{"id":4079,"date":"2021-10-30T06:39:29","date_gmt":"2021-10-30T04:39:29","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=4079"},"modified":"2021-11-01T10:04:39","modified_gmt":"2021-11-01T09:04:39","slug":"welten-auseinander","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/welten-auseinander\/","title":{"rendered":"WELTEN AUSEINANDER"},"content":{"rendered":"<p><strong>Julia Franck: Welten auseinander, S.Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2021, 368 Seiten, \u20ac23,00, 978-3-10-002438-1<\/strong><\/p>\n<p><code><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3100024389\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3100024389&amp;linkCode=as2&amp;tag=wwwkarinhahnr-21&amp;linkId=707ab2c9de1476df437806574c28051f\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img src=\"\/\/ws-eu.amazon-adsystem.com\/widgets\/q?_encoding=UTF8&amp;MarketPlace=DE&amp;ASIN=3100024389&amp;ServiceVersion=20070822&amp;ID=AsinImage&amp;WS=1&amp;Format=_SL250_&amp;tag=wwwkarinhahnr-21\" border=\"0\" \/><\/a><\/code><\/p>\n<p><em>\u201eDie einzige verl\u00e4ssliche Beziehung, die ich in meiner Kindheit entwickelte, war die zu meinem Tagebuch.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Dieses Buch ist kein Roman, sondern ein autofiktionaler Text, der, um es gleich vorwegzunehmen, zutiefst ber\u00fchrt. Mal erz\u00e4hlt die Autorin vom M\u00e4dchen, um doch etwas Distanz zu sich herzustellen, dann wieder von Julia und ihrer Zwillingsschwester Johanna Franck, um mal beiden oder nur Julia ganz nah zu sein. In der Rahmenhandlung dreht sich alles um Julias gro\u00dfe wie tragische Liebe zu Stephan. Sie lernt ihn mit achtzehn Jahren am Gymnasium kennen und er ist es, der f\u00fcr sie wiederum neue Horizonte er\u00f6ffnet. Welten entfernt von ihrer Herkunft stammt Stephan aus einer intakten Familie, dessen Eltern als Juristen wohlbetucht im s\u00fcdwestlich gelegenen Westberlin wohnen. Welten entfernt sind f\u00fcr Julia, aber auch Stephan die beiden deutschen Staaten. Der Mauerfall f\u00fchrt wiederum zur Familienzusammenf\u00fchrung der ganz eigenen Art.<br \/>\nIn ihren Erinnerungen wandert die Autorin in der Binnenhandlung zu ihrer eigenen Familiengeschichte zur\u00fcck. Zum einen sind viele Mitglieder in der ganzen Welt verteilt, zum anderen stehen die sehr starken, allerdings auch extrem egoistischen wie selbsts\u00fcchtigen Frauen im Mittelpunkt der Reflexionen. Da ist die steife, wie vornehme Urgro\u00dfmutter Lotte, aber auch die burschikose Gro\u00dfmutter, Ingeborg Hunzinger, eine einst bekannte Bildhauerin, die mit ihrem politischen Engagement im Staat DDR eher eine Salonkommunistin war, die die Staatssicherheit genauso im R\u00fccken hatte, wie andere K\u00fcnstler, die bereits vor der Wolf Biermann \u2013 Ausb\u00fcrgerung die DDR verlassen haben. In vielen plastischen Szenen berichtet Julia Franck von einer kompromisslosen Frau, die konsequent das f\u00fcr sie verlogene Weihnachtsfest ablehnt und immer ein offenes Haus f\u00fcr Freunde und K\u00fcnstlerInnen gef\u00fchrt hat. Durch die Generationen hinweg zieht sich wie ein roter Faden die Unabh\u00e4ngigkeit, um welchen Preis auch immer, der Frauen mit Kindern in ihrer Familie, allerdings ohne feste lange Partnerschaften.<br \/>\nAuch Julia Francks Mutter Anna, eine Schauspielerin, entschloss sich Ende der 1970er Jahre zu diesem Schritt. Nach vier Jahren Wartezeit durfte sie mit ihren vier T\u00f6chtern ( Julia ist zu dieser Zeit acht Jahre alt. ) in den Westen ausreisen. Auf der Suche nach einer Waldorfschule und der Vorstellung von Freiheit, die Mutter wird ihren Beruf im Westen nicht aus\u00fcben, lebt die Familie Franck als Selbstversorger mit Tieren und als Sozialfall k\u00fcnftig auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein.<br \/>\n\u00dcber die Jahre ihrer Kindheit bis zum dreizehnten Lebensjahr berichtet Julia Franck eindr\u00fccklich.<br \/>\nWar die Mutter einerseits eine begnadete Geschichtenerz\u00e4hlerin und F\u00f6rderin jeglicher Fantasiespiele, so hat sie ihre Zwillinge im Gegensatz zur sechs Jahre \u00e4lteren Schwester und der J\u00fcngsten als Ballast empfunden. Allein auf sich gestellt, haben die M\u00e4dchen den Haushalt geschmissen, kannten keine Zahnb\u00fcrste oder Kamm, liefen im Sommer nur barfu\u00df und verwahrlosten in einem Ausma\u00df, das man sich heute schwer vorstellen kann. Kein Geld f\u00fcr den Bus, aber Geld f\u00fcr Zigaretten und Wein in Pappkartons. Eine Mutter, die ihre Tochter, die in gewisser Weise auch keine Regeln kannte, wenn sie beim Klauen erwischt wurde, nicht abholte, geschweige denn mit ihr sprach. Die Messi-Eigenschaften der Mutter \u00fcbertragen sich auf den gesamten Haushalt. Die Kinder leben in einem ungeheuren Dreck und Chaos, in dem immer wieder Zank und Streit mit der \u00e4lteren Schwester ausbrechen. Auf sich gestellt sind die Kinder bei allem. Als die Zwillinge ihre Gro\u00dfeltern ( Eltern ihres leiblichen Vaters ) im Westen anschreiben, besuchen sie den Gro\u00dfvater und die Gro\u00dfmutter, um beim zweiten Mal aus dem Hause gejagt zu werden. Langsam beginnt Julia ihre Mutter zu hassen, ihre Gleichg\u00fcltigkeit, ihre Ignoranz der Umgebung, ihre Sehnsucht nach Freunden in anderen Hippiekommunen. Eine Mutter, die erwartet, dass ihre Kinder ihren Geburtstag w\u00fcrdigen, aber den ihrer Kinder einfach vergisst, kann keine Zuneigung erwarten. Mit den Jahren sch\u00e4men sich die T\u00f6chter f\u00fcr die nackt im Garten herumlaufende, einst doch so attraktive Mutter. Die Vorstellung, dass die T\u00f6chter sich um die Mutter k\u00fcmmern m\u00fcssten, hinterl\u00e4sst auch beim Lesen einen schalen Geschmack.<br \/>\nMit dreizehn Jahren schafft es Julia, dass Freunde der Familie, die ebenfalls aus der DDR ausgereist waren, sie in Westberlin aufnehmen und sie mit der Unterst\u00fctzung der Sozialhilfe zur Schule gehen kann. Immer duckt sich Julia ab, in der Schule, beim Putzen f\u00fcr andere Leute. Sie will nicht auffallen und wird doch gnadenlos von Mitsch\u00fclern gemobbt und muss Gewalt erfahren. Beim Lesen fragt man sich schon, was Lehrer oder Lehrerinnen von ihren Sch\u00fclern wissen und ab wann das Jugendamt wirklich eingreift.<br \/>\nJulia versinkt immer mehr in ihrem Tagebuch, aus dem auch Ausz\u00fcge im Buch erscheinen, schreibt sich in einen Rausch und scheint ihre Umgebung damit zu verunsichern. Wie man diese Kindheit, abgeschoben zu Pflegeeltern, in Kinderheimen, ungeliebt und nur geduldet, wenn man arbeitete, heil \u00fcbersteht, bleibt unklar.<\/p>\n<p><em>\u201eIm Herbst versuchte ich einen ersten Brief an meine Mutter zu schreiben, aber mir fiel nichts ein. Nach einigen Anl\u00e4ufen schrieb ich ihr, dass sie mir zu fremd sei, um an sie zu schreiben.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Als Julia Franck f\u00fcnfzehn Jahre ist, nimmt ihr leiblicher Vater Kontakt zu ihr auf. Auch diese Beziehung endet tragisch.<br \/>\nStark muss man sein, wenn man aus diesen doch eigentlich pr\u00e4genden Jahren ganz allein f\u00fcr sich Optimismus sch\u00f6pfen kann.<br \/>\nSprachlich berichtet Julia Franck eher n\u00fcchtern von ihren Kindheitsjahren, den Trag\u00f6dien in ihrer Familie, dem fr\u00fchen Tod Gottliebs, des innig geliebten Bruders von Anna, der zur Zeit des Mauerbaus sich das Leben nahm. Sich alles von der Seele schreiben, das scheint Julia Franck f\u00fcr sich getan zu haben.<br \/>\nViele bekannte und weniger bekannte Personen streifen das Leben der Familie im Osten wie im Westen und manchmal ist es vielleicht ein bisschen zu viel Namedropping.<br \/>\nUnd doch eine fesselnde, wie ber\u00fchrende Lekt\u00fcre, die lang nach dem Lesen noch nachhallt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Julia Franck: Welten auseinander, S.Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2021, 368 Seiten, \u20ac23,00, 978-3-10-002438-1 \u201eDie einzige verl\u00e4ssliche Beziehung, die ich in meiner Kindheit entwickelte, war die zu meinem Tagebuch.\u201c Dieses Buch ist kein Roman, sondern ein autofiktionaler Text, der, um es&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/welten-auseinander\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4079"}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4079"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4079\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4115,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4079\/revisions\/4115"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4079"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4079"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4079"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}