{"id":4389,"date":"2022-05-28T12:32:22","date_gmt":"2022-05-28T10:32:22","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=4389"},"modified":"2022-05-28T12:32:22","modified_gmt":"2022-05-28T10:32:22","slug":"mareike-fallwickl-die-wut-die-bleibt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/mareike-fallwickl-die-wut-die-bleibt\/","title":{"rendered":"Mareike Fallwickl: Die Wut, die bleibt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mareike Fallwickl: Die Wut, die bleibt, Rowohlt Verlag, Hundert Augen, Hamburg 2022, 379 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-498-00296-1<\/strong><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Die Wut, die bleibt\" type=\"text\/html\" width=\"676\" height=\"550\" frameborder=\"0\" allowfullscreen style=\"max-width:100%\" src=\"https:\/\/lesen.amazon.de\/kp\/card?preview=inline&#038;linkCode=li2&#038;ref_=k4w_oembed_J22XGZuZJtkfcZ&#038;asin=3498002961&#038;tag=wwwkarinhahnr-21\"><\/iframe><\/p>\n<p><em>\u201eEs ist nicht m\u00f6glich, an dieser Aufgabe zu scheitern. Kinder h\u00fcten, das kann jeder. Und wollen muss es auch jeder, der diese Kinder bekommen hat. Oder nein, jede. Die K\u00fcmmerpflicht gilt f\u00fcr die M\u00fctter. Johannes hat diese Kinder auch bekommen, aber er muss irgendwie gar nichts. \u00dcber die Leere solcher Tage, die sich l\u00e4hmend \u00fcber das Gehirn legt, weil man sich mit nichts anderem besch\u00e4ftigt als mit physischer Versorgung, Brei kochen, Brei in den Kindermund stecken, Kacke vom Kinderhintern abwischen, den Kinderk\u00f6rper tragen, den Kinderk\u00f6rper besch\u00fctzen vor St\u00fcrzen, Schnitten, Verbrennungen, den Schlaf herbeisingen, spricht niemand. Es gibt keinen Raum f\u00fcr solche Gespr\u00e4che, keine Schutzzone. Eine Mutter ist eine Mutter ist eine Mutter.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Und dann bringt eine Pandemie eine Mutter in Salzburg an den Rand ihrer Belastbarkeit. Helene verliert ihren Job und sie ist mit ihren drei Kindern allein zu Hause. Ihr Mann Johannes hat sich im Homeoffice verbarrikadiert. Lola, die bald f\u00fcnfzehn wird, kommt allein klar und doch nerven die st\u00e4ndigen Diskussionen mit dem zur Feministin avancierten Teenager. Die S\u00f6hne Maxi, sechs Jahre alt, und Lucius, zwei Jahre alt, sind nur dabei sich zu streiten, Dinge wegzunehmen und zu schreien. Es ist nicht auszuhalten. Tag f\u00fcr Tag. Immer der gleiche L\u00e4rmpegel, die sinnlosen Ermahnungen und die Hilflosigkeit.<br \/>\nHelene muss nur die eine Frage, die das Fass zum \u00dcberlaufen bringt, h\u00f6ren:<em> \u201eHaben wir kein Salz?\u201c<\/em> Und schon spult sich in ihrem Unterbewusstsein ein Vorwurf nach dem anderen ab. Depressiv und ausgelaugt bleibt ihr offenbar keine andere Wahl. Sie geht zum Balkon und springt zw\u00f6lf Meter in die Tiefe.<\/p>\n<p>Ein drastischer Anfang f\u00fcr einen Roman.<\/p>\n<p>Mareike Fallwickl hat selbst in einem Gespr\u00e4ch im Deutschlandfunk Kultur gesagt, dass sie sehr unsicher war, ob sie das wirklich so schreiben sollte.<\/p>\n<p>Aus der Sicht von Lola und der besten Freundin von Helene, Sarah, wird nun geschildert, was nach Helenes Freitod geschieht. Die inneren Stimmen der beiden literarischen Figuren begleiten die Trauer der Familie, die Wut, aber auch die Verzweiflung.<br \/>\nSarah, die auf die vierzig zugeht, arbeitet als Autorin und kann in ihrem kleinen H\u00e4uschen ganz gut mit dem Lockdown umgehen. Sie hat neuerdings einen zehn Jahre j\u00fcngeren Freund, der bei ihr eingezogen ist. Leon ist \u00e4u\u00dferst gutaussehend und Sarah beginnt sich f\u00fcr ihre Speckr\u00f6llchen zu sch\u00e4men. Sport ist angesagt.<br \/>\nDoch dann f\u00fchlt sich Sarah in der Verantwortung, zumindest bei Johannes vorbeizuschauen und auch zu sehen, wie es den Kindern geht. Lola hat Sarah aufwachsen sehen, bis Helene dann vor sieben Jahren Johannes kennengelernt hat und noch zwei Kinder bekommen hat.<br \/>\nDie kinderlose Freundin, die kaum eine Vorstellung hat, wie so ein Familienleben abl\u00e4uft, wird nun von Johannes, aber auch von ihrem eigenen Gewissen und Verantwortungsgef\u00fchl in die Familie hineingezogen. Johannes Mutter war an Covid19 erkrankt und kann durch die Sp\u00e4tfolgen nicht helfen. Was auf Sarah, die sich alles v\u00f6llig anders vorgestellt hat und Helenes sarkastische Bemerkungen \u00fcber ihren eigenen Familienalltag nicht so ernst genommen hatte, nun wartet, ist Stress pur. Manchmal taucht Helene als Geist sozusagen auf und kommentiert Sarahs Verhalten.<br \/>\nDenn nach und nach gleitet Sarah, die inzwischen in Helenes Wohnung eingezogen ist, in genau die gleichen Verhaltensmuster, die auch Helene an den Rand der Verzweiflung gebracht haben. Weder Johannes noch Leon k\u00fcmmern sich ums Putzen, Einkaufen oder Kinderh\u00fcten. Johannes begleitet nicht mal seinen eigenen Sohn am ersten Schultag. Er sitzt am Tisch mit den l\u00e4rmenden Kindern und starrt auf sein Handy. Er \u00fcbergibt ungefragt Sarah, die sich nicht wehren kann, alle Verantwortung f\u00fcr die Kinder.<\/p>\n<p><em>\u201eEs ist nicht m\u00f6glich, das Chaos zu bew\u00e4ltigen. Denn Sarah ist allein, und die Chaoten sind zu viert. Sie haben acht Beine, hundert Arme und null Sinn f\u00fcr Ordnung.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Noch kann Sarah alles mit ihrer Arbeit vereinbaren. Nat\u00fcrlich vernachl\u00e4ssigt sie ihren Freund Leon, aber der f\u00fchlt sich so allein ganz wohl in ihrem H\u00e4uschen. Durch die extremen Auseinandersetzungen mit Lola, die weder Respekt f\u00fcr Sarahs Hilfe zeigt, noch versteht, warum sie die Toilette ohne Bezahlung putzt, beginnt Sarahs Nachdenken \u00fcber die Rolle der Frau und Mutter. Sarah ist nicht so w\u00fctend wie Lola, die in einem Selbstverteidigungskurs M\u00e4dchen kennenlernt, mit denen sie sich gewaltt\u00e4tig gegen M\u00e4nner wehren wird.<br \/>\nSarah fragt sich, warum bei Helene alles so schief gelaufen ist. Hat sie nie um Hilfe gebeten? Hat sie ihre Kinder nicht erzogen, war sie nicht konsequent? Warum hilft Lola nur, wenn es wirklich sein muss? Hat Helene genau wie Sarah aufgegeben, Johannes&#8216; Anteil an der Carearbeit oder Kindererziehung einzufordern, weil er sich doch entziehen wird oder in der Mitte der Arbeit einfach alles liegen l\u00e4sst?<br \/>\nDie Lesenden erfahren sehr viel \u00fcber die innerseelischen Zust\u00e4nde Sarahs. Immer wieder umkreist sie, auch mit Helenes Kommentaren als Geist, ihre Situation. Warum verh\u00e4lt sie sich immer so m\u00e4\u00dfigend? Kontrolliert sich und ihr Gewicht, obwohl sie zu gern Schokolade isst? Sieht sich immer im Spiegel an und denkt, was ein Mann denken k\u00f6nnte? Warum sind in ihren Krimis immer die Frauen die Opfer?<\/p>\n<p>Beim Lesen dieses Romans \u00fcberdenken die Lesenden garantiert auch ihr eigenes Verhalten, ob als Mann oder als Frau. Kompromisse eingehen muss jeder in Beziehungen. Doch wie weit sollte man wirklich gehen? Wo ist die Grenze? Wie kann es sein, dass Frau sich einfach nicht abgrenzen kann und Mann alle Freiheiten hat?<\/p>\n<p>Mareike Fallwickl ist eine exzellente Beobachterin und hat einen sensiblen, sprachlich feinen gesellschaftskritischen Themenroman genau zur richtigen Zeit geschrieben. Mag einiges \u00fcberzogen sein, Tatsache bleibt, dass in der Pandemiezeit Geld f\u00fcr alles M\u00f6gliche ausgegeben wurde, aber niemand hat sich wirklich, auch in Deutschland, dar\u00fcber Gedanken gemacht, wie die M\u00fctter die Pandemie \u00fcberstehen und was sich hinter Wohnungst\u00fcren abspielt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mareike Fallwickl: Die Wut, die bleibt, Rowohlt Verlag, Hundert Augen, Hamburg 2022, 379 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-498-00296-1 \u201eEs ist nicht m\u00f6glich, an dieser Aufgabe zu scheitern. Kinder h\u00fcten, das kann jeder. 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