{"id":329,"date":"2019-06-22T13:04:12","date_gmt":"2019-06-22T11:04:12","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=329"},"modified":"2019-06-22T13:04:12","modified_gmt":"2019-06-22T11:04:12","slug":"die-gelben-augen-der-krokodile","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/die-gelben-augen-der-krokodile\/","title":{"rendered":"Die gelben Augen der Krokodile"},"content":{"rendered":"<p><strong>Katherine Pancol: Die gelben Augen der Krokodile, Aus dem Franz\u00f6sischen von Nathalie Lemmens, C. Bertelsmann Verlag, M\u00fcnchen 2011, 608 S., \u20ac 22,99, 978-3-570-10086-8<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201e Alle hielten sie f\u00fcr ein naives Dummchen! Und genau das war sie auch.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Jos\u00e9phine Cortes, zweifache Mutter und Ehefrau, schaut auf ihr Leben und f\u00fchlt sich in ihrem Pariser Vorort als Versagerin. Ihr 15-j\u00e4hrige Tochter Hortense hat nur bei\u00dfenden Spott f\u00fcr die mausgraue, gelehrte Mutter \u00fcbrig, denn Jo achtet kaum auf ihr \u00c4u\u00dferes, wirkt mutlos und immer verzagt. Sie arbeitet emsig an ihrer Habilitation und als Geschichtsexpertin, speziell des 12. Jahrhunderts, um die Familie durchzubringen. Ihre brillante, egozentrische Schwester Iris hat wohlhabend, trotz angeblichem eigenen Talent als Drehbuchautorin ( sogar in Hollywood ), geheiratet. Jo ist das schwarze Schaf in der Familie. Auch die kalte, ehrgeizige, immer um eine straffe Haltung bem\u00fchte Mutter, die es nur zu etwas gebracht hat, weil sie den einf\u00e4ltigen, aber in gesch\u00e4ftlichen Fragen bauernschlauen, recht vulg\u00e4ren Marcel geheiratet hat, betrachtet ihre unbedeutende Tochter mit Verachtung. Marcels Geld verhilft Jos Mutter zu dem Lebensstandard, der ihr ihrer Meinung und ihren T\u00f6chtern, dabei denkt sie eher an die strahlend sch\u00f6ne Iris mit ihren blauen Augen und dem \u00fcbertriebenen Selbstwertgef\u00fchl, zusteht. Iris&#8216; Denken dreht sich nur um sich, ihr Wohlgef\u00fchl, ihre Klamotten, ihre intriganten Gespr\u00e4che mit angeblichen Freundinnen. Ihrem Sohn Alexandre wendet sich gl\u00fccklicherweise der Vater zu.<\/p>\n<p>Gl\u00fcck gibt es f\u00fcr diese Familien nicht im Kleinen, in der Nestw\u00e4rme, sondern nur in der Darstellung nach au\u00dfen und die muss beeindruckend sein, voller Glanz und Einmaligkeit. Nur Jo versucht ihre T\u00f6chtern Gef\u00fchle entgegen zu bringen. Auch hier Fehlanzeige, denn Hortense legt keinen Wert auf Umarmungen, Euroscheine w\u00e4ren ihr lieber.<\/p>\n<p>Katherine Pancol hat einen Roman \u00fcber Menschen geschrieben, die in ihren Lebenskonzepten nur darauf aus sind, andere schamlos zu benutzen, um nicht selbst aktiv werden zu m\u00fcssen. Auch Antoine, Jos Ehemann, wird das Geld seiner Geliebten, nachdem die hilflose und gedem\u00fctigte Jo ihn vor die T\u00fcr gesetzt hat, investieren, um sich in Afrika in einer von Chinesen betriebenen Krokodilfarm einzukaufen. Jo hat ihm noch blind vertrauend einen Kredit unterschrieben, f\u00fcr den sie, da die Chinesen nicht zahlen, einstehen muss.<\/p>\n<p>Die lebensfremde Jo muss sich als Alleinerziehende mit zwei finanziell durchaus anspruchsvollen T\u00f6chtern durchschlagen. Ihr Schwager verschafft ihr einen gut bezahlten Gelegenheitsjob, denn Jo kann sogar juristische Texte aus dem Russischen \u00fcbersetzen. Und hier stutzt der Leser kurzzeitig. Katherine Pancol zeichnet ihre fiktiven Figuren entweder holzschnittartig einfach oder sie stattet sie derma\u00dfen unglaubw\u00fcrdig mit F\u00e4higkeiten und Lebensgeheimnissen aus, die \u00fcberzogen, wie unglaubw\u00fcrdig, wirken. Immer geht es den Figuren um die Aufstiegschancen in den Tempel der Sch\u00f6nen und Reichen und auch der nervende Teeny Hortense, die nat\u00fcrlich ins Modebusiness einsteigen wird, redet wie eine abgekl\u00e4rte, pragmatische Erwachsene, die ihrer gebildeten Mutter, die sich ja \u00fcberall unterbuttern l\u00e4sst, den Spiegel vorhalten muss. Vielleicht w\u00e4re alles eine Nummer kleiner glaubw\u00fcrdiger gewesen, aber dann w\u00e4re ja nur eine langweilige, weichgesp\u00fclte Anna Gavalda Imitation entstanden.<\/p>\n<p>Der mitf\u00fchlenden Jo jedenfalls geh\u00f6rt alle Sympathie der Autorin. Sie darf sich in dieser teils moralinsauren, trivialen Geschichte vom h\u00e4\u00dflichen Entlein zum strahlenden Schwan entwickeln.<\/p>\n<p>Iris langweilt sich mittlerweile in ihrem Luxusleben. Als sie einem Verleger aus einer Laune heraus berichtet, sie schreibe einen Roman, ist dieser, auch weil es sich um ein historisches, angesagtes Thema handelt, hocherfreut.<\/p>\n<p>Iris wei\u00df, dass sie nicht in der Lage ist, das Projekt wirklich umzusetzen. Also muss die st\u00e4ndig in Geldsorgen lebende Jo einspringen. Diese l\u00e4sst sich wie immer von der schillernden Pers\u00f6nlichkeit ihrer Schwester und dem Honorar blenden und schreibt den Bestseller \u201eDie dem\u00fctige K\u00f6nigin\u201c.<\/p>\n<p>Iris sonnt sich in der medialen \u00d6ffentlichkeit und zieht alle Register, um die PR-Arbeit f\u00fcr den Roman anzukurbeln. Dabei schie\u00dft sie weit \u00fcbers Ziel hinaus und macht sich auch in den Augen Jos und Hortenses, die ihre Tante abg\u00f6ttisch liebt, auch wegen ihren finanziellen M\u00f6glichkeiten, l\u00e4cherlich. Sie scheint zur gespaltenen Pers\u00f6nlichkeit geworden zu sein, die reales Leben und Imagination nicht mehr zu unterscheiden vermag.<\/p>\n<p>In mehreren Erz\u00e4hlstr\u00e4ngen berichtet die franz\u00f6sische Autorin von Menschen, die einer Lebensl\u00fcge aufgesessen sind und schnell noch das Ruder herumwerfen m\u00f6chte, ob es nun der alte Marcel ist, der sich von seiner um Jahre weit j\u00fcngeren Geliebten endlich das ersehnte Kind, dass ihm seine berechnende Frau verwehrt hat, w\u00fcnscht oder Iris Mann, der seiner Frau die Augen \u00fcber ihre hohlen Tagtr\u00e4ume \u00f6ffnen will.<\/p>\n<p>Katherine Pancol hat einen leidlich lesbaren, ihr Stil gleitet oft ins Banale ab, jedoch zutiefst verlogenen Mutmach-Roman geschrieben.<\/p>\n<p>Die franz\u00f6sische Autorin will ihren Leserinnen sagen, ehrlich w\u00e4hrt am l\u00e4ngsten, steht zu euch, macht etwas aus euren Talenten und F\u00e4higkeiten, habt keine Angst. Ihr seid letztendlich die moralischen Gewinnerinnen und k\u00f6nnt alles \u00e4ndern. Diese Botschaft mag tr\u00f6stlich sein, hat aber mit der realen Wirklichkeit, die hier gesch\u00f6nt auf ein Happy End zugeht, wenig zu tun.<\/p>\n<p>Der Buchtitel und die Angst einfl\u00f6\u00dfenden Krokodile stehen m\u00f6glicherweise f\u00fcr die offensichtliche Lebensphilosophie, au\u00dfer Jos, der handelnden Figuren: Fressen oder gefressen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Katherine Pancol: Die gelben Augen der Krokodile, Aus dem Franz\u00f6sischen von Nathalie Lemmens, C. Bertelsmann Verlag, M\u00fcnchen 2011, 608 S., \u20ac 22,99, 978-3-570-10086-8 \u201e Alle hielten sie f\u00fcr ein naives Dummchen! 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