{"id":3814,"date":"2021-05-14T18:02:53","date_gmt":"2021-05-14T16:02:53","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=3814"},"modified":"2021-05-14T18:02:53","modified_gmt":"2021-05-14T16:02:53","slug":"ueber-menschen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/ueber-menschen\/","title":{"rendered":"\u00dcBER MENSCHEN"},"content":{"rendered":"<p><strong>Juli Zeh: \u00dcber Menschen, Luchterhand Verlag, M\u00fcnchen 2021, 412 Seiten, \u20ac 17,99, 978-3-630-87667-2<\/strong><\/p>\n<p><code><br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3630876676\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3630876676&amp;linkCode=as2&amp;tag=wwwkarinhahnr-21&amp;linkId=447b7cd7f6c343ab8d1c62972eeb5055\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" src=\"\/\/ws-eu.amazon-adsystem.com\/widgets\/q?_encoding=UTF8&amp;MarketPlace=DE&amp;ASIN=3630876676&amp;ServiceVersion=20070822&amp;ID=AsinImage&amp;WS=1&amp;Format=_SL250_&amp;tag=wwwkarinhahnr-21\" border=\"0\" \/><\/a><\/code><\/p>\n<p><em>\u201eAu\u00dferdem sp\u00fcrt sie Verwunderung. Als blickte sie auf die geheime Unterseite der Nation. Kaum zu glauben, dass sich ein stinkreiches Land Regionen leistet, in denen es nichts gibt. Keine \u00c4rzte, keine Apotheken, keine Sportvereine, keine Busse, keine Kneipen, keine Kinderg\u00e4rten oder Schulen. Keinen Gem\u00fcseladen, keinen B\u00e4cker, keinen Fleischer. Regionen, in denen die Rentner nicht von der Rente leben k\u00f6nnen und junge Frauen Tag und Nacht arbeiten m\u00fcssen, um ihre Kinder zu versorgen. \u2026 Ansonsten erwartet man, dass alle klaglos funktionieren. Wer aufbegehrt, wird verunglimpft, als dummer Bauer, als Irgendwas-Leugner oder gleich als Demokratiefeind. Irgendwer, denkt Dora, hat Deutschland die AFD beim Universum bestellt und bekommen.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Starker Tobak, den Juli Zeh, sie wohnt selbst im Brandenburger Land, da auff\u00e4hrt.<br \/>\nDem Zeitgeist folgend l\u00e4sst die bekannte Autorin ihre Hauptfigur Dora aus Berlin-Kreuzberg mit ihrer H\u00fcndin Jochen der Rochen in ein fiktives Dorf namens Bracken in der Prignitz gelegen ziehen. Hier hat die Sechsunddrei\u00dfigj\u00e4hrige, aus deren Sicht erz\u00e4hlt wird, in einem typische Stra\u00dfendorf ein ehemaliges Gutsverwalterhaus mit 4000 m\u00b2 verwilderter Brachfl\u00e4che gekauft. Wie man einen Gem\u00fcsegarten anlegt, erf\u00e4hrt die Werbetexterin aus dem Internet. Nachdem ihre Beziehung mit Robert, dem sie jegliche Gefolgschaft verweigerte, zerbrochen ist, erhofft sie sich einen neuen Lebensabschnitt mitten in der Pampa. Unertr\u00e4glich wurde Roberts nervige Hysterie zuerst rund den Klimaschutz und sp\u00e4ter die aufgesetzte Panik angesichts einer m\u00f6glichen Virusansteckung. Er, der als Freiberufler sowieso zu Hause arbeitet, konnte nicht ertragen, dass auch Dora nun im Home-Office t\u00e4tig ist. Erstaunlich bleibt, dass zwei erwachsene Menschen es in einer \u00fcber 80 m\u00b2 gro\u00dfen Wohnung nicht schaffen, sich aus dem Weg zu gehen.<\/p>\n<p><em>\u201eFest steht, das alle Angst haben und dabei meinen, das nur die eigene Angst die richtige sei. Die einen f\u00fcrchten sich vor \u00dcberfremdung, die anderen vor der Klimakatastrophe. Die einen vor der Pandemie, die anderen vor der Gesundheitsdiktatur. Dora f\u00fcrchtet, dass die Demokratie am Kampf der \u00c4ngste zerbricht. Und genau wie alle anderen glaubt sie, dass alle anderen verr\u00fcckt geworden sind. Das ist so verdammt anstrengend. Wie viel einfacher w\u00e4re es, eine Seite zu w\u00e4hlen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ohne wirkliche Freunde und fern jeglicher Landhausromantik tr\u00e4umt sich Dora gern zu Alexander Gerst ins Weltall. Die Probleme der blauen Erde von oben weit fort betrachten und einfach schweigen. Doch nun sitzt Dora, die sich um ehrlich zu sein, gerade in der Corona-Krise mit Luxusproblemen herumschl\u00e4gt, nun in der Provinz fest. Nachdem ihr der Job in einer lapidaren, fast standardm\u00e4\u00dfig aufgesetzten E-Mail mitgeteilt wird, wendet sich allerdings das Blatt.<\/p>\n<p>In ironisch-sarkastisch spitzen Formulierungen ergeht sich Juli Zeh in ihrer Beschreibung des abgehobenen Milieus der Werbeagenturenwelt mit ihren aufgesetzt l\u00e4cherlichen englischen Slogans ( nichts ist aufdringlicher als schlecht gemachte Werbung ) und des Prekariats der Intellektuellen, die die Wahrheit, wie auch immer sie ihrer Meinung auszusehen hat, f\u00fcr sich gepachtet haben.<br \/>\nIn Bracken wird Dora nun mit der hiesigen Landbev\u00f6lkerung konfrontiert, und wie vorauszusehen ist, auch mit dem Dorf-Nazi namens Gote, der gleich nebenan hinter einer Mauer in einem Bauwagen haust.<br \/>\nSchnell verf\u00e4llt Juli Zehs Hauptfigur in ihre sogenannte Rassismus \u2013 Starre, wenn sie bemerkt, dass die Nachbarn offensichtlich AFD ( wenn auch nur aus Protest ) w\u00e4hlen, ausl\u00e4nderfeindliche Witze zum besten geben und das Horst Wessel \u2013 Lied lauthals singen. Dora ist in der moralischen Falle. Finanziell kann sie keine gro\u00dfen Spr\u00fcnge mehr machen, womit an Flucht aus dem braunen Sumpf nicht mehr zu denken ist. Und hier kippt die ganze Geschichte, denn die rechts gesinnten Nachbarn sind auch ziemlich normale Menschen in all ihrer Widerspr\u00fcchlichkeit und in ihrem Pragmatismus.<br \/>\nDa wird nicht lang gefragt, sondern Dora in vielerlei Hinsicht geholfen. Zwar bleibt der Umgangston etwas r\u00fcde und doch packen die Nachbarn an und helfen der St\u00e4dterin, die seltsam stur auf ihre Unabh\u00e4ngigkeit pocht, allerdings allein und mit Youtube sicher nicht weiterkommt.<br \/>\nSicher kann der Leser die Brackener Nachbarn, die auch untereinander nicht gerade dicke Freunde sind, nicht ins Herz schlie\u00dfen und doch beginnt so ein langsamer Prozess der Ann\u00e4herung.<br \/>\nDa stellt Gote Dora einfach mal ein Bett ins Haus, da sie ja keins hat. Alle, die den Ort nicht verlassen haben, kennen Doras Haus, denn es war einst ihr Kindergarten. Wie die Lebensumst\u00e4nde der Leute auf dem Land gerade in einzelnen Regionen in Brandenburg ist, hat Dora kaum vor ihrem Einzug recherchiert. Nicht alle haben die M\u00f6glichkeit in die Stadt auszuweichen, wenn das Land einfach mal nervt. Denn hier f\u00e4hrt der Bus nun mal in riesigen Zeitabst\u00e4nden und ohne Auto ist jeder aufgeschmissen.<br \/>\nEin einsames Kind, Franzi, l\u00e4uft Dora dann auch noch \u00fcber den Weg. Gotes Tochter wurde von der Mutter, die von Gote getrennt lebt, aufs Land geschickt.<\/p>\n<p>Unbedachte S\u00e4tze auf Kosten anderer Menschen, Hasstiraden ( eine Raumforderung in einer Region, die mehr davon hat als man sich vorstellen kann ), Empfindsamkeit ( der Dorf-Nazi kann nicht in dem Haus leben, in dem er mal mit seiner Frau gl\u00fccklich war ), Wutattacken, Provinzialismus und wahre soziale Probleme krachen in diesem Roman in klaren Dialogen gnadenlos aufeinander. In dieser Geschichte zur Zeit der ersten Welle der Pandemie, in der Dora mittendrin steht, kann sie nur eins: sich menschlich verhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Juli Zeh: \u00dcber Menschen, Luchterhand Verlag, M\u00fcnchen 2021, 412 Seiten, \u20ac 17,99, 978-3-630-87667-2 \u201eAu\u00dferdem sp\u00fcrt sie Verwunderung. Als blickte sie auf die geheime Unterseite der Nation. 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