{"id":392,"date":"2019-06-22T13:08:47","date_gmt":"2019-06-22T11:08:47","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=392"},"modified":"2019-06-22T13:08:47","modified_gmt":"2019-06-22T11:08:47","slug":"das-ganz-und-gar-unbedeutende-leben-der-charity-tiddler","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/das-ganz-und-gar-unbedeutende-leben-der-charity-tiddler\/","title":{"rendered":"Das ganz und gar unbedeutende Leben der Charity Tiddler"},"content":{"rendered":"<p><strong>Marie-Aude Murail: Das ganz und gar unbedeutende Leben der Charity Tiddler, Aus dem Franz\u00f6sischen von Tobias Scheffler, S.Fischer Verlag, 571 Seiten, \u20ac16,95, 978-3-596-85443-1<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eUnd pl\u00f6tzlich sah ich mich so, wie ich war: Ich kniete und sprach mit einem Kaninchen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Charity Tiddler k\u00f6nnte Beatrice Potter sein, ist sie aber nicht. Die franz\u00f6sische Autorin Marie-Aude Murail erz\u00e4hlt eine fiktive Biographie in weiten Teilen. Bei den Tiergeschichten und den Passagen, in denen es um ihre heute englischen Kinderklassiker geht, kommt sie der wahren Erfolgsgeschichte der bekannten englischen Autorin allerdings sehr nah.<br \/>\nnCharity lebt als ziemlich einsames, nicht sehr attraktives Kind, ihre beiden Schwestern sind fr\u00fch verstorben, in einem gro\u00dfen, wohlhabend ausgestatteten Haus, umgeben von ihrem Hauspersonal einschlie\u00dflich schottischem Kinderm\u00e4dchen Tabitha. Sie erz\u00e4hlt ihr herrlich gruselige Geschichten und ekelt sich vor den Tieren, die Charity in ihr Zimmer schmuggelt. Bevor ein Kaninchen geschlachtet werden soll, darf es kurzzeitig bei Charity wohnen. Tabitha nennt es recht zynisch Pastete.<\/p>\n<p>Nachdem Charity in der Bibliothek ihres Vaters, nat\u00fcrlich unerlaubt, Shakespeares \u201eHamlet\u201c entwendet und auswendig lernt, reist endlich die franz\u00f6sische Gouvernante Blanche an, um Charity zu unterrichten. Inzwischen hat sich Charity jedoch bereits wissenschaftlich bet\u00e4tigt. Sie beobachtet die Verhaltensweisen ihrer Tiere und schreibt alles auf. <em>\u201eIch h\u00e4tte einen h\u00f6chst annehmbaren kleinen Jungen abgegeben, aber ich war ein hoffnungsloses M\u00e4dchen.\u201c<\/em><br \/>\nAber Charity wirkt unter ihren Altersgenossen auch wie ein Freak, denn sie ist zwar sch\u00fcchtern, redet ab in Shakespeare Versen und schleppt ihre Tiere \u00fcberall hin mit.<br \/>\nBei Mademoiselle Blanche lernt Charity eher lustlos die franz\u00f6sische Sprache und das Klavierspiel, wof\u00fcr sie absolut unbegabt ist. Aber Blanche begeistert Charity f\u00fcr&#8217;s Zeichnen und Aquarellieren. Mit Eifer h\u00e4lt das M\u00e4dchen ihre Tiere in allen m\u00f6glichen Posen fest und denkt sich dann sp\u00e4ter f\u00fcr die Kinder ihrer Umgebung kleine Geschichten \u00fcber Peter, ihr Lieblingskaninchen, aus.<\/p>\n<p>Charity erlebt nicht viel. Sie besucht ihre Verwandten, nimmt sich vor mit den Cousinen mehr Kontakt zu haben, sp\u00fcrt aber, wie hohl viele Gespr\u00e4che ablaufen.<\/p>\n<p>In der steifen, von Konventionen gepr\u00e4gten Gesellschaft, in der sie aufw\u00e4chst, wird nicht viel gesprochen. Die Frauen leiden zeitweilig an Nervenkrankheiten oder eher \u00dcberempfindlichkeiten und die M\u00e4nner gehen zum Fliegenfischen und wundern sich, wenn Menschen von ihrer H\u00e4nde Arbeit leben m\u00fcssen. Charity hat zu ihren Eltern eine distanzierte Beziehung, so wie sie sie kaum als Kind wahrnehmen. Als Charity eine junge Frau wird, belagert die Mutter sie mit ihrer Eifersucht, eine Beziehung oder ein vertrauensvolles Verh\u00e4ltnis findet sie nie zu ihr. Allein der Gedanke, dass Charitys B\u00fccher verkauft werden, ist der Mutter suspekt.<\/p>\n<p>Als sich Charity mit ihrem Cousin Philipp anfreundet, kommen sich auch deren Lehrer, Mademoiselle Blanche und Herr Schmal n\u00e4her. Oft treffen sie sich im Naturgeschichtlichen Museum. Neben all den Cousinen und Cousins taucht auch Kenneth Ashley auf, dessen Mutter mit Charitys Tante bekannt ist. Er zieht alle Aufmerksamkeit der jungen M\u00e4dchen auf sich. Es wird behauptet, er mache eine Banklehre in London, dabei reist er als Schauspieler durchs Land.<br \/>\nCharity lebt auf, wenn sie im Sommer mit der Familie in Dingley Bell sein darf. Sie unternimmt lange Spazierg\u00e4nge, zeichnet und bildet ihren Geist.<br \/>\nMit Hilfe von Charity finden sich Blanche und Herr Schmal \u00fcber viele Umwege und sie werden es auch sein, die der jungen Frau Mut machen, ihre eigenen selbstillustrierten Geschichten zu ver\u00f6ffentlichen. Immer dreht sich alles bei den jungen Frauen ums Heiraten. Auch Charity wird davon nicht verschont. H\u00e4lt der Verlegersohn um ihre Hand an, so wird sie sich doch f\u00fcr jemand anderen entscheiden.<\/p>\n<p>Wie in einem Jane Austen Roman h\u00e4lt Marie-Aude Murail der englischen Gesellschaft mit ihrem trockenen Humor einen Spiegel vor. Allein die kurzen Dialoge zwischen den Eltern von Charity zeigen ihre hohe Kunst.<\/p>\n<p><em>\u201eMAMA: Aber, Albert, ich glaube, es ist das zweite Mal, dass sie ( das Hausm\u00e4dchen der Familie, Gladys ) ihre Mutter begr\u00e4bt.\\r\\nPAPA: Besser, man macht die Dinge richtig.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Es ist nicht leicht, in diese im ersten Lesemoment so angestaubt wirkende Lebensgeschichte einzusteigen, doch nach einigen Seiten \u00e4ndert sich das. Marie-Aude Murail kann unterhaltsam, wie komisch erz\u00e4hlen, Figuren genau charakterisieren und sicherlich zeichnet sie kein unbedeutendes Leben, denn Charity verhelfen Talent, ihre eigene selbstlose Art und die Liebe zu einem hoffentlich gl\u00fccklichen Dasein in einer steifen und nur aufs Geld orientierten Gesellschaft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marie-Aude Murail: Das ganz und gar unbedeutende Leben der Charity Tiddler, Aus dem Franz\u00f6sischen von Tobias Scheffler, S.Fischer Verlag, 571 Seiten, \u20ac16,95, 978-3-596-85443-1 \u201eUnd pl\u00f6tzlich sah ich mich so, wie ich war: Ich kniete und sprach mit einem Kaninchen.\u201c Charity&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/das-ganz-und-gar-unbedeutende-leben-der-charity-tiddler\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-392","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-belletristik"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/392","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=392"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/392\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":394,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/392\/revisions\/394"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=392"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=392"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=392"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}