{"id":3248,"date":"2019-11-10T07:13:15","date_gmt":"2019-11-10T06:13:15","guid":{"rendered":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/?p=3248"},"modified":"2019-11-10T07:13:15","modified_gmt":"2019-11-10T06:13:15","slug":"metropol","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/karinhahnrezensionen.com\/lese24\/metropol\/","title":{"rendered":"Metropol"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eugen Ruge: Metropol, Rowohlt Verlag, Hamburg 2019, 432 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-498-00123-0<\/strong><\/p>\n<p><code><a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/349800123X\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=349800123X&amp;linkCode=as2&amp;tag=wwwkarinhahnr-21&amp;linkId=f7a986bfd1808f50e7b557eb588171cb\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img src=\"\/\/ws-eu.amazon-adsystem.com\/widgets\/q?_encoding=UTF8&amp;MarketPlace=DE&amp;ASIN=349800123X&amp;ServiceVersion=20070822&amp;ID=AsinImage&amp;WS=1&amp;Format=_SL250_&amp;tag=wwwkarinhahnr-21\" border=\"0\"><\/a><img loading=\"lazy\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" alt=\"\" src=\"\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=wwwkarinhahnr-21&amp;l=am2&amp;o=3&amp;a=349800123X\" border=\"0\"><\/code><\/p>\n<p><em>\u201eDie Menschen glauben, was sie glauben wollen. Betonung auf wollen. \u2026 Nein, der Glaube der Menschen h\u00e4ngt nicht von Fakten ab, nicht von Beweisen. Schlimmer noch \u2013 und das ist fast so etwas wie der zweite Teil der Erleuchtung, eine Steigerung: Man kann ihnen Fakten liefern, man kann sie widerlegen, es hilft nichts. Im Gegenteil, wer etwas glauben will, findet einen Weg!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Familienthemen lassen Eugen Ruge nicht los, hat er nicht schon vor sieben Jahren in seinem Erfolgsroman <em>\u201eIn Zeiten des abnehmenden Lichts\u201c <\/em>\u00fcber seinen Vater, dessen russischer Frau und von einem Jubil\u00e4um geschrieben. Nun steht im Mittelpunkt seines neuen Romans seine Gro\u00dfmutter Charlotte, die mit ihrem zweiten Mann Wilhelm in der Komintern, in Moskau konspirativ t\u00e4tig war. Sich an historischen sehr pers\u00f6nlichen und streng geheimen Unterlagen entlanghangelnd, versucht der Autor, die spezielle Lebenssituation der deutschen Kommunisten im Lande Stalins zu rekonstruieren.<\/p>\n<p>Es sind die schwierigen Jahre 1936 und 1937, in denen die sogenannten Schauprozesse stattfanden. \u00d6ffentliche Anklageschriften wurden in den Zeitungen verbreitet und Charlotte, die inzwischen im Gegensatz zu Wilhelm, ganz gut Russisch gelernt hat, entdeckt mit Entsetzen, das ihr guter Bekannter, Alexander Emel, sich unter den ersten sechzehn Angeklagten befindet, die alle das sagen, wozu sie gezwungen wurden, erschossen werden. Angeklagt der Konterrevolution unter der F\u00fchrung Trotzkis, wollten die sogenannten Volksfeinde angeblich Mordanschl\u00e4ge gegen Stalin u.a. h\u00f6here Kader ver\u00fcben.<br \/>\nAuch aus der Sicht des obersten Richters der UdSSR, Wassili Wassiljewitsch Ulrich, kann der Leser sich ein Bild von der Gesellschaft des neuen Sowjetmenschen machen, der genauso kleinkariert, korrumpierbar, gierig und egoistisch war, wie jeder andere. M\u00fcrrisch und schlecht gelaunt sind alle Leute in Serviceberufen und vor allem die Beamten. Die Nomenklatura wird besser versorgt als der normale Sowjetb\u00fcrger und Skrupel haben die neuen Machthaber in keiner Sekunde.<br \/>\nKritik und Selbstkritik ist nun gefragt, denn Charlotte und Wilhelm werden von ihren Aufgaben freigestellt, suspendiert und von ihrer Stelle im Geheimdienst OMS ins Moskauer Hotel Metropol verfrachtet. Hier wohnen sie T\u00fcr an T\u00fcr mit Lion Feuchtwanger und m\u00fcssen warten. Da sie nicht vom Hotel g\u00fcnstig verpflegt werden, muss sich Charlotte an endlosen Schlangen anstehen, um wie Otto-Normalb\u00fcrger Lebensmittel zu besorgen.<br \/>\nWilhelm strukturiert seinen arbeitslosen Tag, indem er in die Bibliothek geht, viel schl\u00e4ft und Charlotte Vortr\u00e4ge, \u00fcber das h\u00e4lt, was er gelesen hat.<br \/>\nAuch Hilde, Wilhelms erste Frau, die ebenfalls beim Geheimdienst arbeitet, darf aus ihrer Sicht berichten. Sie hat, mit diesem Schreiben beginnt der Roman, mitgeteilt, dass die Germaines, so der Deckname von Charlotte und Wilhelm, Kontakt zu Emel hatten.<br \/>\nGrau ist dieses Moskau, von dem Eugen Ruge erz\u00e4hlt, einer misstraut dem anderen, niemand redet offen und wenn einer in Verdacht ger\u00e4t, dann r\u00fccken alle extrem weit von ihm ab. Die viel gepriesene Solidarit\u00e4t hat unter Genossen keinen Wert, denn jeder m\u00f6chte sein Leben behalten. Alle mussten die sowjetische Staatsb\u00fcrgerschaft beantragen, wohin also sollten sie fliehen?<br \/>\nWer heute der beste und treueste Anh\u00e4nger von Stalin ist, kann morgen schon vor dem Richter stehen und egal, was er sagt, er ist schuldig. Unsicherheit, Angst und Opportunismus beherrschen die Bewohner in der vierten Etage im Metropol.<\/p>\n<p>Zwischen Charlotte, die sich geistig ihrem Mann \u00fcberlegen f\u00fchlt, und Wilhelm herrschen ebenfalls Spannungen. Wagt Charlotte zumindest in Gedanken Zweifel, an dem was in der SU vor sich geht, so folgt Wilhelm treu gl\u00e4ubig den Parteivorgaben. Die Stunde der Denunzianten ist da und sie wird gnadenlos genutzt. Kurzzeitig kann Charlotte als Volont\u00e4rin und sp\u00e4ter Redakteurin bei der Verlagsgenossenschaft arbeiten. Sie glaubt sich entlastet und sp\u00fcrt doch auch dort Neid und Eifersucht. Dass jeder im Parteiapparat mit jedem zu tun hatte, ist klar. Wer nicht schnell genug, den anderen anzeigt, macht sich verd\u00e4chtig. Ein Paradoxon. Gestreut wird das Ger\u00fccht, dass Stalin von allem ja gar nichts wei\u00df. Wer es glaubt&#8230;&#8230;<br \/>\nWie durch ein Wunder \u00fcberlebt die Ruges Gro\u00dfmutter und h\u00e4lt bis zu ihrem Tod am kommunistischen Unrechtsregime fest.<\/p>\n<p>Im Nachwort erz\u00e4hlt Eugen Ruge von seinen Recherchen in Moskau und den fiktiven, wie wirklichkeitsnahen Szenen, die im Hotel Metropol und au\u00dferhalb spielen.<br \/>\nWie ein Kammerspiel belauern sich die Menschen in diesen Jahren der Schauprozesse. Auch wenn die Sowjetmacht mit Gewalt vieles durchgedr\u00fcckt hat, froh sind die Menschen nicht geworden.<br \/>\nAuch heute hat die Opposition einen schweren Stand. Wieder umkreist eine Person das Denken der Russen und wieder herrschen antidemokratische Kr\u00e4fte und haben mit eiserner Hand das Land im Griff.<\/p>\n<p>Warum frei denkende Menschen in den granitenen Dogmen der Partei Halt gefunden haben, bleibt auch nach der Lekt\u00fcre dieses Romans ein R\u00e4tsel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eugen Ruge: Metropol, Rowohlt Verlag, Hamburg 2019, 432 Seiten, \u20ac24,00, 978-3-498-00123-0 \u201eDie Menschen glauben, was sie glauben wollen. Betonung auf wollen. \u2026 Nein, der Glaube der Menschen h\u00e4ngt nicht von Fakten ab, nicht von Beweisen. 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