{"id":331,"date":"2019-06-22T13:04:41","date_gmt":"2019-06-22T11:04:41","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=331"},"modified":"2019-06-22T13:04:41","modified_gmt":"2019-06-22T11:04:41","slug":"billy-sein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/billy-sein\/","title":{"rendered":"Billy sein"},"content":{"rendered":"<p><strong>Phil Earle: Billy sein, Aus dem Englischen von Annette von der Weppen, Carlsen Verlag, Hamburg 2011, 325 Seiten, \u20ac14,90, 978-3-551-58255-3<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201e F\u00fcr einen Moment erhaschte ich einen Blick darauf, wie eine normale Kindheit aussehen k\u00f6nnte, und ich hoffte, dass es f\u00fcr die beiden noch nicht zu sp\u00e4t war.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Leben hei\u00dft f\u00fcr Billy Finn einfach nur w\u00fctend sein. W\u00fctend auf seine Mutter Annie, die als Alkoholikerin mit dem Schl\u00e4ger Shaun zusammenwohnte, der den kleinen Billy regelm\u00e4\u00dfig verpr\u00fcgelte, w\u00fctend auf die Penner, die Sozialarbeiter, die nur ihren Job machen, dabei auf die Uhr schielen, wann endlich die Schicht zu Ende ist und sie zu ihren perfekten Familien nach Hause gehen k\u00f6nnen und w\u00fctend auf sich selbst, da er die gro\u00dfe Chance vor drei Jahren in der Pflegefamilie Scott vermasselte.<\/p>\n<p>Wenn dem 14-J\u00e4hrigen jemand in die Quere kommt, dann verliert er wenig Worte und pr\u00fcgelt los. Nachts treibt er sich herum, trinkt und sucht sich Kumpel, mit denen er Autos knackt. Wie oft musste Ronnie, den er seit seiner Einweisung ins Heim vor acht Jahren als Erzieher am l\u00e4ngsten kennt, ihn mit einem gezielten Griff auf dem Boden ruhig stellen. Billy hat immer das Gef\u00fchl, als w\u00fcrde Ronnie ihm sein Leben vorschreiben und er k\u00f6nne, wie im Knast, nicht selbst entscheiden. Aber Bill, der sich und die anderen Kinder als Lebensl\u00e4ngliche bezeichnet, hat auch ganz anderen Seiten. So k\u00fcmmert er sich liebevoll, und das fast seit ihrer Geburt, um seine zehnj\u00e4hrigen Halbgeschwister, Lizzie und Louie. Die Zwillinge kennen als Zuhause nur das Heim und sie st\u00fctzen sich auf Bill, der zuverl\u00e4ssig wie ein Uhrwerk f\u00fcr sie da ist. Zwar hat er all sein Vertrauen in die Erwachsenenwelt verloren, f\u00fcr seine Zwillinge jedoch tut er alles. Sie geben ihm Halt.<\/p>\n<p>Als Billy dann Daisy kennenlernt, die neu in seine Klasse kommt, sp\u00fcrt er pl\u00f6tzlich Seelenverwandtschaft und er liegt richtig. Die so lebensfroh wirkende Daisy hat keine Eltern mehr, bleibt aber seltsam verschlossen, wenn Billy versucht das Thema anzutippen. Um einfach mal schlafen zu k\u00f6nnen, schleicht sich Billy manchmal in sein altes Zimmer bei den Scotts. Als w\u00fcrde er hier innere Ruhe finden.<\/p>\n<p>Sein l\u00e4ngerer Zeit besucht Annie ihre Zwillinge an jedem Samstag und es scheint so zu sein, als sei sie seit der Trennung von Shaun wirklich eine andere geworden.<\/p>\n<p>Nur Billy, von dem sich Annie innerlich bereits verabschiedet hat und ihn sogar zur Adoption f\u00fcr die Scotts freigegen hatte, glaubt der Mutter kein Wort. Nie kann Billy verschmerzen, was die teilnahmslose, besoffene Mutter und ihr gewaltt\u00e4tiger Freund ihm angetan haben. Als dann herauskommt, dass Annie ihre Zwillinge wieder zu sich nehmen will, f\u00e4llt Billy in ein tiefes Loch. Sein Erzieher Ronnie, den Billy f\u00fcr seine korrekte Art, sein <em>\u201eSozialarbeitergequatsche\u201c<\/em> und seine Unbeugsamkeit glaubt zu hassen, richtet ihm zum 15. Geburtstag einen Trainingsraum ein. Hier soll der Junge ordentlich Dampf ablassen und zu sich finden. Immer noch st\u00f6\u00dft Billy alle von sich, denkt, dass niemand sich wirklich um ihn k\u00fcmmern will. Ronnie beweist ihm das Gegenteil und nimmt in Kauf, dass Billy mit Ronnies Genehmigung auf ihn einschl\u00e4gt als w\u00e4re er Shaun.<\/p>\n<p>Mit Daisy und Ronnie an seiner Seite scheint Billy den Abschied von den Zwillingen zu verkraften.<\/p>\n<p>Doch dann holt den Jungen seine Vergangenheit wieder ein und er f\u00fchlt sich von allen Menschen, denen er mal vertraut hat, gedem\u00fctigt. Und er steht Shaun gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Der englische Autor Phil Earle, der selbst Heimkinder betreute, l\u00e4sst seine fiktive Figur Billy selbst erz\u00e4hlen. Aus der Sicht des Jungen versteht der Leser genau, warum Billy so aggressiv auf seine Umwelt reagiert, was in seinem Kopf vor sich geht und wie er sich f\u00fchlt. Nah an Billys Denken versteht der Leser aber auch, was mit dem Jungen los ist. Wie schwer er physisch und psychisch verletzt wurde und dass auch nach acht Jahren nichts vergessen ist, nicht der Whisky Geruch, der alle Erinnerungen hochkommen l\u00e4sst und nicht die Hilflosigkeit des Kindes gegen\u00fcber den \u00fcberm\u00e4chtigen Erwachsenen. Billy sehnt sich nach Vertrauen, W\u00e4rme und Geborgenheit, kann aber seine Gef\u00fchle nicht zulassen. Zu oft wurde er angelogen, geschlagen und entt\u00e4uscht. Voller Skepsis und immer in Abwehrhaltung gegen jeden hat Billy das Gef\u00fchl daf\u00fcr verloren, dass es Menschen gibt, die ihn m\u00f6gen und sich um ihn sorgen. Billys Lebensgeschichte, die sich vielleicht aus vielen Erfahrungen mit Heimkindern zusammensetzt und an manchen Stellen auch konstruiert wirkt, \u00fcberzeugt trotzdem.<\/p>\n<p>Beim Lesen sp\u00fcrt der Leser die unterschiedlichsten Emotionen, sie pendeln zwischen der Emp\u00f6rung \u00fcber Billys zeitweilige Ignoranz und tiefer Anteilnahme an der Trauer und Einsamkeit des Jungen.<\/p>\n<p>Aber so muss ein gutes, wirklichkeitsnahes Buch auch sein, es muss einen fesseln, bewegen, zum Weinen bringen und wieder ausatmen lassen.<\/p>\n<p>All das schafft Phil Earle mit seiner Geschichte \u201eBilly sein\u201c. Man darf auf sein n\u00e4chstes Buch gespannt sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Phil Earle: Billy sein, Aus dem Englischen von Annette von der Weppen, Carlsen Verlag, Hamburg 2011, 325 Seiten, \u20ac14,90, 978-3-551-58255-3 \u201e F\u00fcr einen Moment erhaschte ich einen Blick darauf, wie eine normale Kindheit aussehen k\u00f6nnte, und ich hoffte, dass es&#8230; <a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/billy-sein\/\">Weiterlesen &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-331","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kinderbuch"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/331","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=331"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/331\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":341,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/331\/revisions\/341"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=331"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=331"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=331"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}