{"id":3662,"date":"2020-11-09T12:15:51","date_gmt":"2020-11-09T11:15:51","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=3662"},"modified":"2020-11-09T12:15:51","modified_gmt":"2020-11-09T11:15:51","slug":"sam-ist-weg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/sam-ist-weg\/","title":{"rendered":"SAM IST WEG"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sophie Bienvenu: Sam ist weg, Aus dem Franz\u00f6sischen <\/strong><strong>von Sonja Finck und Frank Weigand, Claassen Verlag, Berlin 2020, 168 Seiten, \u20ac20,00, 978-3-546-10017-5<\/strong><br \/>\n<code><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B087D2N542\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B087D2N542&amp;linkCode=as2&amp;tag=wwwkarinhahnr-21&amp;linkId=f1d29aafc7e1e74728740c174660a263\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" src=\"\/\/ws-eu.amazon-adsystem.com\/widgets\/q?_encoding=UTF8&amp;MarketPlace=DE&amp;ASIN=B087D2N542&amp;ServiceVersion=20070822&amp;ID=AsinImage&amp;WS=1&amp;Format=_SL250_&amp;tag=wwwkarinhahnr-21\" border=\"0\" \/><\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" src=\"\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=wwwkarinhahnr-21&amp;l=am2&amp;o=3&amp;a=B087D2N542\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" \/><\/code><\/p>\n<p><em>\u201eKeine Ahnung, warum, aber pl\u00f6tzlich habe ich Lust zu reden. Normalerweise brauche ich das nicht. Sam wei\u00df immer, was ich denke, sie kommt ohne ein Was-bisher-geschah aus. Sie ist mein besseres Drittel. Sie h\u00e4lt mich am Leben, auch wenn ich manchmal nicht mehr kann.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Wie in vielen Gro\u00dfst\u00e4dten leben auch in Montreal Menschen auf der Stra\u00dfe. Doch, was wei\u00df man \u00fcber deren Schicksal? Warum hat es sie aus der Bahn geworfen?<br \/>\nSophie Bienvenu l\u00e4sst in ihrem Roman Mathieu, einen jungen Mann, der mit seiner H\u00fcndin Sam obdachlos ist, erz\u00e4hlen.<br \/>\nAuf zwei Erz\u00e4hlebenen h\u00f6rt der Leser Mathieu zu. Zum einen ist er auf der Suche nach seiner anschmiegsamen H\u00fcndin Samantha, kurz Sam, die einfach verschwunden ist, zum anderen berichtet der Ich-Erz\u00e4hler in R\u00fcckblenden von seiner Vergangenheit.<\/p>\n<p>Mathieus Kindheit wurde durch seine alles beherrschende und oftmals manipulative Mutter dominiert. Nie hat der Vater sich gegen sie auflehnen k\u00f6nnen. Immer unter dem Mantel der selbstlosen N\u00e4chstenliebe handelt die Mutter egoistisch und nur auf den eigenen Vorteil bedacht.<br \/>\nNichts g\u00f6nnt sie ihrem Mann, den Sohn bindet sie eng an sich und l\u00e4sst ihm keinen Raum zum Denken und Handeln. So traut sich Mathieu nicht zu sagen, dass er zu gern mit ins Ferienlager fahren w\u00fcrde. Er hat keine Freunde und einen Hund darf er nat\u00fcrlich auch nicht bekommen. Als der Vater fr\u00fch verstirbt, krallt sich die Mutter am Sohn fest.<br \/>\nAls Karine in Mathieus Leben tritt, spielt das fr\u00fchreife M\u00e4dchen mit der sexuellen Unerfahrenheit des Jugendlichen. Doch der Sex bindet beide aneinander. Katrine, Mathieus gro\u00dfe Liebe, ist achtzehn als sie Mutter wird. Mathieu hatte sie zum Kind \u00fcberredet und gibt daf\u00fcr die Schule auf. Lila ist sein ganzer Stolz, er, aber auch seine Mutter sind vernarrt in das Baby. Als Ungelernter wird er in Fastfood-Ketten arbeiten, um die Kleinfamilie zu ern\u00e4hren. Zuerst leben die drei bei der Mutter von Mathieu, doch Katrine h\u00e4lt es nicht lang aus. Nach zwei Monaten verl\u00e4sst sie Kind und Mann und geht nach Halifax. Alle Tr\u00e4ume von Mathieu von einem geregelten Leben mit Frau und Kindern vielleicht in einem H\u00e4uschen stimmen auf gar keinen Fall mit den Lebensw\u00fcnschen von Katerine \u00fcberein. Immer wieder hatte Mathieus Mutter sich in Gegenwart von Katrine als Mum bezeichnet, ein Affront, den auch Mathieu nicht aushalten kann. Als er etwas Geld gespart hat, zieht er in eine Mietskaserne mit Lila und findet in der wirklich hilfsbereiten alten Nachbarin eine Unterst\u00fctzung.<br \/>\nOft muss Mathieu nachts arbeiten.<br \/>\nAber der alleinerziehende Mathieu liebt sein neugieriges Kind, ihre Fragen und ihre Lebendigkeit tragen ihn \u00fcber viele Entbehrungen hinweg. Ab und zu fragt man sich als Leser, ob es in Kanada gerade f\u00fcr den jungen Vater und sein Kind kein soziales Netz existiert, das ihn auffangen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Parallel zu den R\u00fcckblicken in die Vergangenheit durchk\u00e4mmt Mathieu die Stadt nach seinem Hund und findet Hilfe bei seiner Cousine. Ab und zu geraten die Erz\u00e4hlungen Mathieus in eine Schieflage. Als w\u00fcrde er sich Ersatzrealit\u00e4ten schaffen, um weiterleben zu k\u00f6nnen. Der Gedanke, dass sein Hund, den er mit Lila aus dem Tierheim geholt hatte, zu Hundek\u00e4mpfen missbraucht werden k\u00f6nnten, zerrei\u00dft ihm das Herz. Immer wieder erz\u00e4hlt er von Lila, die nun schon sechs Jahre alt ist. Doch wo ist die Tochter? Wo ist Katerine?<br \/>\nIn seiner Vorstellung hat Katerine einen guten Lebenspartner und Lila lebt bei ihr, spielt im gro\u00dfen Garten und redet ab und zu mit dem Papa am Telefon. Eine Traumfantasie! Oder das Kind lebt bei seiner Mutter, eher ein Alptraum, aber immer noch besser als das, was wirklich geschehen ist.<\/p>\n<p>Wenn Mathieu nicht mehr weiter wei\u00df, dann schl\u00e4gt er mit dem Kopf an die Wand. Aber der Schmerz t\u00f6tet nicht die Erinnerungen. Dass Mathieu haltlos mit seinem Hund Sam durch die Stra\u00dfen zieht, versteht der Leser am Ende. Nichts kann ihm mehr motivieren weiterzumachen. Nur sein Hund, der sich nachts an ihn dr\u00fcckt, l\u00e4sst ihn den kommenden Tag ertragen.<\/p>\n<p>Sophie Bienvenu erz\u00e4hlt psychologisch \u00fcberzeugend von einem Menschen, dem das Schicksal \u00fcbel mitgespielt hat. Depressiv und allein ist Mathieu nicht mehr in der Lage, der Traurigkeit zu entkommen. Zu sehr w\u00fcnscht man ihm, dass sich jemand seiner annimmt und ihn festh\u00e4lt. Ein sehr d\u00fcnner Schimmer am Horizont l\u00e4sst hoffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sophie Bienvenu: Sam ist weg, Aus dem Franz\u00f6sischen von Sonja Finck und Frank Weigand, Claassen Verlag, Berlin 2020, 168 Seiten, \u20ac20,00, 978-3-546-10017-5 \u201eKeine Ahnung, warum, aber pl\u00f6tzlich habe ich Lust zu reden. Normalerweise brauche ich das nicht. 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