{"id":3313,"date":"2020-02-24T13:07:41","date_gmt":"2020-02-24T12:07:41","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=3313"},"modified":"2020-02-24T13:07:41","modified_gmt":"2020-02-24T12:07:41","slug":"klara-vergessen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/klara-vergessen\/","title":{"rendered":"Klara vergessen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Isabelle Autissier: Klara vergessen, Aus dem Franz\u00f6sischen von Kirsten Gleinig, Mare Verlag, Hamburg 2020, 304 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-86648-627-0<\/strong><br \/>\n<code><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3866486278\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3866486278&amp;linkCode=as2&amp;tag=wwwkarinhahnr-21&amp;linkId=9dc7644206520ad6876f44b1262f8673\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img src=\"\/\/ws-eu.amazon-adsystem.com\/widgets\/q?_encoding=UTF8&amp;MarketPlace=DE&amp;ASIN=3866486278&amp;ServiceVersion=20070822&amp;ID=AsinImage&amp;WS=1&amp;Format=_SL250_&amp;tag=wwwkarinhahnr-21\" border=\"0\"><\/a><img loading=\"lazy\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" alt=\"\" src=\"\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=wwwkarinhahnr-21&amp;l=am2&amp;o=3&amp;a=3866486278\" border=\"0\"><\/code><br \/>\n<em>\u201eEr war entsetzt dar\u00fcber, wie ein einzelnes Sandkorn, die harmlose Treue gegen\u00fcber einem Professor, das Leben mehrerer Generationen au\u00dfer Kontrolle geraten lassen konnte.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Nach Eugen Ruges Roman \u201eMetropol\u201c und Sasha Filipenkos Roman \u201eRote Kreuze\u201c befasst sich auch Isabelle Autissier mit der Gewaltherrschaft Stalins und den Straflagern, den Gulags in der ehemaligen Sowjetunion. Wie sehr das heutige Russland unter dem Dauerherrscher Wladimir Putin, der von der Macht nicht lassen kann und den Personenkult kultiviert, an einer verharmlosenden Umschreibung der eigenen Geschichte interessiert ist, ist hinl\u00e4nglich bekannt. Mag sich einiges in Russland ver\u00e4ndert haben, von einem demokratisch gef\u00fchrten Land kann kaum die Rede sein. So wird der Leser auch gleich ziemlich schnell dar\u00fcber informiert, dass bereits 2008 Festplatten des Archivs mit Informationen zu zwanzig Millionen H\u00e4ftlingen des Gulags konfisziert wurden.<\/p>\n<p>Die franz\u00f6sische Autorin dieses Romans erz\u00e4hlt in R\u00fcckblenden vom Leben einer russischen Familie in Murmansk, der n\u00f6rdlich des Polarkreises gelegenen Hafenstadt auf der russischen Halbinsel Kola.<br \/>\nHierher reist Juri nach dreiundzwanzig Jahren. Im Jahr 1994 ist er mit einem Doktorandenstipendium in die USA gegangen und nie wieder in die Heimat zur\u00fcckgekehrt. Als Professor f\u00fcr Ornithologe arbeitet er erfolgreich, er hat einen Freund, mit dem er zusammenleben kann, in Russland w\u00e4re das eher ein Problem. Per Mail wurde ihm mitgeteilt, dass sein Vater Rubin im Sterben liegt und ihn sehen m\u00f6chte. Wenn Juri auf seine Kindheit schaut, dann erinnert er sich an die Schl\u00e4ge des Vaters, die ihn zum einem Mann werden lassen sollten, an die Gleichg\u00fcltigkeit und Lieblosigkeit der Mutter, die sich nur f\u00fcr materiellen Besitz interessierte und den jammernden Gro\u00dfvater Anton, der offenbar eine Schuld mit sich herumtrug.<br \/>\nAls Juri am Bett des verhassten, alkoholkranken Vaters, der als Kapit\u00e4n f\u00fcr die Fischfangflotte einst arbeitete, sitzt, bittet dieser ihn, herauszufinden, was mit seiner Mutter Klara nach ihrer Verhaftung 1950 geschehen ist. Offiziell hie\u00df es in der Familie, Klara sei an einer Lungenentz\u00fcndung gestorben. Juri beginnt mit seinen Recherchen, die schnell an Grenzen sto\u00dfen, und er schweift mit seinen Gedanken immer mehr in die Vergangenheit ab. Er taucht in seine Kindheitserinnerungen ein, den blinden Glauben an den Kommunismus und die harte Hand seines Vaters, die aus ihm einen Seemann machen wollte. Dass beide M\u00e4nner durch Gewalt, Dem\u00fctigungen und das Gef\u00fchl ausgesto\u00dfen zu sein, zu schuldigen und auch unschuldigen M\u00f6rdern geworden sind, l\u00e4sst tief in die Seele der so ruhmreichen Sowjetunion blicken. Eine Gesellschaft, die mit Misstrauen und brutaler Willk\u00fcr Millionen Menschen in Straflager schickte und dann nach Stalins Tod 1953 einige entlie\u00df und diese nicht rehabilitiert mit ihrem Schicksal klarkommen mussten, hat nichts mit einer humanistischen Gesellschaft zu tun.<\/p>\n<p>Auch Rubins Leben wird vor dem Auge des Lesers aufgebl\u00e4ttert, seine eigenen Unsicherheiten, die er dann wiederum bei seinem Sohn beobachtet, all die Dem\u00fctigungen und dann die Wende seines Charakters zum Despoten, S\u00e4ufer und Schl\u00e4ger. Interessant ist sein Blick auf die Entwicklung seines Sohnes in Kindertagen. All seine Wut auf die Mutter, die ihn vermeintlich verlassen hat, den schwachen Vater und die eigenen Unzul\u00e4nglichkeiten tobt dieser Mann an seinem eigenen Kind aus. Doch der Sohn Juri kann sich aus diesen vermeintlichen schicksalhaften Verstrickungen durch die Flucht befreien.<\/p>\n<p>Juri wird am Ende eine Akte erhalten, die ihm Klaras Leben in Ausz\u00fcgen offenbart. Wer war sie?<br \/>\nHat Anton wirklich seine eigene Frau, die als Geologin und Wissenschaftlerin einfach nur zu ihrem Doktorvater gehalten hat, denunziert? W\u00e4re sie auch so zu 25 Jahren Lagerhaft wegen angeblicher Sabotage und antisowjetischer Propaganda verhaftet worden? War sie eine mutige Frau oder doch auch in Gefangenschaft eine Verr\u00e4terin?<br \/>\n<em><br \/>\n\u201eBeim Durchforsten der Vergangenheit suchte er auch ein wenig sich selbst, denjenigen, der ebenso Antons Zaghaftigkeit wie Klaras Aufs\u00e4ssigkeit geerbt hatte. H\u00e4tten diese beiden Menschen nicht zu jener Zeit gelebt, w\u00e4re Rubins und auch sein eigenes Leben anders verlaufen. Dieser Gedanke qu\u00e4lte ihn.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Isabelle Autissier spielt auf der Klaviatur des Leidens im wechselvollen 20. Jahrhundert, dabei bleiben ihre Figuren ambivalent und der Leser kann erkennen, warum Menschen sich zu dem entwickeln, was sie letztendlich sind. Etwas zu klischeehaft allerdings ist das Bild des kleinen Jungen, der die V\u00f6gel beobachtet, sie um ihre Freiheit beneidet und Ornithologe wird.<br \/>\nAber gut, entstanden ist auf jeden Fall eine ergreifende, detailreiche Geschichte, wobei man ab und zu das Buch schlie\u00dfen muss, da man die geballte Gewalt, die Menschen in einer verrohten Gesellschaft einander antun, nicht ertragen kann.<\/p>\n<p>Eingeschlichen haben sich geschichtliche Ungenauigkeiten, so wurde Leningrad erst 1991 in St. Petersburg umbenannt. Und wenn Leute ein Fernglas bekommen haben, stammte dieses garantiert nicht aus \u201eOstdeutschland\u201c, sondern der DDR.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Isabelle Autissier: Klara vergessen, Aus dem Franz\u00f6sischen von Kirsten Gleinig, Mare Verlag, Hamburg 2020, 304 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-86648-627-0 \u201eEr war entsetzt dar\u00fcber, wie ein einzelnes Sandkorn, die harmlose Treue gegen\u00fcber einem Professor, das Leben mehrerer Generationen au\u00dfer Kontrolle geraten lassen&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/klara-vergessen\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3313"}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3313"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3313\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3315,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3313\/revisions\/3315"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3313"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3313"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3313"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}