{"id":3542,"date":"2020-09-30T09:44:34","date_gmt":"2020-09-30T07:44:34","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=3542"},"modified":"2020-09-30T09:44:34","modified_gmt":"2020-09-30T07:44:34","slug":"menschliche-dinge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/menschliche-dinge\/","title":{"rendered":"MENSCHLICHE DINGE"},"content":{"rendered":"<p><strong>Karine Tuil: Menschliche Dinge, Aus dem Franz\u00f6sischen von Maja Ueberle-Pfaff, Claassen Verlag, Berlin 2020, 379 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-54610002-1<\/strong><br \/>\n<code><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B07ZTPWR57\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=B07ZTPWR57&amp;linkCode=as2&amp;tag=wwwkarinhahnr-21&amp;linkId=0653d8aa32566d7aeb928f89e703bf65\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img src=\"\/\/ws-eu.amazon-adsystem.com\/widgets\/q?_encoding=UTF8&amp;MarketPlace=DE&amp;ASIN=B07ZTPWR57&amp;ServiceVersion=20070822&amp;ID=AsinImage&amp;WS=1&amp;Format=_SL250_&amp;tag=wwwkarinhahnr-21\" border=\"0\"><\/a><img loading=\"lazy\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" alt=\"\" src=\"\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=wwwkarinhahnr-21&amp;l=am2&amp;o=3&amp;a=B07ZTPWR57\" border=\"0\"><\/code><\/p>\n<p><em>&#8222;Claire blieb lange wie gel\u00e4hmt am Tisch sitzen. Erst jetzt ging ihr die ganze Tragweite der Katastrophe auf. &#8218;Da ist ein Leben in die Br\u00fcche gegangen&#8216;, sagte sie leise, ohne zu pr\u00e4zisieren, ob sie vom Leben ihres Sohnes oder von Mila Weizman sprach.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Alles beginnt ziemlich harmlos und doch zieht sich durch die gesamte Handlung die Frage, wer \u00fcbt in der franz\u00f6sischen Gesellschaft eigentlich die Macht aus.<br \/>\nDer Leser schaut ins privilegierte Leben der in Paris lebenden erfolgreichen Familie Farel, die sich als eingeschworene, liebevolle und stabile Einheit pr\u00e4sentieren und es doch nicht sind. Jean Farel, bald siebzig Jahre alt, arbeitet als Politikjournalist erfolgreich bei Rundfunk und Fernsehen. Fast krankhaft sorgt er sich um seinen k\u00f6rperlichen Zustand und die Tatsache, dass das Alter ihn besch\u00e4digen k\u00f6nnte, raubt ihm den Schlaf. Er isst diszipliniert, treibt Sport und l\u00e4sst doch neuerdings die Finger von Aff\u00e4ren mit j\u00fcngeren Frauen, die ihm sonst so gelegen kamen. Der<em> \u201ewendige Kampfhahn\u201c<\/em> setzt aufs Durchhalten. Neben seiner Frau Claire, einer erfolgreiche Autorin und Essayistin, lebt Jean auch noch mit einer seiner Mitarbeiterinnen zusammen. Die Journalistin Francoise Merle, fast so alt wie Jean, hat sich an dieses Leben im Schatten gew\u00f6hnt. Claire, Anfang vierzig, jedoch beginnt eine Beziehung mit Adam Wizman, einem verheirateten Juden und Lehrer f\u00fcr Franz\u00f6sisch. Adam hat zwei T\u00f6chter und eine Frau, die sich immer mehr dem orthodoxen Judentum zuwendet. Jean hofft immer noch auf die R\u00fcckkehr von Claire und informiert auch Francoise nicht \u00fcber den Auszug seiner Frau. Alexandre, einundzwanzig Jahre alt, ist der Sohn der Farels. Bereits als Dreij\u00e4hriger zeigte er seine Intelligenz, konnte fr\u00fch lesen und schreiben, wurde vom Vater zu H\u00f6chstleistungen angetrieben und studiert nun in den USA, in Stanford. Alexandre ist nach Paris gekommen, da der Vater eine hohe Auszeichnung erh\u00e4lt. Alle sollen dabei sein, die Noch-Ehefrau, der Sohn, die angesagte Prominenz.<\/p>\n<p>Mit Informationen angereichert erz\u00e4hlt Karine Tuil aus verschiedenen Perspektiven von ihren Protagonisten. Jede ihrer Figuren tr\u00e4gt existentielle Konflikte mit sich aus. Alexandre hadert mit seiner letzten Liebe, einer gestandenen Frau, die sein Kind abgetrieben hat, und f\u00fcr ihn nicht mehr zu sprechen ist. Claire sieht sich nach einem Artikel \u00fcber die tragischen Geschehnisse in der Silvesternacht in K\u00f6ln \u00f6ffentlichen Angriffen ausgesetzt, zumal sie die muslimischen T\u00e4ter aus ihren religi\u00f6s-gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen heraus beurteilt hat. Jean wie Claire nutzen die sozialen Medien f\u00fcr sich, sp\u00fcren aber auch den hasserf\u00fcllten Gegenwind. Jean hatte mit sechsundsiebzig einen leichten Schlaganfall, Claire hat ihren Brustkrebs \u00fcberwunden. Doch nun steht die Ernennung zum Gro\u00dfoffizier der Ehrenlegion f\u00fcr Jean im \u00c9lys\u00e9e-Palast an. Nach der Feier jedoch l\u00e4uft alles aus dem Ruder.<\/p>\n<p>Alexandre wird angeklagt, Mila, die Tochter von Adam Wizman vergewaltigt zu haben. Dabei hatte Claire Alexandre noch aufgefordert, Mila zur Party mit seinen Freunden mitzunehmen. Was ist in dieser Nacht aus dem Ruder gelaufen? Wer l\u00fcgt, wer sagt die Wahrheit? Welche Drogen hatten die Partyg\u00e4nger eingeworfen? Klar ist, dass nun im Zuge der #MeToo-Debatte nichts unter den Teppich gekehrt werden kann. Adam trennt sich von Claire und steht fest an der Seite seiner v\u00f6llig verschreckten achtzehnj\u00e4hrigen Tochter.<\/p>\n<p>Entgegen den Vorstellungen des Anwalts von Alexandre wird es zum Prozess im Justizpalast kommen. Die Presse wird sich auf diesen Fall st\u00fcrzen und Jeans \u00c4ngste um seinen Karriere werden gesch\u00fcrt. Gutachter kommen zu Wort, Aussagen und&nbsp; Pl\u00e4doyers sind zu h\u00f6ren, jede Partei wird im Detail zu den Vorg\u00e4ngen in der Nacht Stellung beziehen. Offen jedoch bleibt, was wirklich geschehen ist. Diesen Raum l\u00e4sst die Autorin, die sich intensiv mit Pariser Vergewaltigungsprozessen besch\u00e4ftigt hat, frei. In der Figur der Claire spiegeln sich trotz aller Liebe und Verbundenheit zu ihrem Sohn die Zweifel dar\u00fcber, was ihm vielleicht auch innerfamili\u00e4r unbewusst angetan wurde.<\/p>\n<p>Signifikant ist, dass Jean noch w\u00e4hrend der Geschehnisse um seinen Sohn mit einer bedeutend j\u00fcngeren Frau noch einmal privat wie beruflich durchstarten wird. Claire jedoch zieht sich v\u00f6llig aus der \u00d6ffentlichkeit zur\u00fcck und bleibt eng an der Seite ihres Sohnes.<\/p>\n<p>Bis zur letzten Seite umkreist Katerine Tuil eine Gesellschaft, in der Privilegien hart erk\u00e4mpft werden. Schl\u00fcssige Antworten gibt die franz\u00f6sische Autorin nicht und das ist klug.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karine Tuil: Menschliche Dinge, Aus dem Franz\u00f6sischen von Maja Ueberle-Pfaff, Claassen Verlag, Berlin 2020, 379 Seiten, \u20ac22,00, 978-3-54610002-1 &#8222;Claire blieb lange wie gel\u00e4hmt am Tisch sitzen. 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