{"id":3738,"date":"2021-04-10T13:23:01","date_gmt":"2021-04-10T11:23:01","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=3738"},"modified":"2021-04-10T13:23:01","modified_gmt":"2021-04-10T11:23:01","slug":"die-verlassenen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/die-verlassenen\/","title":{"rendered":"DIE VERLASSENEN"},"content":{"rendered":"<p><strong>Matthias J\u00fcgler: Die Verlassenen, Penguin Verlag, M\u00fcnchen 2021, 170 Seiten, \u20ac18,00, 978-3-328-60161-6 <\/strong><br \/>\n<code><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B08MCBYXR9\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B08MCBYXR9&amp;linkCode=as2&amp;tag=wwwkarinhahnr-21&amp;linkId=c5ed6d39fd274a78aefb0090e118e547\" rel=\"noopener noreferrer\"><img border=\"0\" src=\"\/\/ws-eu.amazon-adsystem.com\/widgets\/q?_encoding=UTF8&amp;MarketPlace=DE&amp;ASIN=B08MCBYXR9&amp;ServiceVersion=20070822&amp;ID=AsinImage&amp;WS=1&amp;Format=_SL250_&amp;tag=wwwkarinhahnr-21\"><\/a><\/code><\/p>\n<p><em>\u201e Ich habe mich l\u00e4ngst mit der Gewissheit angefreundet, dass ich nie alles verstehen werde und dass es Dinge gibt, die f\u00fcr immer im Verborgenen bleiben. Daran denke ich zum Beispiel, wenn sich jemand aus heiterem Himmel nicht mehr meldet und eine Verbindung gewachsen \u00fcber Jahre, sich pl\u00f6tzlich l\u00f6st. Ich f\u00fchle mich au\u00dferstande, den ersten Schritt zu tun, aus Scham, wie ich eingestehen muss, und auch aus Angst, ich k\u00f6nnte das Offensichtliche nicht sehen \u2013 n\u00e4mlich dass er oder sie einfach keinen Kontakt mehr m\u00f6chte.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Erinnerungen begleiten den in sich zur\u00fcckgezogen lebenden Johannes Wagner. Eingerichtet in einem langweiligen Job mit eigenem B\u00fcro in Halle an der Saale kann er bei sich bleiben, muss keine oberfl\u00e4chlichen Kontakte pflegen. Seinen Sohn Jasper sieht er alle vierzehn Tage, die Beziehung zu Katja ist zerbrochen. Immer wieder schweifen seine Gedanken in die Kindheit zur\u00fcck. Seine Mutter hatte Johannes 1986 verloren, da war er f\u00fcnf Jahre alt. Angeblich verstarb sie an einem Herzinfarkt. Allein mit seinem Vater gab es f\u00fcr den Jungen gute Momente, z.B. wenn sie zusammen im Auto Kriminalh\u00f6rspiele h\u00f6rten oder zusammen Musik h\u00f6rten. Aber der Vater zog sich auch immer wieder in sein Zimmer zur\u00fcck, arbeitete an seinen Manuskripten. Aus der Sehnsucht heraus dem Vater einen Gefallen zu tun, begeht der Sohn Fehler und kann die Folgen nicht verstehen. Nur der immer gut gelaunte Wolfgang, ein enger Freund des Vaters, muntert das Kind auf. Und dann, 1994, verl\u00e4sst der Vater seinen Sohn, da ist er dreizehn Jahre alt. Von Stunde an \u00fcberschattet eine Melancholie, die sich zu einer Depression ausweitet, das Leben des Johannes Wagner. Bei der Gro\u00dfmutter lebt der Junge ca. anderthalb Jahre, und als sie stirbt ist er noch ein Teenager. Er wird die Schule beenden, studieren, arbeiten.<br \/>\nDoch dann findet er im Nachlass seines Vaters einen Brief. Er l\u00e4sst sich krankschreiben und reist \u00fcber Rostock, Oslo nach Grimstad. Hier wird sich langsam der Schleier, der immer \u00fcber seiner Kindheit gelegen hat, schmerzlich l\u00fcften. Hier wird er Einblick in die Stasiakten seines Vater erlangen. Johannes Eltern hatten sich einem gesellschaftskritischen Lesekreis angeschlossen und mit ihren Protesten die Stasi alarmiert. Die \u00fcblichen Zersetzungsma\u00dfnahmen und operativen Vorg\u00e4nge setzten ein und zerst\u00f6rten nicht nur ein Leben.<br \/>\nMatthias J\u00fcgler hat eigens f\u00fcr den Roman, auch um die Authentizit\u00e4t der Geschichte zu unterst\u00fctzen, die Akten in sehr echt wirkenden Pseudofaksimiles dokumentiert. Fotos, handgeschriebene Berichte und Unterlagen mit der Schreibmaschine verfasst, offenbaren die auch anzuzweifelnden Berichte der Stasimitarbeiter.<\/p>\n<p>In einer eindringlichen Sprache wechselt Matthias J\u00fcgler die Erz\u00e4hlebenen zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Er hat eine Geschichte geschrieben, die zwar erfunden ist, im Kern jedoch wahr. Sie lehnt sich an die Erz\u00e4hlungen des Malers Moritz G\u00f6tze ( Widmung am Ende ) und den Erfahrungen der K\u00fcnstler zu DDR \u2013 Zeiten an. Wie die Leerstellen durch die Abwesenheit der Eltern die Kindheit und das sp\u00e4tere Leben eines Menschen pr\u00e4gen, zeigt der Autor auch durch den markanten Ton des Ich-Erz\u00e4hlers in literarisch genauen Bildern und Szenen.<br \/>\nAber er geht auch dar\u00fcber hinaus. Als Johannes durch die Einblick in die Stasiakten mehr \u00fcber seinen Vater und dessen Bespitzelung erf\u00e4hrt, gelingt ihm auch etwas, was \u00fcberraschend und bewundernswert ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matthias J\u00fcgler: Die Verlassenen, Penguin Verlag, M\u00fcnchen 2021, 170 Seiten, \u20ac18,00, 978-3-328-60161-6 \u201e Ich habe mich l\u00e4ngst mit der Gewissheit angefreundet, dass ich nie alles verstehen werde und dass es Dinge gibt, die f\u00fcr immer im Verborgenen bleiben. 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