{"id":441,"date":"2019-06-22T13:22:39","date_gmt":"2019-06-22T11:22:39","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=441"},"modified":"2019-06-22T13:22:39","modified_gmt":"2019-06-22T11:22:39","slug":"ab-jetzt-ist-ruhe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/ab-jetzt-ist-ruhe\/","title":{"rendered":"Ab jetzt ist Ruhe"},"content":{"rendered":"<p><strong>Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe, Roman meiner fabelhaften Familie, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2012, 399 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-10-004420-4\\r\\n<\/strong><\/p>\n<p><em>&#8222;Meine drei Br\u00fcder hatten schon so wichtige Dinge getan, als sie in meinem Alter waren. Sie hatten rebelliert, um ihre Tr\u00e4ume ins Leben zu holen. Und ich? Keine Leidenschaft f\u00fcr nichts. Stattdessen rief ich in meiner eigenen Wohnung an.&#8220; <\/em><\/p>\n<p>Marion Brasch wird 1961 in eine m\u00f6glicherweise fabelhafte, aber auch komplizierte Familie hineingeboren. Ihre Eltern lernen sich als j\u00fcdische Emigranten in London kennen. Der Vater beschlie\u00dft eine politische Karriere in der DDR, seine Frau, deren Familie urspr\u00fcnglich aus Wien stammt, weigert sich mit dem erstgeborenen Sohn Thomas mitzugehen. Nach einem Jahr f\u00fcgt sie sich und reist zu ihrem Mann.<br \/>\nIm Abstand von jeweils f\u00fcnf Jahren werden noch drei Kinder, zwei S\u00f6hne und eine Tochter geboren.<br \/>\nMarion ist das unauff\u00e4llige K\u00fcken. Es entsteht jedoch beim Lesen der Eindruck, dass sie im Schatten der Br\u00fcder stehen wird. Alle drei Jungen sind k\u00fcnstlerisch begabt, werden Schriftsteller oder Schauspieler. In harten, politischen Auseinandersetzungen, Vater Horst ist stellvertretender Kulturminister der DDR, reibt sich die Familie nach und nach auf. Thomas rebelliert und wird, das klingt nur in einem Nebensatz an, vom eigenen Vater angezeigt. Er geht ins Gef\u00e4ngnis und zur Bew\u00e4hrung in die Produktion. Sp\u00e4ter wird er die DDR verlassen und sich doch immer wieder mit ihr schmerzlich auseinandersetzen. Das DDR-Regime reagiert auf das Fehlverhalten noch so linientreuer SED-Funktion\u00e4re mit Strafversetzung und die Familie zieht vom Berliner Alexanderplatz ins \u00f6de Karl-Marx-Stadt.<\/p>\n<p>Der mittlere und der j\u00fcngste Bruder suchen sich ihre eigenen Wege, sie toben sich aus, trinken viel und verlassen nach und nach die Familie. Marions Mutter, die sich desillusioniert und vom Leben entt\u00e4uscht in den Sarkasmus fl\u00fcchtet, stirbt an Krebs, da ist die Tochter 15 Jahre alt.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlerin setzt sich mit den Konflikten gerade im Teenager-Alter kaum auseinander, auch nicht mit der Gesellschaft, in der sie lebt. Sie schaut gern fern und l\u00e4sst die Tage unspektakul\u00e4r an sich vorbeipl\u00e4tschern. Diese Lethargie \u00fcberrascht und nervt beim Lesen, zumal Marion Brasch trotz dieser Familiengeschichte auch noch v\u00f6llig angepasst, angeblich ihrem Vater zuliebe, in die SED eintritt. Marion Brasch sucht sich, ihre Stiefmutter ist unertr\u00e4glich und bei der Stasi, der Vater st\u00e4ndig auf Reisen, eine heruntergekommene Hinterhauswohnung und erh\u00e4lt sogar einen Mietvertrag. Der Vater sorgt daf\u00fcr, dass sie eine Neubauwohnung beziehen kann, die sie wiederum gegen eine gr\u00f6\u00dfere Wohnung umtauscht. Ausbildung, Arbeit, verschiedene Beziehungen werden beschrieben. Immer wieder schildert sie Szenen mit den, und dieser Eindruck pr\u00e4gt sich ein, sehr auf sich bezogenen Br\u00fcdern, es wird geschwiegen, gestritten.<br \/>\nBei allem Interesse an den Br\u00fcdern, der zunehmenden Eifersucht zwischen Thomas und Klaus, Peter ist nach der Premiere von \u201eSolo Sunny\u201c unerkl\u00e4rlich jung verstorben, kann man sich durch Marion Braschs Schilderungen jedoch kaum ein genaues Bild von den drei unterschiedlichen Menschen Thomas, Klaus und Peter machen. Eindeutiger ist da schon die Beziehung zum Vater, der wie die Tochter in diesem ambivalenten Verh\u00e4ltnis zu den rebellischen S\u00f6hnen steht.<\/p>\n<p>Die Br\u00fcder werden auch nicht namentlich benannt, genau so wenig wie Lebenspartner oder Schriftsteller und K\u00fcnstler im Umfeld der Br\u00fcder benannt werden. Seltsame Umschreibungen, wie zum Beispiel die eines amerikanischen Schauspielers, (der an der Seite von Marilyn Monroe eine Frauenrolle gespielt hat ), der mit Thomas Brasch drehen sollte, wirken eigenartig. Der Leser fragt sich, was diese seltsame Geheimnistuerei soll, denn denjenigen, der nichts \u00fcber die Familie Brasch wei\u00df, entschl\u00fcsseln sich die Figuren kaum. Marion Brasch nimmt konsequent die Perspektive der kleinen, naiven Schwester ein und verl\u00e4sst diese Rolle auch nicht. Diese immense Distanz befremdet bis zur letzten Seite.<\/p>\n<p>Marion Brasch, freie Rundfunkmoderatorin beim Regionalsender Radio 1 in Berlin, schreibt so wie sie ausgeruht in kleiner Runde auch erz\u00e4hlen w\u00fcrde. Sie erkl\u00e4rt nichts, bem\u00fcht sich nicht um einen ausgefeilten Stil, versucht nicht die Biografien ihrer Br\u00fcder zu deuten oder gar zu analysieren. Sie schildert ihre Tage in der DDR, die Familienszenen und beschreibt dadurch genau die typische DDR-Atmosph\u00e4re. Durch die zwar angekratzte aber immer noch einflussreiche Stellung ihres Vaters gelangt sie zu Privilegien, wie Telefon, Devisen, auch wenn es nur Forum-Schecks waren, eine Zwei-Raum-Wohnung, ein Auto und Reisen nach London oder kurz vorm Mauerfall nach Westberlin. Aus heutiger Sicht k\u00f6nnte man dar\u00fcber l\u00e4cheln, damals war das mehr als Luxus und Lebensqualit\u00e4t, ein St\u00fcckchen Freiheit innerhalb des Grau in Grau. Marion Brasch nimmt es fast selbstverst\u00e4ndlich mit und lebt ihr Leben, dass sich von dem ihrer Br\u00fcder so ungleich abhebt. Der Satz \u201eAb jetzt ist Ruhe\u201c erklang, wenn die Mutter am Abend das Licht im Kinderzimmer l\u00f6schte. \u201eAb jetzt ist Ruhe\u201c steht aber auch f\u00fcr das Ende einer Auseinandersetzung mit einer \u201efabelhaften Familie\u201c, alle drei Br\u00fcder sind tot und auch Vater Horst ist kurz vor der Wende verstorben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe, Roman meiner fabelhaften Familie, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2012, 399 Seiten, \u20ac19,99, 978-3-10-004420-4\\r\\n &#8222;Meine drei Br\u00fcder hatten schon so wichtige Dinge getan, als sie in meinem Alter waren. 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