stammt aus wohlhabendem Haus und lebt in der karelischen Landenge. Als sie mit ihrem ersten Kind, einem schwachen Jungen, schwanger wird, ist das ohne Frage eine Schande f\u00fcr die Familie. Das Kind lebt nur achtzehn Tage. Als sie dann doch noch geheiratet wird und ein Kind erwartet, lebt sie in der Angst, ihre Tochter Edith nicht lieben zu k\u00f6nnen. Helenas Ehemann Matts entpuppt sich als labiler Trinker und Spekulant. Mutter und Tochter leben mal in St. Petersburg, mal in Raivola. Helena sp\u00fcrt, dass ihre begabte Tochter kaum Freunde hat, vereinsamen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Helena beschlie\u00dft, das vierzehnj\u00e4hrige, elternlose Bauernm\u00e4dchen Singa ins Haus zu holen. Edith ist zu diesem Zeitpunkt zw\u00f6lf und fasziniert von allen m\u00f6glichen Geschichten, die sie dramatisch in ihren Alltag einbaut. Singa ist verschlossen, hat keinen Zugang zu Ediths Gedanken, sie spricht nur Finnisch, arbeitet flei\u00dfig handwerklich und hilft im Haushalt. Zwar lernt Singa Ediths Sprache und doch finden die M\u00e4dchen nicht zueinander. Nach Differenzen und verbalen wie gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den M\u00e4dchen kommt es zu einem Eklat, in den auch Helena verwickelt ist. Singa verschwindet darauf hin im eiskalten St. Petersburger Winter.<\/p>\n<p>Lu hat das Haus der Mutter, wie erwartet, verlassen um zu studieren. Doch sie ist keine flei\u00dfige Studentin, sie feiert gern, ist unbest\u00e4ndig und verschafft der Mutter nicht die Ruhe, die sie sich erhofft hatte. Als Lu dann den \u00e4lteren Tor kennenlernt und auch mit ihm zusammenzieht, scheint sich alles zum Guten zu wenden. Doch auch Tor k\u00e4mpft mit seinen D\u00e4monen. Eine Freundin von Lu tr\u00e4gt der Mutter zu, dass es zwischen Lu und Tor, der unberechenbar und voller Kontrollwahn Lu tyrannisiert, diverse Auseinandersetzungen gibt. Immer wieder verschwindet Tor und l\u00e4sst Lu im Ungewissen. Marie glaubt nun, eingreifen zu m\u00fcssen und st\u00f6\u00dft bei Lu und Tor auf Unverst\u00e4ndnis, bis Lu dann die Mutter bittet, ihr bei der erneuten Suche nach Tor zu helfen.<\/p>\n<p>Die Trag\u00f6dien in beiden Geschichten sind vorprogrammiert und nichts kann ungeschehen gemacht werden.<\/p>\n<p>M\u00fctter versuchen ihre T\u00f6chter, denen sie symbiotisch oder auch distanziert gegen\u00fcberstehen, zu sch\u00fctzen und verm\u00f6gen es nicht.<\/p>\n<p>G\u00f8hril Gabrielsen erz\u00e4hlt von Schuldgef\u00fchlen und dramatischen Geschichten im Leben von Marie und Helena in einer poetisch feinen Sprache. Durchwoben mit Gedichtzeilen und im Einklang mit der Natur versucht die eine Mutter verzweifelt nach der eigenen Identit\u00e4t ohne Kind und die andere widmet ihre gesamtes Leben dem geliebten Kind bis zum bitteren fr\u00fchen Tod und dar\u00fcber hinaus, denn Helena schreibt sogar ihre Erinnerungen an die Tochter auf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00f8hril Gabrielsen: Zwischen Nord und Nacht, Aus dem Norwegischen von Hanna Granz, Insel Verlag, Berlin 2022, 270 Seiten, \u20ac23,00, 978-3-458-64348-7 \u201eIch: Was tun wir jetzt? Wie sollen wir nach diesen Ereignissen weiterleben? 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