{"id":4109,"date":"2021-10-30T07:51:47","date_gmt":"2021-10-30T05:51:47","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=4109"},"modified":"2021-10-30T07:51:47","modified_gmt":"2021-10-30T05:51:47","slug":"die-rache-ist-mein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/die-rache-ist-mein\/","title":{"rendered":"DIE RACHE IST MEIN"},"content":{"rendered":"<p><strong>Marie NDiaye: Die Rache ist mein, Aus dem Franz\u00f6sischen von Claudia Kalscheuer, Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, 237 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-518-43031-6<\/strong><\/p>\n<p><code><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3518430319\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3518430319&amp;linkCode=as2&amp;tag=wwwkarinhahnr-21&amp;linkId=219c7c76ccfab60c89266889aa629eaa\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" border=\"0\" src=\"\/\/ws-eu.amazon-adsystem.com\/widgets\/q?_encoding=UTF8&amp;MarketPlace=DE&amp;ASIN=3518430319&amp;ServiceVersion=20070822&amp;ID=AsinImage&amp;WS=1&amp;Format=_SL250_&amp;tag=wwwkarinhahnr-21\"><\/a><\/code><\/p>\n<p><em>\u201eWie h\u00e4tte ich ahnen sollen, dass ich die Kinder nicht mehr ertrug, dass ich darum betete, dass Gilles mit ihnen bei einem Unfall umkam, so dass ich mich frei und traurig wiederf\u00e4nde, frei und verzweifelt, und endlich erl\u00f6st von seinem allwissenden Auge, von Gilles&#8216; Blick, der sondierte und verurteilte, auch wenn seine Lippen sich zu einem ewigen L\u00e4cheln verzogen? Ich werfe Gilles Prinzipaux nichts vor, w\u00fcrde Marlyne schlie\u00dfen.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Eines Tages steht Gilles Principaux in der nicht gerade erfolgreichen Kanzlei der zweiundvierzigj\u00e4hrigen Anw\u00e4ltin Ma\u00eetre Susane. Nat\u00fcrlich w\u00fcrde sie sich lieber ein gro\u00dfes Auto leisten und nicht diesen alten Twingo fahren, doch die Einnahmen der Kanzlei geben das nicht her. Ma\u00eetre Susane hat eine wage Erinnerung an Gilles Principaux, den sie als Jugendlichen glaubt kennengelernt zu haben. Einst hatte ihre Mutter als B\u00fcglerin im Haushalt der wohlhabenden Familie Principaux gearbeitet. Susane war oft bei der Mutter und denkt, dass Gilles ihr begegnet ist, als sie zehn Jahre alt war und dabei muss f\u00fcr sie etwas passiert sein.<br \/>\nEr jedoch hat keine Erinnerung an sie, denn ihn bedr\u00fcckt eine famili\u00e4re Trag\u00f6die. Seine Frau Marlyne hat ihre drei Kinder gnadenlos get\u00f6tet. Im Grunde f\u00fcr einen Anwalt ein aussichtsloser Fall, denn ein Justizirrtum kann nicht vorliegen. Doch warum t\u00f6tet eine Frau ihre Kinder? Wie kann eine gebildete Frau, die als Franz\u00f6sischlehrerin gearbeitet hat, von der alleinstehenden Mutter zu einer emanzipierten Frau erzogen, sich nach dem ersten Kind v\u00f6llig in der Mutterrolle aufgehen? Warum glaubt sie, dass sie sich als Perfektionistin von ihnen befreien muss und damit so ihren desinteressierten Mann von den Kindern entlastet? Hat der Ehemann Marlyne, die auch immer mehr an Gewicht zugenommen hat, jegliches Selbstvertrauen genommen, ihre Freunde vergrault und sie zu einer einsilbigen und unscheinbaren Ehefrau gemacht? War der Tod der Kinder die Rache f\u00fcr die Scheinheiligkeit des Ehemannes? Wie schmerzhaft und sinnreich ist ein sozialer Aufstieg, der Figuren vor ungel\u00f6ste Probleme stellt?<br \/>\nEigenartig sind Gilles Principaux&#8216; st\u00e4ndigen Besuche im Gef\u00e4ngnis, seine Anh\u00e4nglichkeit an seine Frau, die ihn nicht mehr ertragen kann.<\/p>\n<p>Glaubt der Leser und die Leserin nun, es gehe ausschlie\u00dflich um die Kindest\u00f6tung in Bordeaux, deren Hergang schon schwer zu ertragen ist, so irrt er.<br \/>\nMarie Ndiaye umkreist eher das Umfeld von Susane ( Ihre wahren Gedanken sind in den kursiv gehaltenen Passagen zu lesen.)  und ihre Stellung in der franz\u00f6sischen Gesellschaft, in die sie aufgestiegen ist. Kommen die Eltern eher aus einfachen Verh\u00e4ltnissen, so stellt die Tochter doch etwas dar. Bei Nachfragen nach der Familie Principaux jedoch beginnen erste Unstimmigkeiten, besonders mit Susanes Vater, der dem einst Jugendlichen unterstellt, er habe seiner Tochter etwas angetan.<br \/>\nMa\u00eetre Susane, die nur so benannt wird, besch\u00e4ftigt als Putzfrau in ihrer kleinen Wohnung auch aus politischem Engagement Sharon aus Mauritius, die mit ihrem Ehemann und zwei Kindern illegal in Frankreich lebt. Ma\u00eetre Susane k\u00fcmmert sich auch um die Aufenthaltserlaubnis der Familie. Zwischen den Frauen herrscht keine Vertrautheit, aber ein freundlicher Ton. Nichts l\u00e4sst Sharon auf ihre Arbeitgeberin kommen und doch sp\u00fcren die LeserInnen eine seltsame Anspannung, denn Sharon scheint au\u00dferhalb der Wohnung nichts mit Ma\u00eetre Susane zu tun haben zu wollen. Als sich herausstellt, dass Sharon in ihrer Arbeitszeit bei Ma\u00eetre Susane noch bei zwei anderen nicht so wohlwollenden Frauen arbeitet, kippt die Stimmung um einiges. Und dann erbittet Ma\u00eetre Susane Sharons Heiratsurkunde, die die Verwandten in der Heimat angeblich nicht nach Frankreich senden.<\/p>\n<p>Aus den literarischen Figuren heraus erf\u00e4hrt der Lesende, was sie denken, wo sie stehen und warum sie wie handeln. Es geht um Widerspr\u00fcche, Ungewissheiten, Ambivalenzen und gesellschaftlichen Missstand.<br \/>\nEine fesselnde Lekt\u00fcre.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marie NDiaye: Die Rache ist mein, Aus dem Franz\u00f6sischen von Claudia Kalscheuer, Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, 237 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-518-43031-6 \u201eWie h\u00e4tte ich ahnen sollen, dass ich die Kinder nicht mehr ertrug, dass ich darum betete, dass Gilles mit ihnen&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/die-rache-ist-mein\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-4109","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-belletristik"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4109","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4109"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4109\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4111,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4109\/revisions\/4111"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4109"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4109"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4109"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}