{"id":3808,"date":"2021-05-14T17:39:35","date_gmt":"2021-05-14T15:39:35","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=3808"},"modified":"2021-05-14T17:39:35","modified_gmt":"2021-05-14T15:39:35","slug":"der-verdacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/der-verdacht\/","title":{"rendered":"DER VERDACHT"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ashley Audrain: Der Verdacht, Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Penguin Verlag, M\u00fcnchen 2021, 320 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-328-60144-9<\/strong><\/p>\n<p><code><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B08MCBY3ZG\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B08MCBY3ZG&amp;linkCode=as2&amp;tag=wwwkarinhahnr-21&amp;linkId=79c9302f88cf62f768cbd630663518fb\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" border=\"0\" src=\"\/\/ws-eu.amazon-adsystem.com\/widgets\/q?_encoding=UTF8&amp;MarketPlace=DE&amp;ASIN=B08MCBY3ZG&amp;ServiceVersion=20070822&amp;ID=AsinImage&amp;WS=1&amp;Format=_SL250_&amp;tag=wwwkarinhahnr-21\"><\/a><\/code><\/p>\n<p><em>\u201eIch wollte den Namen unserer Tochter nicht laut aussprechen m\u00fcssen, solange ich dort war. Ich hatte mich auf diesen Aufenthalt eingelassen, um von ihr wegzukommen. Ich hatte nicht vor, \u00fcber sie zu reden oder \u00fcber dich oder dar\u00fcber, wie verkorkst meine Mutter war. Ich hatte ein totes Kind. Ich wollte blo\u00df in Ruhe gelassen werden.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Blythe sitzt mit einem dicken Papierstapel auf dem Beifahrersitz in ihrem Auto und beobachtet von ihrem Standort aus eine gl\u00fcckliche Familie. Sie wollte schon immer Schriftstellerin werden und hat nun ihre eigene Geschichte aufgeschrieben, denn die Familie, die sie am Abend betrachtet, ist ihr Ex-Mann Fox, seine neue Frau, deren gemeinsamer Sohn und ihre Tochter Violet. In ihren R\u00fcckblicken auf ihre eigene Familie und das Leben mit Fox spricht sie ihren einstigen Ehemann direkt an.<\/p>\n<p>Alles l\u00e4uft gut zu Beginn. Blythe heiratet Fox und ihnen ist klar, sie wollen Kinder. Allerdings schaut Blythe, die mit zw\u00f6lf Jahren von ihrer Mutter Cecilia verlassen wurde, auf eine fast schon schicksalhafte Kette von unf\u00e4higen Frauen in ihrer Familie zur\u00fcck. Ihre Gro\u00dfmutter Etta zeigt so wie Cecilia keine Zuneigung zu ihrer Tochter, sperrt sie im Keller ein und schafft es nicht, das Kind wieder zu erl\u00f6sen. Von qualvolle Schweigestrafen, k\u00f6rperlichen \u00dcbergriffen, Dem\u00fctigungen, Tage ohne Essen im K\u00fchlschrank bis hin zu Erinnerungen an schwache V\u00e4ter reichen die R\u00fcckblenden, die Blythe alle minuti\u00f6s aufzeichnet. Etta versinkt in ihrer Depression und nimmt sich das Leben, Cecilia verl\u00e4sst die Familie, ohne sich je f\u00fcr ihre Tochter zu interessieren. Die Ehem\u00e4nner arbeiten weiter, gesprochen wird nie in diesen Familien. Blythe hat das Gl\u00fcck, dass eine Nachbarin das M\u00e4dchen umsorgt und versteht, was es durchmacht.<br \/>\nAuch in Blythes neuer Kleinfamilie setzt sich die Tragik fort. F\u00fcr Fox ist Blythe die Mutter, die wei\u00df, was es hei\u00dft, eine Mutter zu sein. Seine eigene Mutter hat immer funktioniert. Sie ist im Muttersein aufgegangen, hat sich um alles gek\u00fcmmert, die Kinder versorgt und geliebt, als w\u00fcrde dies einfach automatisch ablaufen. Doch Blythe hadert mit dem Muttersein. Sie hat ein Kind, dass sie fordert, sie nicht schlafen l\u00e4sst, sie von ihrer geistigen Arbeit abh\u00e4lt. Blythe hasst es, einfach nur noch Mutter zu sein, auch in Fox&#8216; Augen. Geredet wird kaum, als w\u00fcrde alles schon irgendwie gut gehen. Als Fox eines Tages fr\u00fcher nach Hause kommt und bemerkt, dass Violet gut eineinhalb Stunden gebr\u00fcllt hat und ihre Mutter sie einfach mit Kopfh\u00f6rern auf den Ohren ignorierte, um Schreiben zu k\u00f6nnen, regt sich auch in Blythe das wahrhaft schlechte Gewissen. Als w\u00fcrde das Kind die Distanz der Mutter akzeptieren, verweigert es jegliche Zuneigung zu ihr. Diese emotionale K\u00e4lte scheint jedoch schon die Nachtschwester, im ersten Jahr in den Augen des Babys zu sehen. Woher kommt Violets zunehmende Aggressivit\u00e4t und der Hass gegen die Mutter und sp\u00e4ter gegen kleinere Kinder?<\/p>\n<p>Sofort denkt man beim Lesen an Lionel Shrivers Roman <em>\u201eWir m\u00fcssen \u00fcber Kevin sprechen\u201c<\/em>. Das B\u00f6se will niemand sehen.<\/p>\n<p>Fox kann nicht verstehen, dass seine Frau in seinem Kind etwas anderes sieht als er. Nach dem Tod eines Jungen auf dem Spielplatz, in den auch Violet verwickelt ist, verdr\u00e4ngt Blythe jeglichen Gedanken daran. Sie bekommt ein zweites Kind, Sam. Er ist ihr gr\u00f6\u00dftes Gl\u00fcck. Auf einmal ist es da, das Muttergen, die Liebe zum Sohn. Hatte Blythe einst Angst vor ihrem eigenen Kind, das sie bei\u00dft, ihr bewusst wehtut, so liebt sie diesen Sohn \u00fcber alles.<br \/>\nDie v\u00f6llige Empathielosigkeit des Kindes will niemand wahrnehmen. Fox arbeitet an seinen Projekten als Architekt, ein altes Haus wird gekauft, in das Arbeit gesteckt werden muss. Fox und Blythe funktionieren als Versorger ihrer Kinder, aber nicht mehr als liebendes Paar.<br \/>\nAn den Nachmittagen, wenn Violet aus der Kita und sp\u00e4ter aus der Schule zur\u00fcckkehrt, dann empfindet Blythe ihren Alltag mit Sam wie ein Minenfeld. Die Vorzeichen sind da, aber niemand will sie sehen.<\/p>\n<p>Ashley Audrain erz\u00e4hlt in ihrem Roman, von einem Verdacht, der sich schnell verh\u00e4rtet, zumindest f\u00fcr ihre Erz\u00e4hlerin Blythe. Sie ist \u00fcberzeugt davon, dass ihre Tochter bewusst den Tod ihres Sohnes Sam herbeigef\u00fchrt hat. Doch wie lebt man damit? Doch was weckt das B\u00f6se in einem unschuldigen Kind oder ist es von Beginn an da? Wie entsteht diese Distanz zwischen Mutter und Kind und der Hass, aber auch das Auseinanderdriften der Ehepartner und deren Erwartungen?<\/p>\n<p>Wie die kanadische Autorin feinf\u00fchlig \u00fcber die Abgr\u00fcnde in Familien, das Schweigen und die auch widerspr\u00fcchliche Mutterschaft schreibt ist atemberaubend. Die Psychologie, die Alltagsbeobachtungen, die Figurenzeichnungen \u00fcberzeugen und lassen jeden Leser, nachdem er die Seiten des Buches bewegt zuklappt, nicht mehr los.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ashley Audrain: Der Verdacht, Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, Penguin Verlag, M\u00fcnchen 2021, 320 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-328-60144-9 \u201eIch wollte den Namen unserer Tochter nicht laut aussprechen m\u00fcssen, solange ich dort war. 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