{"id":3771,"date":"2021-05-14T12:08:35","date_gmt":"2021-05-14T10:08:35","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=3771"},"modified":"2021-05-14T12:08:35","modified_gmt":"2021-05-14T10:08:35","slug":"fremde-freunde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/fremde-freunde\/","title":{"rendered":"FREMDE FREUNDE"},"content":{"rendered":"<p><strong>Max K\u00fcng: Fremde Freunde, Kein &amp; Aber Verlag, Z\u00fcrich 2021, 500 Seiten; \u20ac25,00, 978-3-0369-5838-5<\/strong><\/p>\n<p><code><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B094717W9M\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B094717W9M&amp;linkCode=as2&amp;tag=wwwkarinhahnr-21&amp;linkId=f9614b0a6646e94cc565bba7160b56b5\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" border=\"0\" src=\"\/\/ws-eu.amazon-adsystem.com\/widgets\/q?_encoding=UTF8&amp;MarketPlace=DE&amp;ASIN=B094717W9M&amp;ServiceVersion=20070822&amp;ID=AsinImage&amp;WS=1&amp;Format=_SL250_&amp;tag=wwwkarinhahnr-21\"><\/a><\/code><\/p>\n<p><em>\u201eNach den letzten f\u00fcnf Tagen  musste er zugeben, dass er echt ein H\u00e4ndchen bewiesen hatte, und zwar eins f\u00fcrs Danebengreifen. Anstatt insolvente Interessenten hatte er eine Horde von Verr\u00fcckten in sein Haus eingeladen. Eine Esotante, einen erfolglosen Schauspieler, zwei Scheidungswillige.<br \/>\nVielleicht mussten Jaqueline und er eine zweite Casting-Runde starten, in den Fr\u00fchlingsferien \u2013 wenn bis dahin das Hausdach noch nicht eingest\u00fcrzt war.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Je \u00e4lter man wird, um so schwieriger wird es, wirklich Freunde zu finden. Vielleicht trinkt man mal ein Bier mit einem Sportkumpel oder trifft sich auf einen Kaffee mit einer Kollegin, aber Freundschaften entsteht eher selten. Doch der Frankophile Jean geht das Risiko ein. Er hat f\u00fcr eine Woche zwei Elternpaare, die er und seine Frau Jacqueline durch seinen zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Sohn Laurent kennengelernt haben, in den Herbstferien in sein gro\u00dfes Haus nach Frankreich eingeladen. Alle stammen aus Z\u00fcrich und so war der Weg in die franz\u00f6sische Grenzregion nicht weit. Am Rande eines Dorfes gleich an einem Kanal gelegen ist das hundertj\u00e4hrige Haus ein Schmuckst\u00fcck mit Garten und vielen Apfelb\u00e4umen. Diese gro\u00dfz\u00fcgige Einladung haben Jean und seine Frau jedoch nicht ohne Hintergedanken ausgesprochen. Beider Werbeagentur l\u00e4uft nicht mehr besonders und einen Mitinvestor am Haus ben\u00f6tigen die beiden dringend, denn sie m\u00fcssen sich finanziell sehr einschr\u00e4nken. Die Dorfbev\u00f6lkerung interessiert das Schweizer Paar aus der guten Mittelschicht nicht sonderlich. Sie sind sich selbst genug und konzentrieren sich auf die Bewirtung ihrer G\u00e4ste, die wie Gott in Frankreich schlemmen sollen.<br \/>\nAlle sechs Erwachsenen verbringen nun zum ersten Mal Zeit miteinander und kaum angekommen, entstehen auch schon die ersten Animosit\u00e4ten. Jean hatte von jedem Paar eine bestimmte Vorstellung, doch nach und nach br\u00f6ckeln die Fassaden. Der Zahnarzt Bernhard ertr\u00e4gt den extrovertierten wie geschw\u00e4tzigen Schauspieler Filipp nur in Ma\u00dfen, die feinsinnige S\u00e4ngerin Salome sch\u00e4mt sich f\u00fcr ihren teils auch vulg\u00e4ren Mann Filipp, Jean will es allen recht machen, kocht die besten Paul Bocuse-Gerichte und gibt sich gener\u00f6s. Veronika, die d\u00fcnne und unterk\u00fchlte Frau von Bernhard, nervt die pausenlose Esserei, die geschmacklose Einrichtung des Hauses und die simple, st\u00e4ndig l\u00e4chelnde Jacqueline. Diese \u00e4rgert, dass Veronika nicht mal den Tisch mit abr\u00e4umt und sich auf keine Gespr\u00e4che wirklich einl\u00e4sst.<br \/>\nDie Schulfreunde Laurent, Quentin und Denis verschanzen sich hinter ihren Computerspielen und verlassen nur unter Protest das Zimmer.<\/p>\n<p>Der Schweizer Autor Max K\u00fcng f\u00e4ngt auf ab und zu doch witzige wie unterhaltsame Weise den Zeitgeist ein und gibt allen plastischen Figuren eine innere Stimme. Bestimmte Momente, ob in Gesellschaft oder allein, l\u00f6sen Erinnerungen und Reflexionen \u00fcber Vergangenes bei allen aus. So erf\u00e4hrt der Leser mehr \u00fcber die G\u00e4ste als der Gastgeber Jean und schnell wird klar, dass sein ausgekl\u00fcgelter Plan nicht funktionieren kann. Veronika und Bernhard leben nach vierzehn Jahren Ehe in Scheidung. Sie mimen das harmonische Paar f\u00fcr den Sohn. Filipp und Salome sind nicht verheiratet, haben aber zwei Kinder und scheinen gl\u00fccklich zu sein. Als nicht gerade erfolgreicher Schauspieler hat Filipp Aff\u00e4ren und lebt stolz eher mit Existenz\u00e4ngsten, als dass er auch mal einen Werbespot drehen w\u00fcrde. Was nicht gerade seine Selbstbewusstsein f\u00f6rdert ist die Tatsache, dass Salomes extrem reiche Eltern trotz Aversionen gegen den Schwiegersohn die Familie finanziell \u00fcber Wasser halten. Die leicht esoterisch angehauchte, leicht versponnene, auf Perfektion getrimmte Salome scheint in ihrer eigenen Welt zu leben. Filipp erkennt langsam, dass er Salome doch heiraten sollte. Nicht aus Liebe, aber aus dem Kalk\u00fcl heraus, dass sie als Einzelkind einmal wirklich viel Geld erben wird.<br \/>\nSympathisch kann man die Gruppe nicht unbedingt finden. In Gespr\u00e4chen und auch alkoholisiert offenbaren sie vieles, was die Generation der 40-J\u00e4hrigen belastet und ihren Alltag bestimmt. So f\u00fcttern die M\u00fctter ihre S\u00f6hne mit Pillen, damit sie sich besser konzentrieren k\u00f6nnen und das Gymnasium schaffen.<br \/>\nSehr langsam geschehen dann von Tag zu Tag seltsame Dinge im Haus. Pl\u00f6tzlich liegt eine tote Ratte im Bad, Salomes Kette verschwindet, die Haust\u00fcr steht nach einem Ausflug sperrangelweit offen, Filipps Auto wurde mit Farbe unfl\u00e4tig beschmiert und dann erklingt eines Nachts laute Musik und niemand im Haus hat den Plattenspieler bedient. Panik entsteht!<\/p>\n<p>In kurzen Kapiteln erz\u00e4hlt Max K\u00fcng die Geschichte dieser Herbstferien, in denen die Natur aufbl\u00fcht, die \u00c4pfel reif sind und sich langsam der Winter anschleicht. Einer Inselsituation gleich verbringen drei Familien ihre Ferien in einem Haus und bleiben sich doch fremd. Engstirnigkeit und Bitternis treffen auf Gutm\u00fctigkeit und Schauspielerei. Jeder stellt nach au\u00dfen etwas dar, was er in Wirklichkeit nicht ist. Zu einem Team wachsen die sechs Erwachsenen nicht zusammen, auch nicht in der Gefahr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Max K\u00fcng: Fremde Freunde, Kein &amp; Aber Verlag, Z\u00fcrich 2021, 500 Seiten; \u20ac25,00, 978-3-0369-5838-5 \u201eNach den letzten f\u00fcnf Tagen musste er zugeben, dass er echt ein H\u00e4ndchen bewiesen hatte, und zwar eins f\u00fcrs Danebengreifen. 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