{"id":3714,"date":"2021-01-27T09:37:48","date_gmt":"2021-01-27T08:37:48","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=3714"},"modified":"2021-01-27T09:37:48","modified_gmt":"2021-01-27T08:37:48","slug":"junge-frau-am-fenster-abendlicht-blaues-kleid","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/junge-frau-am-fenster-abendlicht-blaues-kleid\/","title":{"rendered":"JUNGE FRAU, AM FENSTER, ABENDLICHT, BLAUES KLEID"},"content":{"rendered":"<p><strong>Alena Schr\u00f6der: Junge Frau, am Fenster, stehend, Abendlicht, blaues Kleid, Deutscher Taschenbuch Verlag, M\u00fcnchen 2021, 368 Seiten , \u20ac22,00, 978-3-423-28273-4 <\/strong><br \/>\n<code><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B08F81NY9C\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B08F81NY9C&amp;linkCode=as2&amp;tag=wwwkarinhahnr-21&amp;linkId=09c8b6a17ca3d1788d35fce4514f63c0\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" border=\"0\" src=\"\/\/ws-eu.amazon-adsystem.com\/widgets\/q?_encoding=UTF8&amp;MarketPlace=DE&amp;ASIN=B08F81NY9C&amp;ServiceVersion=20070822&amp;ID=AsinImage&amp;WS=1&amp;Format=_SL250_&amp;tag=wwwkarinhahnr-21\"><\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=wwwkarinhahnr-21&amp;l=am2&amp;o=3&amp;a=B08F81NY9C\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\"><\/code><\/p>\n<p><em>\u201eSie hatte keinen Anspruch auf irgendetwas, erst recht keinen moralischen. Sie hatte ja nicht einmal das Naheliegende getan und ihre Gro\u00dfmutter mal nach ihrem Leben im Nationalsozialismus gefragt. Oder wenigstens ihre Mutter, als die noch lebte, denn die hatte das vermutlich sehr wohl getan.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Wenn die nicht gerade lebenspraktische Hannah ihre m\u00fcrrische, 94-j\u00e4hrige Gro\u00dfmutter Evelyn im Seniorenpalais im Berliner Westen besucht, dann stellt sich keine Harmonie ein. Evelyn ist genervt von allem, sogar von ihrer Enkelin. Als diese den Brief eines israelischen Anwalts, der auf Restitutionsverfahren f\u00fcr Kunstgegenst\u00e4nde spezialisiert ist, entdeckt, ist ihre Neugier geweckt. Ihr war nicht klar, dass sie j\u00fcdische Vorfahren hat und dass diese Anspr\u00fcche auf gestohlene Gem\u00e4lde gestellt haben. Hannah wird diese Spur als Kunsthistorikerin verfolgen und erkennen, wie schwierig es ist, verschwundene Kunst den urspr\u00fcnglichen Eigent\u00fcmern, so sie noch am Leben sind, zur\u00fcckzugeben.<br \/>\nHinzu kommt, dass Evelyn nicht bereit ist, \u00fcber ihre Mutter Senta und deren Lebensgeschichte zu sprechen.<br \/>\nHannah findet heraus, dass ihre Urgro\u00dfmutter Senta mit dem j\u00fcdischen Journalisten, Julius Goldmann, verheiratet war. Seine Eltern hatten einen Kunsthandel und wurden in den 1930er Jahren von den Nazis zu Verk\u00e4ufen gezwungen und sp\u00e4ter im Konzentrationslager ermordet.<br \/>\nEvelyn wurde von ihrer Mutter sehr fr\u00fch verlassen. Sentas fr\u00fche Ehe mit dem einstigen Flieger und Kriegshelden Ulrich endet in einem Fiasko. Ulrichs Schwester Trude \u00fcbernimmt die Mutterstelle und lebt mit dem Kind, auch nach dem Selbstmord Ulrichs, bei einem Onkel in G\u00fcstrow. Senta geht nach Berlin und arbeitet als Sekret\u00e4rin, sp\u00e4ter sogar als Journalistin. Sie schickt Geld f\u00fcr ihr Kind nach G\u00fcstrow und leidet darunter, dass sie keine gute Verbindung zu Evelyn, die mehrmals nach Berlin reiste, aufbauen kann. Trude hintertreibt jegliche Ann\u00e4herung und sie wird auch Sentas<em> \u201eSchatz\u201c<\/em>, den sie in den Koffer des Kindes eingen\u00e4ht hat, missachten.<\/p>\n<p>Hannahs innere Gedanken durchziehen den Roman, aber nicht nur sie kommt zu Wort, auch ihre Vorfahren und deren Geschichten, die vor fast einhundert Jahren einsetzen, werden detailgenau erz\u00e4hlt. In Zeitspr\u00fcngen \u00fcber vier Generationen hinweg verfolgt Alena Schr\u00f6der nun die Lebenswege von Senta, der leiblichen Mutter von Evelyn und sie begleitet Hannah bei ihren Nachforschungen, den langwierigen Prozessen, um die Provenienz von Bildern herauszufinden.<br \/>\nNicht sehr gl\u00fccklich arbeitet Hannah an ihrer Doktorarbeit und hat auch noch ein liebloses Verh\u00e4ltnis mit ihrem verheirateten Doktorvater. Die Siebenundzwanzigj\u00e4hrige hat kaum Freunde und die sich ihr aufdr\u00e4ngen, wie der eifrige Geschichtsstudent J\u00f6rg Sudmann, findet sie kaum sympathisch. Hannahs Mutter Sylvia ist fr\u00fch an einer Krebserkrankung verstorben.<br \/>\nWie ein roter Faden durchzieht die Handlung auf allen Zeitebenen die Abwesenheit der V\u00e4ter und die schwierigen Mutter-T\u00f6chter-Beziehungen. Bem\u00fcht sich Senta doch um ihre Tochter Evelyn, so wird sie es nie schaffen, ein normales Gespr\u00e4ch mit ihr zu f\u00fchren. Dabei wollte Senta ihrer Tochter gerade in der schweren Zeit etwas Gutes tun. Nach dem Krieg hat sie sich an wertvolle Bilder aus der Kunsthandlung ihres Schwiegervaters erinnert, u.a. auch an ein Gem\u00e4lde von Vermeer mit dem Titel:<em> \u201eJunge Frau, am Fenster, stehend, Abendlicht, blaues Kleid\u201c<\/em>. Weiterhin auch an Bilder von Max Liebermann oder Oskar Kokoschka. Doch wohin sind all diese Gem\u00e4lde entschwunden? Sind sie im Besitz von Schokoladenfabrikanten, die ihre Kunstsammlungen nicht der \u00d6ffentlichkeit zeigen?<\/p>\n<p>Die Hauptfigur Hannah gewinnt durch ihre Recherchen immer mehr an Selbstbewusstsein. Sie beginnt langsam herauszufinden, was sie mit ihrem Leben eigentlich anfangen will. Keine Sekunde geht es ihr um irgendwelche Reicht\u00fcmer, wie ihr so gern, von ach so sensiblen Leuten unterstellt wird.<\/p>\n<p>Alena Schr\u00f6der verwebt historische Ereignisse und deren Konsequenzen f\u00fcr Personen wie Gesellschaften mit der Gegenwart. Dramaturgisch gesehen, schl\u00e4gt die Autorin einen weiten Bogen und verliert sich aber manchmal auch in Nebenschaupl\u00e4tzen. Leider sind manche Entwicklungen vorhersehbar und andere wiederum schwer nachvollziehbar. So w\u00e4re doch sehr interessant gewesen, mehr \u00fcber Sentas Leben im Exil in den skandinavischen L\u00e4ndern und sp\u00e4ter dann in Brasilien zu erfahren.<\/p>\n<p>Als Information von der Verlagsseite sei zur Autorin noch Folgendes hinzugef\u00fcgt:<\/p>\n<p><em>\u201eDie Geschichte ist inspiriert von ihrer realen Urgro\u00dfmutter Senta. Diese wurde jung schwanger, war eine ungl\u00fcckliche Mutter und hat schlie\u00dflich ihre zweij\u00e4hrige Tochter zur\u00fcckgelassen, um nach Berlin zu gehen um frei und unabh\u00e4ngig zu sein. Sie war in zweiter Ehe mit dem Sohn eines j\u00fcdischen Kunsth\u00e4ndlers verheiratet. Den Verletzungen zwischen Mutter und Tochter nachzusp\u00fcren sowie die Besch\u00e4ftigung mit dem Schicksal der j\u00fcdischen Schwiegereltern ihrer Urgro\u00dfmutter und dem Verbleib ihres verschollenen Kunstverm\u00f6gens war f\u00fcr die Autorin unglaublich spannend und bewegend.\u201c<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alena Schr\u00f6der: Junge Frau, am Fenster, stehend, Abendlicht, blaues Kleid, Deutscher Taschenbuch Verlag, M\u00fcnchen 2021, 368 Seiten , \u20ac22,00, 978-3-423-28273-4 \u201eSie hatte keinen Anspruch auf irgendetwas, erst recht keinen moralischen. 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