{"id":443,"date":"2019-06-22T13:23:09","date_gmt":"2019-06-22T11:23:09","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=443"},"modified":"2019-06-22T13:23:09","modified_gmt":"2019-06-22T11:23:09","slug":"ruhepol","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/ruhepol\/","title":{"rendered":"Ruhepol"},"content":{"rendered":"<p><strong>Amy Sackville: Ruhepol, Aus dem Englischen von Eva Bonn\u00e9, Luchterhand Literaturverlag, M\u00fcnchen 2012, 352 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-630-87335-0<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eAber auch Emily, die in aller Bequemlichkeit lebte und wartete, w\u00e4hrend Edward verhungerte und erfror, wusste auf die ihr eigene Weise, was es bedeutet, sich trostlos und leer und einsam zu f\u00fchlen.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Julia und Simon leben in einem vollgestopften Haus voller Erinnerungen und den Geistern der l\u00e4ngst verstorbenen Familienmitglieder in der N\u00e4he von London. Julia hat ihren Job aufgegeben, um sich der Archivierung all der Haussch\u00e4tze, Tageb\u00fccher, Aufzeichnungen und Materialien zu widmen, die ihr Vorfahre, der Polarforscher Edward Mackley, hinterlassen hat. Der Plan: ein Katalog oder ein Buch soll entstehen. Der Marineoffizier hatte es sich in den Kopf gesetzt, den Nordpol zu erreichen. 1897 lernt er seine Frau Emily kennen, 1899 startet er mit der <em>Persephone<\/em> und seiner Crew, Emily wird ihn bis Norwegen begleiten, Richtung Pol.<br \/>\nNie wird er dort ankommen, nicht mal in seine N\u00e4he. 600 Meilen vom Nordpol entfernt wird Edward Mackley im Januar 1902 als letzter der kleinen Expeditionsgruppe im Eis sterben. 1957 findet eine sowjetische Forschergruppe den fast konservierten Leichnam Mackleys. Die immer auff\u00e4llige Emily hat auf ihren Edward bis zu diesem Zeitpunkt treu gewartet, eine gern weitergetragene Legende in der Familie. Ein Jahr sp\u00e4ter wird sie dann ruhig sterben.<br \/>\nEs ist ein hei\u00dfer Sommertag. Julia st\u00f6bert auf dem stickigen Dachboden in den angestaubten alten Kisten, umkreist die ausgestopften Tiere, die Fernrohre, die Skiausr\u00fcstungen und bl\u00e4ttert eher lustlos in den verblassten Aufzeichnungen ihres Urgro\u00dfonkels. Wie in Tagtr\u00e4umen durchbricht die gegenw\u00e4rtige Handlung, die nur einen Tag umfasst, Szenen aus der Vergangenheit der Familie. Erz\u00e4hlt wird wie Edward und Emily sich kennengelernt haben, warum Tante Helen, die Tochter von Emilys Schw\u00e4gerin Arabella immer wieder die abenteuerlichen Geschichten aus dem Eis h\u00f6ren wollte und weitererz\u00e4hlt hat und wie Emily ihre Tage als alternde Frau im Haus ihres Schwagers verbrachte. Lebenslang wohnte sie im viktorianischen Haus bei John, Edwards Bruder und das hatte auch einen Grund, den Julia im Laufe des Tages von ihrem Cousin, den sie zuletzt als Kind gesehen hat, erfahren wird. Das Geheimnis um Emily und ihre Familie wird die romantische Archivarin kurzzeitig aus der Bahn werfen, denn nichts scheint mehr so zu sein, wie sie es sich ausgemalt hatte.<\/p>\n<p>Besonders anschaulich beschrieben sind die Augenblicke, in denen sich Julia Edwards zuerst so hoffnungsfrohe und dann immer mehr entt\u00e4uschende Zeit auf der Arktis widmet. Einst waren sie mit Vorr\u00e4ten f\u00fcr 100 Tage aufgebrochen, hatten sich blind durch Eisspalten und Abgr\u00fcnde getastet, sich im Schneesturm \u00fcber Felsklippen gequ\u00e4lt, die Gesichter voller Schorf und Frostbeulen. Sie hatten sich mit ihrer K\u00f6rperw\u00e4rme Gutes getan und sich zu zweit gegen alles Schamgef\u00fchl in Schlafs\u00e4cke gezw\u00e4ngt. Und immer wieder schreibt Edward trotz aller Widrigkeiten und gegen den Tod Tagebuch.<\/p>\n<p>Spannend und zugleich ber\u00fchrend liest sich die Geschichte von der abenteuerlichen Expedition, die sich durch Edwards Unf\u00e4higkeit als Navigator oder ausfallende Instrumente, niemand wei\u00df es, auf ein grausiges, unr\u00fchmliches Ende hinbewegt. Nie wurden seine Tageb\u00fccher ver\u00f6ffentlicht, nie sein wissenschaftliches Erbe anerkannt. Zu Emily kehrte kein strahlender Held zur\u00fcck, sie musste alle ihre Hoffnungen bereits als junge Frau begraben. Aufregend sind die Frauenfiguren in diesem Roman. Zum einen die schillernde, sich f\u00fcr Lyrik und Theater interessierende, scheinbar ewig wartende Witwe, aber auch ihre farblose Schw\u00e4gerin und nat\u00fcrlich die romantisch veranlagte Julia. Fast am Ende des Buches dreht sich die gesamte Geschichte um und pl\u00f6tzlich sieht der Leser alle Figuren, besonders die weiblichen, mit anderen Augen und Fragen.<\/p>\n<p>Die britische Autorin Amy Sackville f\u00e4chert geschickt Familiengeschichten auf und zeigt die Beziehungen zwischen den einzelnen Mitgliedern, in ihrer N\u00e4he und unendlichen Entfernung. Immer wieder hinterfragt auch Julia ihre eigene kinderlose Beziehung zu Simon. Auch aus Simons Sicht, er scheint sich f\u00fcr eine andere Frau zu interessieren, beobachtet der Leser, der fast wie aus der Vogelperspektive auf die Geschehnisse schaut und von der Erz\u00e4hlerin aufgefordert wird doch n\u00e4her zu treten, den Fortlauf des Tages.<\/p>\n<p>Atmosph\u00e4risch dicht beschreibt Amy Sackville die Bilder dieses Tages, ob es um Julia und ihr fast museums\u00e4hnliches Haus handelt, die Innenwelt der Figuren nach au\u00dfen gekehrt wird oder Edward und seine M\u00e4nner sich durch Schnee und Eis \u00fcber dem Ruhepol dahinbewegen. Doch die Kraft und Spannung der Erz\u00e4hlung, die Lebendigkeit der Figuren und der existentiellen Fragen lassen einen \u00fcber die Lekt\u00fcre hinaus nicht so schnell wieder los.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Amy Sackville: Ruhepol, Aus dem Englischen von Eva Bonn\u00e9, Luchterhand Literaturverlag, M\u00fcnchen 2012, 352 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-630-87335-0 \u201eAber auch Emily, die in aller Bequemlichkeit lebte und wartete, w\u00e4hrend Edward verhungerte und erfror, wusste auf die ihr eigene Weise, was es&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/ruhepol\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-443","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-belletristik"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/443","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=443"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/443\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":995,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/443\/revisions\/995"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=443"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=443"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=443"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}