{"id":366,"date":"2019-06-22T13:01:06","date_gmt":"2019-06-22T11:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=366"},"modified":"2019-06-22T13:01:06","modified_gmt":"2019-06-22T11:01:06","slug":"ruecken-an-ruecken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/ruecken-an-ruecken\/","title":{"rendered":"R\u00fccken an R\u00fccken"},"content":{"rendered":"<p><strong>Julia Franck: R\u00fccken an R\u00fccken, Verlag S. Fischer, Frankfurt a. M. 2011,  382 Seiten, \u20ac19,95, 978-3-10-022605-1 <\/strong><\/p>\n<p><em>\u201e Er nickte, wir setzen uns R\u00fccken an R\u00fccken und du erz\u00e4hlst von unserem Vater.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Handlungsort: DDR, von 1954 bis in die fr\u00fchen 1960er Jahre<br \/>\nEine schmerzhafte K\u00e4lte zieht sich durch diesen Roman, die K\u00e4lte von Stein und die K\u00e4lte der Mutter K\u00e4the, der Bildhauerin und linientreuen Kommunistin. Sie verweigert ihren Kindern, Ella und Thomas, mehr als nur einen warmen Ofen. Gejammer oder Klagen kennt diese Rabenmutter, die gelegentlich auch zuschl\u00e4gt, nicht, genau so wenig wie Bequemlichkeit. Jeder hat sich selbst durchzuk\u00e4mpfen, gesund zu sein, denn Krankheit bedeutet Schw\u00e4che und die wird im Rahnsdorfer Haus im Osten Berlins nicht geduldet.<br \/>\nDie unbehausten, ja symbiotisch lebenden Kinder Ella und Thomas schmiegen sich eng aneinander, wie H\u00e4nsel und Gretel, die die Eltern im Wald ausgesetzt haben. Sie fl\u00fcstern sich Geschichten zu, entwickeln ihre eigene lautmalerische Zaubersprache, geben sich, so weit es m\u00f6glich ist, gegenseitig W\u00e4rme und Kraft, sp\u00fcren aber auch die Konkurrenz um die Liebe der so starken Mutterfigur, die den Sohn bevorzugt. Die \u201eTrolle\u201c, ebenfalls Kinder von K\u00e4the, Zwillinge, sind in Heimen untergebracht und kommen gelegentlich zu Besuch.<br \/>\nDer vertr\u00e4umte Thomas dichtet und Ella t\u00e4nzelt und spielt sich durch ein Leben, dass fr\u00fch vom Missbrauch durch den Lebensgef\u00e4hrten der kn\u00fcppelharten Mutter gepr\u00e4gt wird. Um sich Privilegien, wie ein Auto oder Westreisen, zu verdienen, vermietet die Mutter ein Zimmer in ihrem Haus an einen IM der Stasi. Auch dieser Mann vergeht sich an Ella. Verzweifelt kann sich das Kind nur in die Krankheit fl\u00fcchten, von der Mutter kurzzeitig beachtet und doch wieder \u00fcber die Kunst und eine gesellschaftlich wichtige Auftragsarbeit f\u00fcr Walter Ulbricht vergessen.<br \/>\nRau sind die Zeiten, in denen die DDR-Kulturschaffenden immer mehr unter das  Diktat der Partei gezwungen werden, rau ist der Ton, der zwischen Mutter und Kindern herrscht, besonders dann, wenn die Kommunistin registriert, wie ihre Kinder sich ihrer besseren Welt, ihrem sozialistischen Staat entziehen.<br \/>\nVoller Brutalit\u00e4t und Gewalt sind die Bilder, die Julia Franck dem Leser vor Augen f\u00fchrt, wenn sie zeigt, in welcher Umgebung Ella, die immer selbstbezogener agiert, und Thomas, der alles richtig machen will, aufwachsen m\u00fcssen. Eine Extremsituation folgt der n\u00e4chsten und die  k\u00f6rperlichen Dem\u00fctigungen, die beide Kinder und sp\u00e4ter Jugendliche aushalten m\u00fcssen. Thomas ist gezwungen der Mutter nackt und frierend Modell zu stehen, auch wenn Besucher dabei sind, darf er sich nicht r\u00fchren. Sein Arbeitseinsatz f\u00fcr Vater Staat im Steinbruch f\u00fchrt ihn fast an den Rand des Todes.  Ella trinkt, rebelliert, schw\u00e4nzt die Schule, magert zusehens ab und entstellt sich selbst in Erinnerung an die ekelerregenden, sexuellen \u00dcbergriffe.<\/p>\n<p>Julia Franck \u00f6ffnet, bereits in dem preisgekr\u00f6nten Roman \u201eDie Mittagsfrau\u201c verarbeitete sie die Geschichte ihrer Gro\u00dfmutter v\u00e4terlicherseits, wieder eine T\u00fcr zu ihrem Privatleben. Die Berliner Autorin erz\u00e4hlt von ihrer Gro\u00dfmutter m\u00fctterlicherseits, Ingeborg Hunzinger und ihrem Onkel, der sich mit 18 Jahren das Leben nahm. Seine Gedichte finden sich wortw\u00f6rtlich in dem Roman wieder, die die Mutter Julia Franck gezeigt hatte, als sie 17 Jahre alt war.<br \/>\nSicher ist es ein Roman, die Handlung und die Figuren sind \u00fcberspitzt, \u00fcberstilisiert und verfremdet dargestellt und doch ist er atmosph\u00e4risch so bedr\u00fcckend geschrieben, dass er den Leser mit seiner intensiven Sprache entweder fasziniert und abst\u00f6\u00dft. Stellenweise sprachlich angestrengt, auch in den Kitsch abgleitend und mit Symbolik \u00fcberfrachtet, gelingen der Autorin aber viele dichte, \u00e4u\u00dferst gelungene Passagen, die in der Erinnerung haften bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Julia Franck: R\u00fccken an R\u00fccken, Verlag S. Fischer, Frankfurt a. 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