{"id":3975,"date":"2021-08-29T12:52:18","date_gmt":"2021-08-29T10:52:18","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=3975"},"modified":"2021-08-29T12:52:18","modified_gmt":"2021-08-29T10:52:18","slug":"fremde-freundin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/fremde-freundin\/","title":{"rendered":"FREMDE FREUNDIN"},"content":{"rendered":"<p><em>J. Courtney Sullivan: Fremde Freundin, Aus dem Englischen von Andrea O&#8217;Brien und Jan Sch\u00f6nherr, Paul Zsolnay Verlag, M\u00fcnchen 2021, 528 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-552-07251-0<\/em><\/p>\n<p><code><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B092LQ9ZRL\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B092LQ9ZRL&amp;linkCode=as2&amp;tag=wwwkarinhahnr-21&amp;linkId=8efcc5a979609af3f5d97ac43eba4be1\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" border=\"0\" src=\"\/\/ws-eu.amazon-adsystem.com\/widgets\/q?_encoding=UTF8&amp;MarketPlace=DE&amp;ASIN=B092LQ9ZRL&amp;ServiceVersion=20070822&amp;ID=AsinImage&amp;WS=1&amp;Format=_SL250_&amp;tag=wwwkarinhahnr-21\"><\/a><\/code><\/p>\n<p><em>\u201eSam war baff. Das bisher unbekannte Puzzlest\u00fcck lie\u00df Elisabeth in einem ganz anderen Licht erscheinen. Sie war ganz anders aufgestellt, als sie vorgab. Und Sam hatte die L\u00fcge die ganze Zeit als Beweis daf\u00fcr aufgefasst, dass jeder es schaffen konnte, seinen k\u00fcnstlerischen Ambitionen nachzugehen und trotzdem irgendwann ein sch\u00f6nes Haus und ein perfektes Kind zu haben.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Elisabeth Ronson hatte gute zw\u00f6lf Jahre bei der TIMES gearbeitet, ehe sie nach Sparma\u00dfnahmen entlassen, niemand spricht davon, mit Erfolg Sachb\u00fccher ver\u00f6ffentlichte. Da ihr Mann Andrew f\u00fcr seine anstehende Erfindung eine Stelle an einer Universit\u00e4t gut 400 km entfernt von Brooklyn ergattern konnte, entschlie\u00dfen sich die Ronsons zum Umzug in ein ansehnliches Haus mit Garten. Immerhin gibt ja auch noch Gilbert, beider Baby das Elisabeths Leben ziemlich durcheinandergewirbelt hat. Unweit der neuen Wohnst\u00e4tte leben auch noch Andrews Eltern, die sich allerdings kaum bei der Enkelbetreuung einbringen. Elisabeths Eltern haben Gilbert dagegen noch nie gesehen. Elisabeths Kindheit mit Schwester Charlotte war von der ungl\u00fccklichen Ehe der Eltern, ihren Scheidungen und Vers\u00f6hnungen gepr\u00e4gt. Alle Defizite kleistert Elisabeths Vater mit Unmengen von Geld zu. Um sich davon freizumachen, hat Elisabeth ihr Studium selbst finanziert. Dass Elisabeth in der Provinz gelandet ist, bezeugt ihr erster Besuch in einem Buchclub, zu dem die Nachbarinnen sie eingeladen haben. Wird \u00fcber das von allen wohl kaum gelesene Buch ein paar Minuten auf niedrigstem Niveau debattiert, so f\u00fcllt die verbleibende Zeit Klatsch und Tratsch.<br \/>\nIn der Einsamkeit des Hauses und Ortes sehnt sich die nicht mehr ganz so junge Mutter, ihre Freundin lebt weiterhin in New York, nach einer Freundin. Als sie die mittellose Kunststudentin Sam, die gut zwanzig Jahre j\u00fcnger als Elisabeth ist, in ihr und Gils Leben l\u00e4sst, beginnt eine langsame Ann\u00e4herung der beiden unterschiedlichen, sich <em>\u201efremd\u201c<\/em> bleibenden Freundinnen.<br \/>\nSo wie Elisabeth Sams Talent zum Zeichnen bewundert, so staunt Sam \u00fcber den erlesenen Geschmack und die teure wie elegante Einrichtung des Hauses.<\/p>\n<p>Wie wohl jede gut betuchte Amerikanerin sucht Elisabeth ihre Therapeutin auf und verbringt viel zu viel Zeit im Internet, in der Gruppe BK Mamas. Durch Sams Dienste kann sie ein kleines B\u00fcro mieten, um endlich an ihrem vertraglich eingeforderten dritten Sachbuch zu schreiben.<br \/>\nSind die einen finanziell abgesichert, so k\u00e4mpfen die anderen um ihren Status in der Gesellschaft.<br \/>\nIn diesem Roman um Freundschaft und vor allem Geld erz\u00e4hlt jeder immer nur die halbe Wahrheit. So leiht Elisabeth ihrer Schwester Charlotte, die irgendwo in der Karibik ihre Fotos f\u00fcr Instagram postet, einen Haufen Geld, damit sie dieses nicht beim Vater borgen muss. In stummer Annahme, dass der Schwesternbund gegen den Vater h\u00e4lt, verschweigt Charlotte Elisabeth, dass der Vater ihr gesamtes oberfl\u00e4chliches Leben sponsert. Der Hohn ist, dass sie zu ihren k\u00f6rperbetonten Fotos auch noch dumm-d\u00e4mliche Weisheiten beisteuert. Die Geldreserve der Ronsons, so hoffte Andrew, sollte eigentlich seinen Eltern zugute kommen, die demn\u00e4chst ihr Haus verkaufen m\u00fcssen. George, Andrews Vater musste seine kleines Fahrunternehmen aufgeben und nun bei Uber als Fahrer arbeiten. Die Idee, dass man durch Bildung und Arbeit aufsteigen k\u00f6nnte, erledigt sich bei vielen Figuren dieses Seiten starken Romans relativ schnell. Mag Sam noch so naiv sein und nicht erkennen, woher eigentlich Elisabeth Selbstbewusstsein und innere Ruhe stammt, so strampelt sich ihre eigene Familie ab und erwartet noch von der Tochter Unterst\u00fctzung. Aus der Klassenzugeh\u00f6rigkeit auszubrechen, bleibt ein fast unm\u00f6gliches Unterfangen.<\/p>\n<p>In vielen kleinen Szenen, die manchmal tragikomisch die Familie, aber auch das gro\u00dfe Ganze beschreibt, spiegelt sich das gesellschaftliche Bewusstsein der USA. So bestellt man eben bei Amazon, obwohl man das nie vor seinen Freunden zugeben w\u00fcrde. So bel\u00e4chelt man den Schwiegervater, der doch etwas obsessiv erkannte hat, dass die USA nicht mehr das einflussreichste Land ist. Seine sezierende Gesellschaftskritik trifft auf die Zeit vor Donald Trump zu und erkl\u00e4rt vielleicht die Unzufriedenheit unter Obama.<\/p>\n<p>Soziale, wie finanzielle Sicherheit, aber auch Schuldenlast durch Bildung, eine schlechte Gesundheitsversorgung und Kinderbetreuung und den Zukunftsglauben der Amerikaner thematisiert die amerikanische Autorin in diesem sehr gut lesbaren Roman. Mag ein Riss im Haus von Elisabeth versteckt sein, den sie erst sp\u00e4t entdeckt, so zieht sich dieser durch die Gesellschaft. Auff\u00e4llig bleibt die seltsame Oberfl\u00e4chlichkeit, die sich nicht nur in der amerikanischen Community breitmacht. Niemand liest mehr B\u00fccher, obwohl so viele ver\u00f6ffentlicht werden, sondern surft lieber stundenlang durch die Weiten des Internets und liest Fragen von irgendwelchen verunsicherten M\u00fcttern.<br \/>\nMeinungen stehen \u00fcber wissenschaftlichen Erkenntnissen und L\u00fcgen sind die neuen Wahrheiten.<br \/>\nDer seltsame Freundschaftsbund zwischen der sympathischen Sam, die in der Woche f\u00fcr Elisabeth arbeitet und am Wochenende zum Essen kommt, um mit ihr eine Serie zu schauen, ger\u00e4t durch Halbwahrheiten in eine Schieflage. Auch Sams \u00e4lterer Londoner Freund, der kaum Geld verdient, erz\u00e4hlt nie die ganze Wahrheit \u00fcber seine Vergangenheit.<\/p>\n<p>Erfrischend ist bei J. Courtney Sullivan, die wirklich gut beobachtet, ihr Humor oder vielleicht eher die sarkastischen Gedanken, die manchmal Elisabeth durch den Kopf gehen. Als ihr Mann den Schwiegereltern erz\u00e4hlt, dass seine Frau nun endlich wieder arbeiten k\u00f6nne, da sie Sam f\u00fcr Gil gefunden hat, entsteht eine peinliche Pause.<\/p>\n<p><em>\u201e.. und Elisabeth fragt sich, ob sie gekr\u00e4nkt sein sollte. Aus seinem Munde klang es, als w\u00fcrde sie seit vier Monaten den Tag auf einer Luftmatratze im Pool treiben und Pi\u00f1a Coladas schl\u00fcrfen.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Auf jeden Fall empfehlenswert!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J. Courtney Sullivan: Fremde Freundin, Aus dem Englischen von Andrea O&#8217;Brien und Jan Sch\u00f6nherr, Paul Zsolnay Verlag, M\u00fcnchen 2021, 528 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-552-07251-0 \u201eSam war baff. Das bisher unbekannte Puzzlest\u00fcck lie\u00df Elisabeth in einem ganz anderen Licht erscheinen. 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